Sie sind hier:   Ingelheim ab 1945

Zur Geschichte der Stadt "Ingelheim am Rhein" ab 1945


Autor: Hartmut Geißler
(noch in Bearbeitung!)


Einleitung:

In den mittlerweile über sieben Jahrzehnten nach dem Ende der Naziherrschaft und des Zweiten Weltkrieges hat sich Ingelheim - eingebettet in eine außergewöhnlich lange Zeit des Friedens und der Wohlstandsmehrung in ganz (West-) Deutschland bzw. Westeuropa so tiefgreifend gewandelt wie niemals zuvor.

Die Situation, die Bürgermeister Dr. Rückert 1945 vorfand:

Was mir bei meiner Rückkehr nach Ingelheim zuerst auffiel, war der geradezu katastrophale Zustand der Straßen, insbesondere der Mainzer-, Binger- und Grundstraße. Sowohl durch die zurückfahrenden deutschen als auch durch die vorrückenden amerikanischen Panzer war in diesen Straßen Loch an Loch, so daß sie fast unbefahrbar waren. Schon im Hinblick auf die landwirtschaftlichen Fahrzeuge und Gespanne mußte hier dringend Abhilfe geschaffen werden.

Ich fuhr deshalb mit meinem Dienstwagen nach Roßdorf bei Darmstadt, wo die Odenwälder Hartsteinindustrie Schotter herstellte. Man konnte mir aber keine Lieferzusage machen, da in die französisch besetzte Zone nicht geliefert werden durfte. Man verwies mich aber auf eine Tochterfirma im Westerwald, an die ich mich wandte, und die mir auch mehrere Waggons Schotter überließ. Städtische Arbeiter brachten dann die genannten Hauptstraßen wieder in einen einigermaßen befahrbaren Zustand.

Ein Mißstand war ferner, daß die elektrische Straßenbeleuchtung keine Glühbirnen aufzuweisen hatte, da sie von einrückenden amerikanischen Soldaten als Zielscheibe benutzt und zerstört worden waren. Eine Fahrt zu der Niederlassung der Siemens-Werke nach Kaiserslautern bzw. Pirmasens brachte auch hier teilweise Abhilfe. Gleichzeitig kaufte ich auf dieser Fahrt in Pirmasens und Rotalben Schuhwerk für die städtischen Arbeiter. Alle Käufe konnte ich nur mit Wein und Obst tätigen. (Rückert in BIG 38, S. 78)

Am meisten Sorgen bereitete ihm die Lage der Ingelheimer Landwirtschaft, da sie durch Ablieferungen an die deutschen bzw. alliierten Truppen kaum mehr über Vieh verfügten. Die Obsternte 1945 war zwar gut, doch fehlte es zum Pflücken an Arbeitskräften. Die Weinernte fiel demgegenüber schlecht aus, weil durch nicht bekämpfte Schädlinge viele Pflanzen geschädigt waren. Die Kartoffelernte war durchschnittlich...

Wenn man sich diese Fakten von 1945 vor Augen führt und sie mit der Entwicklung seitdem vergleicht, wird der enorme Wandel umso deutlicher.

Landwirtschaft:

Pflügender Bauer aus dem Dia-Nachlass Weyell; Zeit: nach dem Zweiten Weltkrieg

Während die Ingelheimer Dörfer bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts - abgesehen von der fortschreitenden Industrialisierung - noch weitgehend von Landwirtschaft im Wandelkonventioneller Landwirtschaft geprägt waren, mit Ackerbau, Viehwirtschaft, Obstanbau und Weinbau, ist davon heutzutage die Viehwirtschaft so gut wie verschwunden; so waren dem Statistischen Landesamt (LA) mit Stand vom 3.5.07 keine Rinder mehr in der Ingelheimer Gemarkung gemeldet; ein Hof allerdings züchtet doch noch Mastrinder.

Die Landwirtschaftsfläche hat seit 1980 (damals: 74,6%) zwar etwas zugunsten der Siedlungs- und Verkehrsfläche abgenommen, sie verharrt aber immer noch auf einem relativ hohen Niveau von etwa zwei Dritteln der Ingelheimer Gesamtfläche (64,3% im Jahr 2018). Denn der Durchschnitt der verbandsfreien Gemeinden gleicher Größenklasse in Rheinland-Pfalz (mit 20.000 Einwohner und mehr) nutzt nur noch ein Drittel landwirtschaftlich und mehr als ein Viertel (26,8%) für Siedlung und Verkehr.

