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Die Industrialisierung Ingelheims im 19. und 20. Jahrhundert


Autor: Hartmut Geißler
nach Henn, Industrie-Entwicklung; Vey, Kriegsjahre; Ingelheim 74; Kalogrias (in Meyer-Klausing)


Der Schwerpunkt der Industrialisierung lag uind liegt immer noch im Ortsteil Nieder-Ingelheim, aber auch in der Frei-Weinheimer Gemarkung entstanden Industriebetriebe, kaum in Ober-Ingelheim und gar nicht in Großwinternheim.

Der folgende Ausschnitt aus dem Briefkopf der Cementwerke von Carl Krebs zeigt zwar idealisiert, aber dennoch aussagekräftig die Standortvorteile, die in Nieder-Ingelheim zur Ansiedlung von Industrie lockten: An der Stelle, wo heute das große Gelände von Boerhinger Ingelheim liegt, verliefen die Binger Straße und die Eisenbahn, die Selz durchfloss als Wasserlieferant und anfangs auch als Abwasserkanal das Gelände und der Hafen in Frei-Weinheim war nicht weit entfernt, auch wenn der Rhein auf dem Bild zu nahe an das Werksgelände gerückt wurde.

Abgebildet wurden hier drei Werke: hauptsächlich das Cementwerk selbst (Mitte links), aber auch das Papierstoffwerk (Mitte rechts, mit Selz) und ein kleiner Teil der frühen Boehringer-Fabrik (links neben dem Teich).

Ausschnitt des Betriebsgeländes von drei Fabriken aus dem Briefkopf von Carl Krebs (Privatbesitz)

 

Die folgenden Links führen zu kurzen Darstellungen ausgewählter Ingelheimer Industriebetriebe, die - bis auf eine Ausnahme - vor oder im Ersten Weltkrieg gegründet wurden. Ihre Beschreibung greift wegen der Kontinuität der Unternehmensgeschichten teilweise bis ins 21. Jahrhundert aus.

- Erzabbau auf dem Westerberg, ab 1857

- Portland-Cementfabrik Ingelheim Carl Krebs, ab 1863

- Düngemittelfabrik Kahn, ab 1863 im Blumengarten

- Papierstofffabrik Dr. Heyer, ab etwa 1865 in der Schafau

- Brauerei und Malzfabrik Löwensberg, ab 1866 (1890)

- Ingelheimer Maschinenfabrik KG (Jäneke), ab 1882

- Schwarzfarbenfabrik Neumühle, ab 1884

- Boehringer, ab 1885 (mit Geschichtsdaten, Boehringerhäusern, Boehringerlogo)

- Chemische Fabrik Frei-Weinheim Dr. Bopp, die "Bleiweiß", ab 1899

- Chemische Fabrik "Rhenania" Dr. Funcke, ab 1903

- Maehler & Kaege, ab 1907

- Chemische Fabrik Lorenz, ab 1914

- Rheinhessische Konserven-Aktien-Gesellschaft, gegr. im Ersten Weltkrieg

- Eisengießerei Frei-Weinheim, ab 1926


Alles in allem muss man festhalten, dass von den vielen Industriebetrieben, die vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Ingelheim gegründet wurden, nur Boehringer sich bis heute gehalten hat, begleitet von vielen neuen prosperierenden Gewerbebetrieben, die der Stadt Ingelheim mehr Einpendler als Auspendler bringen.

Auffällig ist die damalige Häufung chemischer Produktionsstätten, was aber möglicherweise mit der Namensgebung zu erklären ist: Damals nämlich war man noch stolz auf die neuen, "fortschrittlichen" chemischen Produkte, während die chemische Industrie heutzutage vielen suspekt ist.

Eine Voraussetzung für diese reiche Industrielandschaft war der Bau der Eisenbahnen, und zwar die Verlängerung der hessischen Ludwigsbahn von Mainz über Ingelheim, Bingen bis Bingerbrück mit Anschluss an das preußische Eisenbahnnetz (1857), und der Nebenstrecke der Selztalbahn von Frei-Weinheim bis Jugenheim (1904). Beide waren sie verknüpft am Bahnhof "Ingelheim" neben dem Industriegelände. Die Binger Straße und die Rheinstraße nach Frei-Weinheim bestanden schon lange.

Im Zusammenhang mit dem Bau der Selztalbahn wurde auch der Frei-Weinheimer Hafen im Jahre 1905 ausgebaut, er bekam eine neue Mole und einen Dampfkran sowie eine neue Landungsbrücke der Köln-Düsseldorfer Gesellschaft. Seine heutige Form erhielt er erst 1970/71 bzw. nach dem Umbau der Mole 2010/11.

Eine Folge, aber auch die Voraussetzung für den weiteren Industrieaufbau war das Entstehen von Gas-, Strom- und Wasserwerken, die in die heutige "Rheinhessische Energie- und Wasserversorgung" mündeten.

 

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Gs, erstmals 22.02.07; Stand: 09.02.17