Sie sind hier:   19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg > Erste Berufsschulen

Handwerkerzeichenschule – Sonntagszeichenschule - Fortbildungsschule - Industrieschule

 

Autor: Hartmut Geißler
nach Unterlagen im Ingelheimer Stadtarchiv

Schon 1844 und erneut 1854 gab es in Ober-Ingelheim die Anfänge einer Berufsschule, eine Handwerkszeichenschule für angehende Bauhandwerker. Ihr Träger war der Ortsgewerbeverein. Unterrichtet wurde im Gemeindehaus, später auch in der Scheuer dahinter.

Oft wurde der Unterricht auf den Sonntagnachmittag gelegt, weil die Eltern nicht noch zu weiteren Zeiten der Arbeitswoche auf ihre mithelfenden Kinder verzichten wollten. Deshalb nannte man sie auch Sonntagszeichenschule, ab 1878 offiziell Fortbildungsschule. Der Unterricht fand wegen verschiedener Fächer getrennt für Jungen und Mädchen statt.

Für sie mussten die damals angeschlossenen Gemeinden des Bezirks Beiträge entrichten, gestaffelt nach Einwohnerzahlen:

- Ober-Ingelheim (mit 2517 Einwohnern),
- Nieder-Ingelheim (mit 2114 Einwohnern),
- Großwinternheim (mit 804 Einwohnern)
- und Frei-Weinheim (mit 550 Einwohnern).

Im Jahre 1857 waren 14 Gemeinden daran beteiligt, so dass das Kreisamt in Bingen den Fortbestand für drei weitere Jahre zusichern konnte. Ihre Existenz hing also in den Anfangsjahren von den finanziellen Zusagen der beteiligten Gemeinden ab.

Im Schuljahr 1885/86 waren vertreten 35 Bauhandwerker, 1 Bildhauer, 2 Schmiede, 2 Wagner, 1 Küfer, 1 Pumpenmacher, 1 Sattler.

Von ihnen kamen 7 aus Ober-Ingelheim, 17 aus Nieder-Ingelheim und 19 aus Orten der Umgebung.

Zu den Gemeindezuschüssen kamen damals hinzu:
- Schulgeld,
- ein Zuschuss der Binger Sparkasse
- und Gelder des Landesgewerbevereins.

Vorderseite der Postkarte

Dass die Unterrichtung der halbstarken Jugendlichen sowohl für ihre Lehrer als auch für die Jugendlichen selbst nicht immer die reine Bildungsoffenbarung war, mag man aus folgender kleinen Episode ersehen, die ihren Niederschlag bis in die Schulakten gefunden hat:

Der Ober-Ingelheimer Lehrer Kayser bat – leider ohne Datum, aber wahrscheinlich kurz vor dem Weltkrieg – beim Schulvorstand um eine stärkere Strafe, weil einer seiner Schüler während seines Rechenunterrichts dabei war, einen lieben Gruß an eine Babette auf ein postkartenähnliches Poesiebild zu schreiben, den er ihm humor- und verständnislos abnahm.

Den Familiennamen der Angebeteten haben wir nicht identifizieren können, vielleicht ist es auch ein Pseudonym.

Auf die Rückseite des Kärtchens hatte der Schüler geschrieben: Wir sitzen hier so einsam und verlassen und müssen die Schulbank drücken und gedenken dir in weiter Ferne und hoffen von dir dasselbe. Herzliche Grü…
Mitten im Wort Grüße wurde ihm anscheinend die Karte abgenommen. 

Rückseite der Postkarte

Kayser schrieb in seinem Bericht:

Beiliegende Karte hat der Fortbildungsschüler Weitzel, Sohn des Bahnwärter[s] W. (Grundstraße) während der Rechenstunde geschrieben. Da derselbe nicht dumm, im übrigen ein dickköpfiger Bursche ist, der sich nicht im geringsten am Unterricht beteiligt, so bin ich der Ansicht, daß meine Strafgewalt nicht ausreicht. Es ist nämlich höchste Zeit, daß einer gründlich hereinfällt. Ich frage deshalb ergebenst an, ob Sie (= der Bürgermeister als Vorsitzender des Schulausschusses) geneigt sind, eine größere Strafe auszusprechen.

Kaysers Fortbildungsschüler waren höchstens 17 Jahre alt; für dieses jugendliche Alter sind Stil und Schrift der Karte schon sehr ausdrucksstark, intelligent und einfallsreich. Vielleicht hat ihn der Rechenunterricht des Herrn Kayser unendlich angeödet, was anscheinend anderen ähnlich ging, denn dieser wollte mit der größeren Strafe offenbar ein Exempel statuieren (Es ist nämlich höchste Zeit, daß einer (!) gründlich hereinfällt.)

