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Der Bismarckturm auf der Waldeck


Autor: Hartmut Geißler
nach Henn, Auf der Höhe, Emmerling, Bimarckturm,
unter Benutzung der Ingelheimer Chronik
und in Abstimmung mit Jörg Bielefeld von www.bismarcktuerme.de


Schon von weitem ist aus dem Rheintal auf einer Anhöhe ein wuchtiger Turm zu erkennen, auf der zum Rhein weisenden Spitze des Westerbergplateaus zwischen dem Tal der Selz in Ingelheim und dem des Welzbaches in Gau-Algesheim. Es ist der "Bismarckturm", erbaut zu Beginn des 20. Jahrhunderts "zu Bismarcks Ehr", wie es über seinem historisierend neoromanischen Eingangstor heißt.

Er kann im Inneren, das völlig leer ist, über 111 Stufen bestiegen werden. Von oben hat man eine herrliche Aussicht in das Rheintal und ins Selztal über Nieder- und Ober-Ingelheim, auch hinüber zum Rheingau und zum Niederwald-Denkmal oberhalb von Rüdesheim auf ehemals preußischem Gebiet, zur "Germania", die an den Sieg im deutsch-französischen Krieg 1870/71 erinnert und vor allem an die daraufhin möglich gewordenen Reichsgründung.

Der Turm und die daneben liegende Gaststätte "Waldeck" mit ihrem Tigergehege sind beliebte Ausflugsziele.

Foto Geißler



Eingang des Ingelheimer Bismarckturmes - Foto Geißler
Bismarcksäule in Landstuhl nach dem Originalentwurf "Götterdämmerung" (Höhe: 19 m) - mit Dank an Jörg Bielefeld

Nachdem der als Architekt des neuen "Deutschen Reiches" von 1871 angesehene Fürst Otto von Bismarck, schon zu Lebzeiten in einigen Denkmälern geehrt worden war, steigerte sich der Kult um seine Person nach seiner Entlassung aus dem Reichskanzleramt 1890 und erst recht nach seinem Tode 1898 immer mehr.

An vielen Orten bildeten sich Komitees, die ein Denkmal planten oder begannen. Die Formen dieser Erinnerungskultur variierten dabei beträchtlich, am häufigsten waren anfangs Büsten und Standbilder Bismarcks, deren Gestaltung aber keinem allgemeinen Plan folgte. Das änderte sich ein Jahr nach seinem Tode (1899), als der damals erst 26jährige Architekt Wilhelm Kreis, in Eltville geboren und damals in Dresden tätig, mit seinen eingereichten fünf Entwürfen die ersten drei Plätze (unter 320 eingereichten Entwürfen!) in einem Wettbewerb der "Deutschen Studentenschaft" belegt hatte. Er nannte seinen Sieger-Entwurf "Götterdämmerung". Türme genau nach diesem Entwurf befinden sich in Rheinland-Palz noch heute in Bad Ems (mit 12,5 m Höhe), Idar-Oberstein (15 m), Kirn (12 m), Landstuhl (19 m) und Sargenroth (bei Simmern; 17,5 m). Zum Vergleich: Der Ingelheimer Turm hat eine Höhe von ca. 32 m. Kreis hatte auch zeitweise bei Paul Wallot, dem Erbauer des Reichstages, mitgearbeitet, und auch für seine Entwürfe zum Leipziger Völkerschlacht-Denkmal errang er Preise, wenn auch keiner von ihm verwirklicht wurde.

Die Studentenschaft hatte an sich den Auftrag für den Entwurf einer "Feuersäule" gegeben, auf der man oben ein Feuer entzünden konnte, und zwar war daran gedacht, dies auf allen solchen Säulen gleichzeitig zu tun. Die meisten Wettbewerber sendeten allerdings Turmentwürfe ein, so auch Kreis. Trotzdem blieb der offizielle Name dafür "Bismarck-Säule".

Das Vorhaben der gleichzeitigen Befeuerung konnte zwar nicht realisiert werden, da man sich nicht auf einen gemeinsamen Termin einigen konnte (Bismarcks Geburtstag am 1. April lag leider in den Semesterferien!), aber immerhin wurden in Anlehnung an den Kreis'schen Entwurf insgesamt 47 Bismarcksäulen bzw. -türme errichtet.

