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Ingelheim in der Zeit der Karolinger (8. und 9. Jh.) und die "Kaiserpfalz"


Autoren: Margarethe Köhler und Hartmut Geißler

Von den Merowingern zu den Karolingern

Die „Hausmeier“

Für die Bewohner des Ingelheimer Fiscus, d. h. des weiten Ingelheimer Königsgutes, war der Wechsel der Königsherrschaft von den Merowingern zu den Karolingern im 8. Jahrhundert wahrscheinlich kein spürbares Ereignis; vielleicht hatte man mitbekommen, dass die Autorität der zerstrittenen Merowinger-Familie seit dem 7. Jahrhundert geringer wurde und dass eine immer mächtiger werdende Hausmeier-Familie, die der "Arnulfinger", "Pippiniden" oder "Karolinger", sie im ganzen Frankenreich allmählich verdrängte.

Hausmeier ist die deutsche Version des lateinischen Major Domus (d.h. Oberer des [königlichen] Hauses). Es ist die Bezeichnung des obersten Amtsträgers der merowingischen Könige des 7. und 8. Jahrhunderts, der zuständig war für den königlichen Haushalt, die Reichsverwaltung, Rechtsprechung, Staatsfinanzen, das Heer und für seine Güter, damit auch für den Ingelheimer Königshof mit seinem umfangreichen Landbesitz. Sie regierten auch vom "Palatium" des eigentlichen Königs aus, von seinem Herrschaftssitz.

Durch geschickte Diplomatie sicherten sich Karlmann und Pippin die Unterstützung der römischen Kirche (vgl. hierzu auch Merowingerzeit, letzter Abschnitt „Frühe Kirchen und ein Königshof in Ingelheim“). Im Jahre 751 setzte schließlich Pippin, ein Sohn Karl Martells, den letzten Merowingerkönig Childrich III. ab, schickte ihn ins Kloster, ließ sich vom fränkischen Hochadel zum König der Franken ausrufen. Papst Stephan II., der im Spätherbst 753 nach in St. Denis gekommen war, um sich die Hilfe der Franken gegen die Langobarden in Italien zu sichern, blieb damals einige Monate im Frankenreich. Am 28. Juli 754 salbte (oder weihte; umstritten) er als Gegenleistung Pippin als fränkischen König, ebenso wie seine Frau Bertrada und seine beiden Söhne Karl (der Große, damals 6 oder 7 Jahre alt) und Karlmann. Dies war das erste Mal, dass ein abendländischer König seine und seiner Söhne Legitimation durch eine religiöse Zeremonie (im Namen der Dreieinigkeit) bekräftigen ließ. Der Papst verlieh ihm und seinen Söhnen Karl und Karlmann dabei den byzantinischen Titel "Patrikios" des früheren byzantinischen Statthalters in Ravenna und des Statthalters in Sizilien, nun in der Form "Patricius Romanorum", was als "Schutzherr der Römer" verstanden wurde. Mit "Römern" war aber mehr gemeint als nur die Bewohner der Stadt Rom, nämlich die Bewohner des römischen Reiches.

Im Gegenzug sicherte sich der Papst dadurch die Unterstützung der Franken gegen die Langobarden in Italien. So begann mit Pippin eine lange Periode der - oft konfliktreichen - Zusammenarbeit von fränkischen (später deutschen) Königen und römischen Päpsten, die unter seinem Sohn Karl dazu führte, dass dieser schließlich am Weihnachtstage 800 in Rom die alten Kaisertitel "Imperator" und "Augustus" zusätzlich zum fränkischen und langobardischen Königstitel annahm. Außerdem gehörte zu seiner Kaisertitulatur noch die Aussage: "Romanum gubernans imperium", also: "das Römische Reich regierend". Damit war der Anspruch auf eine Fortsetzung des "Römischen Imperiums" im Westen verbunden, auf gleicher Ranghöhe mit dem byzantinischen Kaiser (bzw. Kaiserin Irene) in Konstantinopel, weshalb es darüber auch diplomatische und kriegerische Verwicklungen gab.

Auch dieser Pippin hat sich schon auf dem Ingelheimer Königshof aufgehalten, denn er soll hier nach der Biografie des Mainzer Bischofs Lul, cap. 8, im Jahre 755 den damaligen Abt Lul von Hersfeld empfangen haben ("in curte regia Inghilenheim" - "im Königshof Ingelheim"). Das Kloster Hersfeld hatte lange Zeit Besitz in Ober-Ingelheim.