Die Landwirtschaft, die in Ingelheim betrieben wird, ist allerdings nicht mehr konventionell, sondern besteht vorwiegend aus Spezialkulturen (Obstanbau, Spargelanbau und Weinbau). Sie werden durch die drei Brunnenfiguren von Benedikt Solga auf dem Ober-Ingelheimer Marktplatz repräsentiert.

Die drei Brunnenfiguren auf dem Ober-Ingelheimer Marktplatz von Bendikt Solga;
sie repräsentieren den Wein, die Kirschen und den Spargel; Foto: Gs

Ackerbau (Raps, Braugerste, aber auch Weizen) wird zwar an einigen Stellen betrieben (auf dem Mainzer Berg, auf dem Westerberg und in den Rheinniederungen), er spielt aber keine vorherrschende Rolle.

Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe sind reine WeinbaubetriebeLandwirtschaft im Wandel, auf deren Rebflächen etwa zur Hälfte Weißwein und Rotwein angebaut wird. Das ist ein erheblich höherer Rotweinanteil als im restlichen Rheinhessen und hat der Stadt zum Beinamen der "Rotweinstadt" verholfen.

Die Anzahl der Weinbaubetriebe hat sich allerdings in der Zeit von 2010 bis 2016 weiter verringert, und zwar von 86 auf 68, während sich die Weinanbaufläche von 61.000 ar auf 64.000 erhöht hat (LA) - es herrscht also auch hier eine Tendenz zu Großbetrieben.


Industrie, Handwerk und Dienstleistungen:

Der allergrößte Teil der Bevölkerung Ingelheims jedoch verdient seit der Automobilisierung, die in den 60er Jahren verstärkt begann, seinen Lebensunterhalt in Industrie, Handwerk und mit Dienstleitungen, einerseits in Ingelheim selbst mit seinen vielfältigen Gewerbebetrieben, aber auch im Raum Bad Kreuznach, in Mainz, in Wiesbaden, in Rüsselsheim und im weiteren Rhein-Main-Gebiet. Erfreulicherweise gibt es dank der guten Arbeitsplatzsituation aber viel mehr Einpendler nach Ingelheim herein (am 30.06.18: 13.053 ) als Auspendler aus Ingelheim hinaus (6.447), also mehr als doppelt so viele. Im Landkreis Mainz-Bingen war die Pendler-Situation genau umgekehrt: Im Jahr 2019 pendelten zwei Drittel in andere Regionen hinaus und nur ein Drittel in den Landkreis hinein (AZ 12.4.2019).

Von den 16.961 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten zum 30.06.2018 (Stat. LA) waren etwa 8.600 bei Boehringer Ingelheim beschäftigt, also etwa die Hälfte. Das schon seit 1885 hier ansässige pharmazeutische, forschende Familienunternehmen Boehringer hat sich nämlich in dieser zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem prosperierenden Weltunternehmen entwickelt. Die Zahlen zeigen aber auch die hohe Abhängigkeit Ingelheims als Arbeitsplatz und als Steuerempfänger von Boehringer Ingelheim. Darauf weist auch der glücklicherweise etwas übertreibende Titel des Beitrags von Ute Engelen in Ingelheim am Rhein 2019 (S. 382-391) hin: "Vom Entstehen gemischter Industrie zur Monoindustrie - Ingelheims wirtschaftliche Entwicklung von den 1850er- bis in die 1970er-Jahre".

Vor allem durch die hohen Gewerbesteuern von Boehringer ist die Stadt Ingelheim (und mit ihr der Landkreis, der daran partizipiert) in der sehr glücklichen Lage, nicht nur keine Schulden zu haben , agesehen von den Schulden, die die Stadt 2019 von Heidesheim übernommen hat und aus finanziellen Gründen abbezahlt. Ansonsten konnte Ingelheim in den letzten Jahren sogar erhebliche  Rücklagen bilden, ohne die solche anspruchsvollen Neubauten  wie zuletzt kING, WBZ und Medialthek und so viele Ausgaben für Kultur (Umbau der Pestalozzi-Schule, Umbau des Alten Rathauses von Nieder-Ingelheim zu einem "Kunstforum") nicht möglich gewesen wären.