Gleichfalls nach einem (anderen) Entwurf von Wilhelm Kreis (von 1911) sollte oberhalb von Bingerbrück eine Art überregionales Bismarck-National-Denkmal am Rhein errichtet werden, ein monumentaler Zentralbau mit kolossalen Halbrundpfeilern und Kuppel, in dem eine riesige sitzende Bismarck-Statue ihren Platz finden sollte. Der Beginn des Ersten Weltkrieges verhinderte die Realisierung.

Gemeinsam ist den Bismarcksäulen, dass sie mithilfe von Privatspenden, also nicht aus staatlichen Geldern, und aus einheimischen Steinen gebaut wurden, wuchtige, viereckige Türme, deren Ecken säulenartig gerundet sind. Die oberen Abschlüsse differieren erheblich, je nachdem was man als Ersatz für die ursprünglich offene Feuerstelle schuf. Die stilistische Gestaltung folgt allgemein dem damals beliebten neoromanischen Stil, ähnlich dem des Leipziger Völkerschlachtdenkmales, für das Kreis auch einen Entwurf ausarbeitete. Der romanische Stil wurde damals eher als ein "deutscher" Stil angesehen, im Gegensatz zum gotischen Stil, den man mit Frankreich assoziierte.

In der zeitgenössischen künstlerischen Einschätzung der Entwürfe wird u.a. das Vorherrschen des "Trotzigen, Gigantischen" des Kreis'schen Entwurfs betont, das man mit der Erinnerung an Bismarck "so eng" verbinde.

Der Ingelheimer Turm ist von Kreis selbst - leicht abgeändert - nach diesem seinem Entwurf gestaltet. Der Durchschnitt aller bisher bekannten Türme nach dem Originalentwurf ist 16,7 m hoch, der Durchschnitt aller anderen Türme, die Kreis entworfen hat, 20,55 m. Demgegenüber ist der Ingelheimer Turm mit 32 m ein Riese. Die Kuppel, um die ein Aussichtsrundgang führt, stammt nicht vom Original-Entwurf "Götterdämmerung".

Insgesamt wurden über 400 Bismarcktürme und Bismarckfeuersäulen geplant, von denen bis 1934 auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches und seiner Kolonien knapp 240 Türme als Aussichtstürme oder Feuersäulen errichtet wurden. Bis heute überlebt haben davon noch knapp 170 Bauwerke (Seele, Lexikon, S. 14).

Siehe: http://www.bismarcktuerme.de


Der Bau der Ingelheimer "Bismarcksäule"

In Ingelheim waren es führende Mitglieder des "Alldeutschen Verbandes" von Rheinhessen, die von 1902 an den Bau planten, d.h. den Bauplatz suchten, einen Architekten und einen Bauunternehmer engagierten und die vor allem Spenden eintrieben. Ortsgruppen des AV gab es damals in Mainz, in Alzey, Worms, Speyer und Wöllstein. Der Vorsitzende der rheinhessischen Verbandsgruppe, Kommerzienrat Richard Avenarius aus Gau-Algesheim, wollte das Denkmal ursprünglich auf der heute sog. "Richardshöhe" oberhalb seiner Gemeinde errichten lassen, wo heute eine kleine Schutz- und Aussichtshütte steht, im Volksmund "GAGA" genannt (Gebrüder Avenarius Gau-Algesheim).

Den Zuschlag bekam aber schließlich die Nachbargemeinde Ober-Ingelheim mit einem Platz unweit dieser Schutzhütte, weil einerseits viele katholische Gau-Algesheimer in Erinnerung an den preußischen "Kulturkampf" gegen die katholische Kirche kein Bismarckdenkmal wollten und weil Ober-Ingelheim das exponierte Gelände auf der Anhöhe der "Waldeck" kostenlos zusagte und außerdem versprach, einen dorthin führenden Feldweg auszubauen.