Karl der Große und Ingelheim

Der Bau eines imperialen Palastes

"Keine schriftliche Quelle berichtet uns von dem Ingelheim der Römer- und der Merowingerzeit. Nur den Scherben und Steinen, den Forschungen der Archäologen verdanken wir unsere Kenntnisse. Um die Mitte des 8. Jahrhunderts ändert sich das ganz plötzlich: Von nun an gibt es für drei Jahrhunderte kaum eine Chronik, einen Annalisten, der nicht etwas über Ereignisse in Ingelheim zu erzählen weiß. Zahlreiche Urkunden nennen den Namen des Ortes. Diese Wende verdankt Ingelheim der Königspfalz, die die Karolinger dort einrichteten." (Peter Classen, S. 87)

Denn der König und spätere Kaiser Karl (Regierungszeit 768 – 814) wurde für Ingelheim dadurch bedeutsam, dass er (oder seine Berater) den Befehl gab, "neben" (Einhard: "iuxta") dem bisherigen Ingelheimer Königshof bei der Remigiuskirche eine prächtige Palastanlage ("palatium" - "Pfalz"), Regierungsgebäude nach römisch-byzantinischen Vorbildern zu bauen. Binding (1996) ordnete sie in seiner Zusammenstellung deutscher Königspfalzen 1996 ihrer Bedeutung nach an zweiter Stelle hinter Aachen ein. Clemen (1890) stellte eine Reihe möglicher Vorbilder zusammen. Während man sich heute einig zu sein scheint, dass die Palastanlage in Aachen vom konstantinischen Palast in Rom und von der Grabeskirche in Jerusalem inspiriert wurde, ist ein vergleichbares Vorbild für den Ingelheim Palast noch nicht gefunden worden.

Zur Unterscheidung von Königshof mit Königsland ("Pfalz" im weiteren Sinne) und Palast ("Pfalz" im engeren Sinne)

Zur Begriffsgeschichte palatium - Palast - Pfalz


Für welche konkreten Funktionen die Ingelheimer Palastbauten im Einzelnen gedacht waren bzw. benutzt wurden, lässt sich bisher aus den archäologischen Befunden nicht ersehen, abgesehen natürlich von der Kapelle und der Königshalle. Bischof Hinkmar von Reims (cap. VII), der den idealtypischen Ablauf von Reichsversammlungen seiner Zeit (9. Jh.) als einziger Zeitzeuge beschreibt, kann uns jedoch Hinweise zu ihrem Raumbedarf geben. Die getrennt voneinander tagenden Personengruppen der geistlichen und weltlichen Adligen brauchten für ihre Beratungen natürlich verschieden große Räume, hier z. B. im zweistöckigen Halbkreisbau mit seiner reichlichen Trinkwasserversorgung, die Regierungsmitglieder und der König selbst brauchten gleichfalls Amtsräume, hier z. B. den Nordflügel, und für die Vollversammlung am Ende benutzte man die große Königshalle, die Aula regia. Und daneben benötigten die mitgekommenen Menschenmassen viel Platz für ihre Zelte und Tiere.

Als Ort dafür wurde deshalb eine weitgehend freie Fläche östlich des alten Königshofes gewählt, an der Straße nach Mainz, wo schon die Besucher des Königshofes ihre Zelte aufgestellt haben dürften. Dort muss es auch schon einen großen Versammlungsplatz gegeben haben, denn Großversammlungen fanden bei gutem Wetter auch im Freien statt (Hinkmar VII). Dass dies schon unter Karl dem Großen üblich war, zeigt eine Bemerkung der Annales regni Francorum zum Jahr 767: "synodum fecit cum omnibus Francis solito more in campo" - er hielt eine Versammlung mit allen Franken (= fränkischen Vasallen) ab, und zwar in gewohnter Weise auf freiem Feld.

Bei den Ausgrabungen haben sich bisher im gesamten Palastbereich nur unter der Saalkirche Reste einer vorherigen Bebauung gezeigt, die Pfostenlöcher und Gruben wahrscheinlich eines merowingerzeitlichen Gehöftes aus der Zeit um 700.