Die angebetete Babette könnte entweder ein Volksschülerin sein (bis 14 Jahre) oder eine Schülerin der Industrieschule für Mädchen, also maximal 16 Jahre.

Es ist den Akten nicht zu entnehmen, was der Schulvorstand mit dieser Beschwerde gemacht hat.


Die Fortbildungsschule in Nieder-Ingelheim

Nach dem Schulgesetz von 1874 war jede Gemeinde verpflichtet, für die aus der Volksschule entlassenen männlichen Jugendlichen Fortbildungsschulen, also Berufsschulen einzurichten. Ein Erlass des Innenministeriums für die Kreisschulcommissionen regelte die Einzelheit dazu. Von zentral vorgegeben Lehrplänen wurde damals noch Abstand genommen, um die örtlichen Gegebenheiten ausreichend berücksichtigen zu können. Vorgesehen waren aber mindestens vier abendliche Unterrichtsstunden in den vier bis fünf Monaten des Winterhalbjahres. In einer Klasse sollten nicht mehr als 40 Schüler unterrichtet werden. Jede Art von "körperlicher Züchtigung" sollte bei Fortbildungsschulen unterbleiben. Ihr Unterrichtszweck wurde amtlich folgendermaßen beschrieben:

Stadtarchiv Ingelheim (Rep III 558)


1888 wurde in Nieder-Ingelheim eine solche Fortbildungsschule gegründet, die bis 1932 Bestand hatte. Sie stellte allerdings während des Ersten Weltkrieges ihre Tätigkeit ein, weil einerseits die zum Kriegsdienst eingezogenen Lehrer fehlten und weil andererseits viele Firmen Jugendliche als Ersatzarbeitskräfte anforderten, die daraufhin von der Fortbildungsschulpflicht befreit wurden.

Die Schüler fühlten sich wohl vom Unterricht in solchen Fortbildungsschulen nicht immer sehr motiviert, denn die Archiv-Akten dazu enthalten einige Klagen über das Verhalten der Schüler. Aus dem Winterhalbjahr 1892/93 ist eine Unterstützungsbitte des Schulvorstandes Dr. Walther an den Bürgermeister als Chef der Ortspolizei erhalten:

Der Schulvorstand zu Nieder-Ingelheim an Großherzogliche Bürgermeisterei dahier

In den verflossenen Jahren wurde vielfach darüber Klage geführt, daß die Schüler der Fortbildungsschule nach Schluß des Unterrichts allerlei Unfug auf den Straßen verüben, ferner vor und nach demselben die Wirthsheuser besuchen. Wir erachten es für [unsere?] Pflicht, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln, solchen Ausschreitungen vorzubeugen, können jedoch wenig ausrichten, wenn nicht die Polizeibehörde energische Unterstützung gewährt. Der Schulvorstand hat daher in seiner Sitzung vom 7ten October den nachstehend in Abschrift enthaltenen Beschluß gefaßt. Indem wir denselben Großh. Bürgermeisterei zur Kenntnis bringen, dürfen wir wohl die Erwartung hegen, daß der Ortsvorstand durch freundliches Entgegenkommen, unsere Absicht, Zucht und Ordnung bei unserer Jugend zu erhalten und zu fördern, unterstützt.
Für den Schulvorstand
Der Vorsitzende Dr. Walther

Eine Industrieschule für katholische Mädchen in Nieder-Ingelheim

Am 10. Mai 1886 teilte Bürgermeister Weitzel einem Frauencomite, das sich zu diesem Zweck gegründet hatte, die Statuten einer zu gründenden (katholischen) Industrieschule für Mädchen mit, die von der Regierung in Darmstadt gebilligt worden waren. Danach sollte dieser hauswirtschaftliche Unterricht von Mädchen besucht werden, die aus der Volksschule entlassen waren, und zwar bis zum vollendeten 16. Lebensjahr, also ein Jahr weniger als die Fortbildungsschulpflicht der Jungen.

Unter "Industrie" verstand man damals nicht dasselbe wie heute; solche hauswirtschaftlichen Mädchenschulen hießen schon lange vor der Industrialisierung "Industrieschulen".

 

Industrielehrerinnen (Handarbeitslehrerinnen)

Auch in Großwinternheim gab es sogenannten Industrielehrerinnen für Mädchen, das heißt Handarbeitslehrerinnen. Aus dem Protokollbuch des Gemeinderats geht die Anstellung von Margaretha Schild im Jahre 1877 hervor und die Anstellung von Elisabetha Hefner am 24. Mai 1879, Ehefrau des Jakob Hefner III., vorerst widerruflich auf ein Jahr. Nach einer genealogischen Notiz zu ihrem Mann übte sie diesen Beruf 23 Jahre aus.

 

Zurück zum Seitenanfang

Gs, erstmals: 17.02.17; Stand: 19.02.17