Dass die Zustimmung der Ober-Ingelheimer Bevölkerung zu dem großen Projekt nicht ungeteilt war, zeigt die folgende Zeitungsmeldung vom 15. Februar 1905: "Papierene Begeisterung. Wenn Stein und Bein zusammen gefroren sind, daß man daran denken sollte, die Not eines Bedürftigen zu lindern, bringt man es hier fertig, für die Bismarcksäule Gelder zu sammeln. Die kleinen Geschäftsleute können nicht Nein sagen und geben mit papierner Begeisterung, während sie die Zwangslage und das Projekt der Reichstreue zum Teufel wünschen. Man schaut sich noch immer vergebens nach jenen kapitalkräftigen Herren um, die sehr gut in der Lage wären, ihrem öffentlichen Patriotismus eine tüchtig klingende Unterlage zu geben."

Neben Richard Avenarius engagierte sich vor allem der Mainzer Rechtsanwalt Dr. Heinrich Claß als Leiter des Bauausschusses für das Projekt. Claß, der auch politischen Ehrgeiz entwickelte (1902 vergebliche Bewerbung um ein Landtagsmandat und 1903 bekam er nur 32 Stimmen zu wenig für ein Reichstagsmandat des Wahlkreises Bingen-Alzey), trat als Vorsitzender des Alldeutschen Verbandes und publizistisch durch eine extrem nationalistische, rassistische und antisemitische Veröffentlichung ("Wenn ich Kaiser wär'", 1912 ff.) hervor, die Adolf Hitler bewundernd gelesen haben soll. Es soll auch einen Besuch Hitlers bei Claß gegeben haben. Claß wirkte 1931 an der Gründung der Harzburger Front mit und zog 1933 als Gast-Abgeordneter der NSDAP in den Reichstag ein. In dem Büchlein ist vieles der späteren NS-Juden-Politik vorweggenommen. Der Alldeutsche Verband wurde 1939 zur Selbstauflösung genötigt, und Claß selbst starb 1953 in Jena, wo er bei seiner Tochter lebte.

Zur besseren Unterstützung des Bauvorhabens gründete Claß im Juni 1906 in Nieder-Ingelheim den "Rheinhessischen Bismarck-Verein", der bis zu seiner Auflösung 1953 der Träger des Denkmales war, und wurde sein erster Vorsitzender.

Ziele des Vereins waren
- die Errichtung einer Bismarcksäule auf der Waldeck bei Oberingelheim,
- die Unterhaltung dieser Säule
- sowie die Befeuerung derselben an bestimmten Gedenktagen.

In die ausliegenden Listen trugen sich sofort 70 Mitglieder ein, darunter
- Bürgermeister Schätzel (Ober-Ingelheim),
- Fabrikant Odernheimer (Nieder-Ingelheim),
- Bürgermeister Saalwächter (Nieder-Ingelheim)
- sowie Kommerzienrat Richard Avenarius (Gau-Algesheim).

In der Sitzung gab Heinrich Claß an, dass nun Spendenmittel in Höhe von 22.000 Mark für den Turmbau zur Verfügung stünden.

Claß erzählt in seinen 1932 erschienenen Erinnerungen ("Wider den Strom") über den Bau:

"Der Entwurf wurde wieder Wilhelm Kreis übertragen, die Bauausführung dem Mainzer Unternehmer Hauswald. Hochgemut legten wir am Gravelotte-Tag 1902 unter Teilnahme vieler Bismarck-Verehrer den Grundstein." (S. 278)

Über die Grundsteinlegung am 18. August 1907 berichtete der Ingelheimer Anzeiger unter dem Datum 20. August: "Eine Pergamenturkunde mit verschiedenen Beilagen (darunter ein Brief von Bismarck) wurde zeremoniell eingemauert. Das Fest stand im Zeichen patriotischen Jubels und nationaler Besinnung.

Dem Großherzog wurde ein auf den Anlaß bezogenes Huldigungstelegramm geschickt. Es lautete: 'Seiner Königlichen Hoheit, dem Großherzog, Darmstadt, Schloß. Zweitausend rheinhessischer Frauen und Männer, versammelt zur Grundsteinlegung der Bismarcksäule auf der Waldeck, huldigen dem Landesfürsten und feiern das Andenken seines Herrn Vaters, der im großen Kriege die hessischen Truppen zum Siege geführt hat.'"