Der neue Ingelheimer Palast war jedenfalls keine Übernachtungsstation für den umherreisen König, sondern diente als repräsentatives "Regierungsviertel" für die Treffen mit den Großen des Reiches und mit auswärtigen Gesandtschaften. So wurde er von Karls Sohn Ludwig immer wieder verwendet (s. u.) und nach einer Renovierung auch von den Ottonen und ihren salischen Nachfolgern, bis zur letzten Großveranstaltung, der Hochzeitsfeier von Heinrich III. 1043. Als gewiss heizbare Unterkunft für kleinere Gruppen dürfte weiterhin der alte Königshof bei der Remigiuskirche gedient haben, über dessen Gebäudeausstattung bisher noch nichts bekannt ist. Wenn im Capitulare de disciplina palatii Aquisgranensis (um 800?) deutlich zwischen dem "Palatium" und den darum gruppierten Häusern ("Mansiones") der am Hof Beschäftigten unterschieden wird, muss man wohl davon ausgehen, dass es auch in Ingelheim im Umfeld des neuen Palastes weitere Häuser gab, die zum Übernachten dienten. Ein längerer Winteraufenthalt nur in Zelten war jedenfalls alles andere als komfortabel, wie man sich leicht vorstellen kann, und wurde z. B. von Karls Sohn Ludwig im Jahre 830 benutzt, um seinen bisherigen Erzkapellan Hilduin wegen dessen Beteiligung an einem Aufstand gegen ihn zu bestrafen; er sollte "mit ganz wenigen Leuten den Winter in einem Zeltlager in der Nähe von Paderborn verbringen" (Astronomus c. 45).

Dieser repräsentative Palast (Modell siehe unten) besaß eine große Mehrzweckhalle in der Form einer antiken Basilika (Königshalle, nicht Kirche!), heute etwas problematisch allgemein "Aula regia" genannt; Innenmaße: ca. 40,5 m lang und 16,5 m breit, Traufhöhe (rekonstruktiv ermittelt) ca.13,5 m hoch. Der Kunsthistoriker Paul Clemen nennt das Ingelheimer Großgebäude mit Apsis 1890 stets "Basilika", einmal auch "Festsaal", benutzt für Bankette, aber niemals "Aula regia". Auch Christian Rauch nannte diese Königshalle noch 1935 "Basilika". Man wird wohl auch in Zukunft mit unterschiedlich verwendeten Begriffen umgehen müssen.

Hinzu kamen ein großer, zweistöckiger Halbkreisbau mit Torhalle in der Mitte, einem innen vorgelagerten Säulengang und sechs Türmen außen, sowie ein langer Nordflügel zum Rhein hin, ebenfalls mit einer größeren Halle. Zur näheren Beschreibung siehe Modell!

Links unten im Vordergrund der große Halbkreisbau mit einem Torbau in der Mitte und sechs davor gebauten Türmen, rechts daran anschließend der gerade Nordbau und dahinter die Königshalle (Basilika), die Aula regia

Eine ca. 7 km lange unterirdische Wasserleitung in römischer Bauweise lieferte frisches, fließendes Quellwasser in den Palast, zusätzlich zu dem ohnehin reichlichem Aufkommen von Quellwasser und Brunnenwasser im Bereich des neuen Palastes - ein großer Luxus! Wurde das Wasser dort für die Klausurtagungen der Adligen gebraucht? Wenn diese Wasserleitung, die sich ja mit einem ganz bestimmten Gefälle dem Geländeverlauf anpassen musste, schon von Anfang an vorgesehen war, dann hat ihr geographisch fest liegender Verlauf mit darüber entschieden, an welcher Stelle des Hanges zum Rhein hin (in der Nord-Süd-Dimension) der neue Palast gebaut werden musste.

Über den Beginn des Baues gibt es weit voneinander abweichende Vermutungen, die von 774 bis in Karls letzte Regierungsjahre reichen. Wann er fertig gestellt wurde, ist ebenso unklar; fest steht nur, dass Einhard eindeutig schrieb, dass Karl den Palast zu bauen "begonnen" habe. Für die gleichfalls von ihm "begonnene" Pfalz Nijmegen/Nimwegen ist unter Karl keine einzige Reichsversammlung feststellbar gegenüber fünf unter Ludwig.