Boehringer Verwaltungsgebäude von 2000; Foto: Gs

Hinzu kommt eine große Zahl von Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben, für die hier stellvertretend die Bauunternehmung Karl Gemünden mit derzeit etwa 300 Mitarbeitern und die Bioscientia, ein Laborverbund für disgnostische Untersuchungen für Ärzte und Kranklenhäuser, mit derzeit etwa 500 Mitarbeitern, genannt werden sollen. Außerdem tun nicht wenige Beamte an Ingelheimer Schulen ihren Dienst, an Schulen jeder Art, von der Grundschule bis zur Volkshochschule, mit einem der größten Gymnasien von Rheinland-Pfalz (2018: 1.702 Schüler/innen und 145 Lehrer/innen) und der zweitgrößten Musikschule des Landes.

Der Apfelkreisel - eine Reminiszenz an den früher starken Apfelanbau - an der Konrad-Adenauer-Straße; dahin die Bioscientia; Foto: Gs
Kreisverwaltung Mainz-Bingen; Foto: Gs

Außer der eigenen Stadtverwaltung beherbergt Ingelheim seit 1995 auch die Kreisverwaltung des Landkreises Mainz Bingen. Als diese nämlich zu Anfang der 90er Jahre (noch in Mainz) einen günstig gelegenen neuen und größeren Standort suchte, fiel die Wahl schließlich auf das "Mittelzentrum" Ingelheim, die „große kreisangehörige Stadt“, wo nun auch das tatsächlich kreisrunden Gebäude der Kreisverwaltung steht.

 

 

Ingelheims günstige Verkehrslage:

Alles in allem ist Ingelheim wohl durch seine günstige Verkehrslage zu einem begehrten Gewerbestandort und Wohnort in schöner Lage und in mildem Klima geworden. Diese Lage war es wohl auch, die schon Karl den Großen bewogen hat, hier eine prächtige Pfalzanlage für Großveranstaltungen bauen zu lassen. Schon damals verliefen zwei wichtige Straßen zwischen Mainz und Bingen durch Nieder-Ingelheim und bündelten den Süd-Nord-Verkehr am Rhein entlang mit dem Ost-West-Verkehr, z. B. zwischen Würzburg und Frankreich, zwischen Aachen und Frankfurt.

Diese Aufgaben hat heute die A 60 übernommen, deren Bedeutung durch die derzeitigen Brückenprobleme noch spürbarer wird. Der Rhein hat seine Bedeutung behalten und hinzugekommen sind natürlich die Eisenbahn seit 1859 und der Flugverkehr in Frankfurt.

Ein Hinweisschild auf die "Kaiserpfalz" an der stark befahrenen A 60 bei Ingelheim; Foto: Gs


Ingelheims Bevölkerungsentwicklung:

Zu weiteren Statistiken siehe die Unterseite Statistiken!

Die Bevölkerung der Stadt Ingelheim mit Hauptwohnsitz stieg ...
von 11.035 im Gründungsjahr 1939 auf 25.010 im Jahr 2018.

Dieser Anstieg entstand einerseits durch die hohen Kinderzahlen im 19. Jahrhundert und andererseits durch den nahezu kontinierlichen Zuzug von Neubürgern sowie durch die Eingemeindung von Großwinternheim 1972 bzw. von Heidesheim und Wackernheim im Jahr 2019; auch die Ingelheimer Bevölkerung macht den allgemeinen deutschen Prozess der Überalterung aufgrund von Kinderarmut mit.

In den letzten Jahren ist Ingelheim zudem in erheblichem Maße Ziel von der Einwanderern nicht nur aus Europa, sondern vermehrt aus Afrika und Asien geworden und steht vor erheblichen Integrationsaufgaben.

Für das Jahr 2019, nachdem zum 1. Juli die Gemeinden Heidesheim und Wackernheim der Stadt Ingelheim beigetreten sind, gibt Martina Rommel (S. 235) folgende Zahl aller Ingelheimer Einwohner an: 32.710

Auf der Webseite der Stadt Ingelheim war 2009 folgende Grafik zu finden, die aber durch ihre unterschiedlichen Jahresabstände eine Gleichmäßigkeit nur vortäuscht, die so nicht vorhanden war. Aus ihr ist aber augenfällig das Wachstum der heutigen Stadt Ingelheim ersichtlich.