Nach Baubeginn zeigten sich freilich unerwartete Schwierigkeiten. Infolge des schlechten Untergrundes mussten die Fundamente dreimal so tief wie ursprünglich geplant nach unten gebaut werden, was das anfangs zur Verfügung stehende Geld sofort verschlang.

Die Steine für den Bau sollen aus der Umgebung, vom Westerberg selbst und aus den Steinbrüchen am Mainzer Berg stammen, erscheinen sehr witterungsfest und sind "handwerklich ungemein solide" (Henn) verarbeitet.

Zeitungsannonce für das Fest am Bau vom 4.9.09

Zwischendrin veranstaltete der Verein Besichtigungen, so z. B. am Sonntag, dem 5. September 1909. In der entsprechenden Vorankündigung im Rheinhessischen Beobachter vom 02.09.09 heißt es:

"Die Bismarcksäule auf der Waldeck ist in ihrer Vollendung soweit vorgeschritten, daß sie jetzt von jedermann bestiegen werden kann. Da jedoch die Mittel, welche zur gänzlichen Vollendung dieses imposanten Bauwerks noch notwendig sind, nicht vorhanden sind, so unterbleibt für dieses Jahr das Weiterbauen, in der Hoffnung, daß es im kommenden Jahre dem Rheinhess. Bismarckverein durch tatkräftige finanzielle Unterstützung möglich wird, die Säule in ihrer ganzen Größe fertigstellen zu können."

Eine richtige "Eröffnungsfeier" kann das damals noch nicht gewesen sein, denn weiter und zu Ende gebaut wurde demnach erst im Jahre 1910. Da die Zeitung anschließend nichts über das angekündigte Fest berichtete, lässt sich von heute aus schwer beurteilen, was damals 1909 wirklich stattgefunden hat.

Claß behauptet, durch seine eigenhändigen Bettelbriefe mindestens 50.000 Mark der tatsächlichen Baukosten von 80.000 Mark aufgebracht zu haben. Mit 27.000 Mark Kosten war ursprünglich gerechnet worden. An den Kosten hatte der Bismarckverein noch bis 1915 zu tragen.

Die Fertigstellung zog sich also noch hin, zumal der Bismarck-Verein den Bauplan von Kreis noch einmal ändern ließ. Auf die Anbringung einer monumentalen Bismarck-Figur auf der dem Rhein zugewandten Seite, wie eigentlich geplant, wurde verzichtet.


Das Bild oben, eine Postkarte, deren Abdruck uns freundlicherwiese durch Jörg Bielefeld (www.bismarcktuerme.de) erlaubt wurde, zeigt den Ingelheimer Bismarckturm noch ohne Kuppel.

Im Dezember 1910 war der Turm selbst schließlich fertiggestellt (Zeitungsmeldung vom 1.12.10); danach aber wurde noch eine auf Pfeilern ruhende Kuppel mit einer Feuerschale daraufgesetzt, nach dem Bild einer Postkarte mit Poststempel vom 24.08.1911 (Jörg Bielefeld) offenbar schon im Sommer 1911; der Ingelheimer Anzeiger meldete am 23. März 1912 sozusagen zum zweiten Mal:

"Die 37 Meter hohe rheinhessische Bismarcksäule auf der Waldeck ist jetzt vollendet." [Die Höhenangaben differieren.]

Da die Bauunterlagen nicht mehr erhalten sind, weiß man nicht, ob der obere Abschluss mit der Kuppel und einer Feuerschale darauf vom Architekten Kreis selbst stammt, wofür aber Vergleiche mit den obenen Abschlüssen anderer Türme sprechen (so Jörg Bielefeld).