Die Funktionen von Königsland, Königshöfen und Pfalzen

Im Früh- und Hochmittelalter spielten Königshöfe (villa oder curtis regia) eine unersetzliche Rolle für den oftmals im Reich herumreitenden König mit seinem zahlreichen Gefolge. Von diesen einfacheren Königshöfen allerdings muss man wohl die "Pfalzen" (von lat. "palatium" = Palast) unterscheiden, die zu mehr als nur Übernachtungen dienten. Sie waren mit ihrem Umfeld von Königsgut unerlässlich zum "Regieren" und als Versammlungsorte für Adel und Militär. Auf ihnen mussten bei Reichsversammlungen, Hoftagen oder Festen oft Hunderte, sogar Tausende von Gästen mit ihren Tieren (Ochsen, Maultiere, Pferde) und Zelten untergebracht werden. Brühl (S. 71) geht von einem möglichen Gefolge allein des Königs von 1000 Personen aus. Zur Dauer von solchen Reichsversammlungen stellte Seyfarth (S. 114 ff) die verfügbaren Daten zusammen. Danach konnten sie je nach Erfordernis und Möglichkeit von einem Tag bis (ausnahmsweise) zu fünf Wochen dauern, meistens wohl 2-3 Wochen.

Insgesamt hat Konrad Plath 1892 ca. 150 merowingische und karolingische Königshöfe geschätzt, von denen aber bisher die wenigstens archäologisch gefunden und untersucht werden konnten. Für Reichsversammlungen unter Ludwig dem Frommen führt Eichler (Reichsversammlungen, Anhang Tabelle 2) 19 Pfalzen/Paläste auf:

Aachen, Compiègne, Quierzy, Attigny, Diedenhofen/Thionville, Nimwegen, Ingelheim, Worms, Frankfurt, Tramoyes, Chalon, Orléans, Paderborn, Augsburg, Vannes, Mainz, Tours, Langres, Jouac.

Fried, S. 386 f., beschreibt den umherreisenden "Hof" so:

"Der Hof befand sich eben dort, wo der Herrscher weilte. Mit der Zeit lassen sich aus bestimmten Anlässen bevorzugt aufgesuchte Pfalzen erkennen, Winterpfalzen, Jagdpfalzen, Festtagspfalzen. «Pfalz», Palatium publicum konnte alles zugleich bezeichnen: die Versammlung der Großen, den Hoftag, das gesamte Ensemble der Pfalzbauten und deren Einrichtungen, die in der Lage waren, den König und seine engere Familie mit ihrem Gefolge - Männer, Frauen und Kinder, Vasallen, Dienstpersonal, Knechte und Mägde - für einige Wochen zu versorgen, Werkstätten, Lagerbauer und Scheunen, Ställe für Pferde, Kühe, Schweine und Zugochsen eingeschlossen. Die unterentwickelte Infrastruktur des Landes und die daraus resultierenden Versorgungsschwierigkeiten verboten eine feste Residenz. Nur Ansätze dazu lassen sich erkennen.

Worms oder Ingelheim, günstig am Rhein gelegen, wurden wiederholt aufgesucht; doch zuletzt ragte Aachen heraus.

Eine «Pfalz» - domus, palatium, aula, curia regis - war damit räumlich, personal, institutionell und kommunikativ zu verstehen; und sie machte - gleichsam paränetisch - die Herrscherdoktrin öffentlich. Sie war alles in einem: ein Ort, bald hier, bald da zu finden, eine Personengruppe mit dem König im Zentrum, die feste Herrschaftsmitte, ein Hort kirchlichen und kulturellen Wissens, eine Begegnungsstätte und Kommunikationsgemeinschaft, ein Mittelpunkt auch der wiedererstehenden Wissenskultur und Religionspraxis.