Grafik: Stadt Ingelheim; man beachte die unterschiedlichen Zeitabstände!


Ingelsheims Geschichte ab 1945 - weiterhin eine Forschungsaufgabe!

Eine wissenschaftlich fundierte Geschichte Ingelheims seit 1945 ist noch nicht geschrieben worden, auch wenn oder gerade weil das Material dazu im Ingelheimer Stadtarchiv in übergroßem Ausmaß vorhanden ist. Die Artikel in den beiden Ingelheimer Geschichten, die 2018 bzw. 2019 erschienen sind, bieten nur unzureichend kurze Annäherungen an dieses Thema:

  • Geißler, Hartmut: Ingelheim von der Steinzet bis zur Gegenwart. Wiesbaden 2018, S. 202-205, mit der "Ingelheimer Chronik seit 1945", S. 206-213
  • Schmuck, Tobias: Ingelheim nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Berkessel, Hans u.a. (Hrsg): Ingelheim am Rhein. Geschichte der Stadt von den Anfängen bis in die Gegenwart. Oppenheim 2019, S. 210-225
  • Engelen, Ute: Vom Entstehen gemischter Industrie zur Monoindustrie. In: s.o., S. 382-391
  • Rommel, Martina: Die Bevölkerungsentwicklung in Ingelheim. In: s.o., S. 230-239


Ingelheims kommunalpolitische Aufgabenbereiche seit 1945

Daher können und sollen im Folgenden nur die Hauptthemen der Ingelheimer Kommunalpolitik seit 1945 genannt werden; sie sollen im Laufe der Zeit in entsprechenden Unterseiten ausgearbeitet werden. Als Datenergänzung gibt es schon jetzt eine Chronik seit 1945. Fehler darin bzw. Ergänzungsvorschläge bitte der Redaktion mitteilen!

1. Wohnungsbau (Unterseite Bautätigkeit)

2. Umstrukturierung der 1939, 1972 und 2019 zu einer gemeinsamen Stadt mit einem neuen Stadtzentrum vereinigten Orte Nieder-Ingelheim mit Sporkenheim, Ober-Ingelheim, Frei-Weinheim, Großwinternheim, Heidesheim und Wackernheim (Unterseite Stadtzentrum)

3. Gegenmaßnahmen gegen die parallel dazu fortschreitende Verödung der alten Ortszentren, u.a. durch deren Sanierung, Straßenbau, Straßenausbau, dann aber auch Einrichtung von verkehrsberuhigten Zonen und Umgehungsstraßen (Unterseiten Sanierung und Straßenbau)

4. Ausbau und Neubau von Schulen, Kindergärten, Kindertagesstätten, Krankenhaus, Weiterbildungszentrum („Fridjof-Nansen-Haus“) (Unterseite Schulen, KIGAs, KITAs, WBZ)

5. Situation der Ingelheimer Landwirtschaft (Unterseite Landwirtschaft im Wandel)

6. Ausweis neuer Gewerbegebiete, Gewerbeansiedlung (Unterseite Gewerbe)

6. Bemühungen um die Vereinbarkeit von Naturschutz und Stadtentwicklung (Unterseite Naturschutz)

7. Verbesserung der kulturellen und der Freizeit-Angebote (1000-Jahr-Feier und Unterseite Kultur)

8. Förderung des Tourismus (Unterseite Tourismus)

9. Migration und Integration (Unterseite Migation Integration)

10. Entwicklung Ingelheims zu einer "klimafreundlichen" Stadt (Unterseite Klimafreundlichkeit)

Die Fatih Sultan-Moschee im Gewerbegebiet von Nieder-Ingelheim unter dem Dach der DITIB; Foto: Gs

 

Schlussbemerkung:

Aus den verstreuten Dörfern des unteren Selztales, die gleichwohl über ein Jahrtausend durch eine zeitweise ruhmreiche Pfalzgeschichte und Rechtsgeschichte miteinander verbunden waren, wächst seit einem halben Jahrhundert ein beachtliches Mittelzentrum heran, in dem es sich sehr schön wohnen und gut arbeiten lässt und das noch immer landwirtschaftliche Prägung mit industrieller Modernität auf eine sehr gelungene Weise verbindet.

 

Gs, erstmals 03.03.08; Stand: 17.02.20