Die Einweihungsfeier 1912
(zum Festprogramm)

Die Einweihungsfeierlichkeiten fanden am 12. Mai 1912 vor wieder ca. 2.000 Besuchern statt. Über sie wurde in der Zeitschrift "Bismarck-Bund", 1912, S. 78 berichtet:

"Ober-Ingelheim. Die rhein-hessische Bismarck-Säule auf der Waldeck ist nun auch in Gegenwart einer nach Tausenden zählenden Bismarckverehrern [sic] eingeweiht worden. Von den Behörden waren erschienen: Der Gouverneur der Festung Mainz, General der Kavallerie Graf Schiefen, der Kommandant Generalmajor v. Ruville, der Provinzialdirektor Geheimrat Dr. Breidert, Landgerichtspräsident Dr. Hangen, Oberbürgermeister Dr. Göttelmann aus Mainz.

Der Alldeutsche Verband, der die Anregung zu der Bismarck-Säule gegeben hatte, war durch seinen Vorsitzenden Rechtsanwalt Claß-Mainz vertreten. Die Feier wurde zu einem großen Volksfeste, an dem nicht nur die Bevölkerung der benachbarten Orte Ingelheim und Gau-Algesheim sich beteiligte, sondern es waren Teilnehmer auch aus ganz Rheinhessen erschienen, besonders viele Veteranen.

Der Vorsitzende des Bismarckvereins, Kommerzienrat Rich. Avenarius aus Gau-Algesheim, selbst ein Mitkämpfer aus dem großen Kriege, begrüßte die Erschienenen und gab der Genugtuung darüber Ausdruck, daß nun am Ufer des Rheines das Ehrenmal erstanden sei, das von Rheinhessens Treue zu dem Fürsten Bismarck Kunde gebe.

Bauunternehmer Hauswald-Mainz, der das gewaltige Bauwerk nach den Plänen von Professor Kreis ausgeführt hat, übergab es dem Bismarckverein, indem er dessen Vorsitzenden den Schlüssel überreichte.

Es folgte dann die Besichtigung des Turmes, der durch seine Größe und Wucht allgemeine Bewunderung erregte. Die Aussicht, die man von der Plattform auf den Rheingau genießt, war bei der Gunst der Witterung überwältigend schön.

Die Weiherede hielt Professor Gebhard aus Friedberg, ein geborener Ingelheimer, der in ergreifender Weise den Helden Bismarck schilderte und hervorhob, was Bismarck unserer Zeit und den kommenden Geschlechtern bedeute: Das gewaltige Vorbild vaterländischer Pflichterfüllung. Die ausgezeichnete, nach Form und Inhalt gleich meisterhafte Rede fand begeisterten Widerhall, und brausend klang das Heil des Redners auf das deutsche Volk.

Im Namen des Kreises sprach Kreisrat Dr. Steeg den Dank für das Bauwerk aus und gelobte namens der Bevölkerung, daß es in Ehren gehalten werde. Sein besonderer Dank galt den beiden Vorsitzenden des Bismarckvereins."

 

Die Rolle des Alldeutschen Verbandes

Beide - Avenarius und Claß - wurden später zu Ehrenvorsitzenden des Rheinhessischen Bismarck-Vereins ernannt. Sie und der Festredner Gebhard verkörpern die Federführung des Alldeutschen Verbandes beim Bau des Ingelheimer Turmes, so offensichtlich wie bei keinem der 13 anderen Bismarcktürme in Rheinland-Pfalz. Nur beim Turm in Altenkirchen ist eine Beteiligung des Alldeutschen Verbandes bekannt.

Außerhalb von Rheinland-Pfalz trat der Alldeutsche Verband deutlich bei folgenden Türmen in Erscheinung: Hagen, Hildesheim, Kassel, Culm, Königsberg und Eger (Dank an die Hinweise von Jörg Bielefeld).

Siehe: http://www.bismarcktuerme.de/ebene3/laender/karterheinlpf.html

Diese Türme wurden (mit Ausnahme des Turmes in Eger) aber alle schon erheblich früher als der Turm in Ingelheim begonnen (1898-1900), so dass man vermuten kann, dass das Engagement von Heinrich Claß auch der Profilierung innerhalb des Verbandes diente. Er war nämlich 1900 in die Hauptleitung berufen worden und stieg 1904 zum stellvertretenden Vorsitzenden auf. 1908 übernahm er nach dem Tode des bisherigen Vorsitzenden den Verbandsvorsitz, den er bis zur Auflösung des AV 1939 innehatte.

http://www.bismarcktuerme.de/ebene3/laender/karterheinlpf.html


Die spätere Nutzung des Ingelheimer Bismarckturmes

Ernst Emmerling, allseits geschätzter Kunsthistoriker und Heimatforscher, hebt ausdrücklich hervor, dass schon 1912 auch die Ingelheimer Sozialdemokraten, vormals von Bismarck verfolgt, auf die Waldeck zum Bismarckturm kamen. Offenbar waren auch sie nun von der allgemeinen Bismarck-Begeisterung erfasst.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde von der Gemeinde Ober-Ingelheim 1925 eine Gastwirtschaft mit Tanzsaal neben dem Turm errichtet, und nun, nach dem Ende der Inflation, konnte man auch an die Ausbesserung des Turmes gehen, denn es waren zwischenzeitlich alle Türen und Fenster zerstört worden, so dass sie vorübergehend zugemauert werden mussten.

Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein fanden am Bismarckturm viele Turnfeste, Sonnenwendfeste, Bismarck-Gedenkfeiern und ähnliches statt, z. B. ein Mitternachtsfeuerwerk anlässlich der Beendigung der alliierten Besetzung des Rheinlandes in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1930.

Dabei wurde mehrfach auch ein Feuer in der Schale auf der Kuppel entzündet,
- so am 5.3.1927 (anlässlich der Festfahrt des Deutschen Touring-Clubs),
- am 30.3.1930 (zwei Tage vor Bismarcks Geburtstag),
- am 30.6.1930 (anlässlich der erwähnten Feiern zum Ende der Rheinlandbesetzung) sowie
- am 19.7.1930 (Besuch Hindenburgs im Rheinland) und
- in den folgenden Jahren als Johannisfeuer durch den Ober-Ingelheimer Pfarrer Scharmann, der 1931 das Amt des Vereinsvorsitzenden übernommen hatte.

Als der Bismarckverein 1953 liquidiert wurde, ging der Turm in den Besitz der Stadt Ingelheim über, die nun für seine Pflege zuständig ist und zu garantieren hat, dass der Turm auf immer "Bismarckturm" heißt.

Heute ist der Turm schon lange kein Ort mehr für nationalistische Aufwallungen, aber in seiner Geschichte spiegeln sich viele Elemente der deutschen Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

Emmerling charakterisierte das Bauwerk so:
"Es dürfte unbestritten sein, daß der Bismarckturm zu den ansehnlichsten Bauten des zwanzigsten Jahrhunderts im Bereich der Stadt Ingelheim gerechnet wird." (S. 63)

Nach einem ersten Versuch im Jahre 2002 wird der Turm seit 2003 auf Initiative des Vereins "Lebenswertes Ingelheim" jährlich in der Vorweihnachtszeit durch eine besondere Anstrahlung - Turm rot, über der Kuppel eine Stahlkonstruktion als "Flamme" weiß - zu einer riesigen Weihnachtskerze umgestaltet, eine späte kommerzialisierte Variante der ursprünglichen Feueridee. Illuminiert wird sie von 31 Strahlern mit Rotlichtfolie und von 576 Glühbirnen am Metallgestell der weißen "Flamme" (6 m x 4 m) und heißt im hiesigen Dialekt dann "Ingelummer Kerz" (mit "mm" sogar als Warenzeichen geschützt!).

Ab 2015 wurde die Beleuchtung auf sparsamere LED-Technik umgestellt.

Hier ist die Weihnachtskerz' zusammen mit einem Halbmond:

Foto Geißler

Am 23. August 2012 veranstaltete der Historische Verein Ingelheim zur Erinnerung an die einhundert Jahre zurückliegende Einweihung des Turmes einen Vortragsabend in der Gaststätte auf der Waldeck, bei dem Jörg Bielefeld und Hartmut Geißler über das Bismarck-Gedenken allgemein, über Bismarck-Türme in Rheinland-Pfalz und über die Baugeschichte des Ingelheimer Turmes referierten.

 

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Gs, erstmals: 21.06.07; Stand: 16.12.17