Eine feste Hofgesellschaft gab es, von der engeren Königsfamilie und den erwähnten Funktionären abgesehen, nicht. Hunderte von Personen, bis ein- oder zweitausend Menschen versammelte der Hof: Männer, Frauen, auch kleine Kinder, Berater, Besucher, Herbeigerufene, Fremde, die Verwandten des Königs, die Ehefrau, Zofen, Söhne, Töchter, Ammen, Diener und Knechte und Köche, der ganze Troß. Zahlreiche Bewaffnete begleiteten den Hof, wohin immer er zog. Das alles wälzte sich von Zeit zu Zeit mit dem König durch die Lande, von Pfalz zu Pfalz. Von daher versteht sich, daß «Palatium» in erster Linie die Gesamtheit der Personen am Königshof meinte und nicht bloß die Baulichkeiten der Pfalz. Und dennoch: Solches Reisen, notwendig wie es im personalen Herrschaftssystem zunächst war, wurde lästig mit der Zeit. Die Fahrten durch das Reich wurden vom Hof aus geregelt. Man wußte an den zentralen Pfalzen - etwa in Worms, Ingelheim oder Aachen - wo sich der König gerade aufhielt. Der Reiseweg mußte rechtzeitig festgelegt werden, um die Masse an Pferden, Zugochsen und Menschen aufnehmen und verköstigen zu können, die mit dem König durch die Lande zogen. Als Alkuin im Jahr 797 wissen wollte, wann der König aus Sachsen zurückkehre und in welcher Pfalz er den Winter verbringen werde, wandte er sich an die Königin Liutgard. Die Königin war ja, dem «Capitulare de Villis» folgend, für weite Bereiche der wirtschaftlichen Versorgung des Königshofes zuständig. Seneschall, Mundschenk und Stallgrafen hatten sonst die Fahrten des Königs durch das Reich zu organisieren und Vorsorge dafür zu treffen, daß überall ausreichende Vorräte an Getreide, Fleisch und Futter für Pferde und Ochsen zur Verfügung standen. Wein mußte mitunter von weither herbeigeschafft werden, wenn der König sein Kommen angesagt hatte. Ganze Dörfer waren für die Transportdienste zuständig. Für die Unterkunft des Gefolges mußten oft genug Zelte herhalten. Welch ein Triumph an Organisation, Kontrolle und Anziehungskraft des Herrschers.

Die über das Reich gestreuten Königshöfe unterschieden sich nach Größe und Ausstattung, wohl auch nach ihrer Funktion, ob Festpfalz oder Jagdpfalz, ob nur für Durchreise eingerichtet oder für längere Dauer."

Rosamond McKitterick (2008, S.190) ist jedoch sehr skeptisch, ob wirklich der gesamte Hof mit dem König ständig herumzog, und nimmt stattdessen an, dass nur ein relativ kleiner Personenkreis den reisenden König begleitete.

Man versucht aus Chroniken, aber auch aus den Orts- und Zeitangaben von Urkunden die Reiserouten der Könige teilweise zu erschließen, ihr "Itinerar" mit den Königshöfen bzw. Pfalzen, in denen sie Halt machten, "Hof" hielten und amtierten, auch wenn man beachten muss, dass nicht alle Urkunden tatsächlich in Anwesenheit des betr. Königs ausgegeben wurden (McKitterick, 173 ff.).

Der Ingelheimer Palast zählt neben Paderborn und Aachen mittlerweile zu den am besten erforschten. Er entstand nach den Angaben Einhards "neben" einem Königshof (mit umfangreichem Königsland), über den aber bisher - außer zu seiner Kirche, der Remigiuskirche - keinerlei archäologischen Erkenntnisse vorliegen. Da aber ein solcher Palast ohne die umfangreichen Ressourcen eines oder mehrerer Königsländereien nicht benutzbar gewesen wäre, darf man den Palast niemals isoliert betrachten, sondern immer im Versorgungszusammenhang mit seinem Königshof (Brühl, Fodrum).

Dass sich Bevorzugungen einzelner Pfalzen herausbildeten, vor allem für Winteraufenthalte, ist nur natürlich; für Karl war es neben Worms (in den 780er Jahren) vor allem Aachen (ab den 790er Jahren) und das belgische Herstal an der Maas, nördlich von Liège (siehe: Itinerar Karls des Großen). Etwa ab 794 wurde Aachen zu einer Dauerresidenz, in der Karl erstmals 788 Weihnachten verbrachte, (nach dem ersten Halbjahr in Ingelheim), dann 789 und 790 in Worms, 791 und 792 in Regensburg und 793 in Würzburg. Danach (nach dem Tod Fastradas 794) wurde die Pfalz in Aachen zu seiner regelmäßigen Weihnachtspfalz und überhaupt zur Residenz ausgebaut, eine Funktion, die diese Pfalz auch unter seinem Sohn Ludwig behielt. In Aachen wurde Karl († 28. Januar 814) auch bestattet.

In Ingelheim lässt sich Karl dagegen nur selten nachweisen. Details zu den damit zusammenhängenden schwierigen Fragen siehe hier!

774 war Karl nur kurz hier (Abmarsch von vier Scharen gegen die Sachsen von hier aus), Ingelheim also als Truppensammelplatz (Märzfeld-Versammlung, s. Seyfahrt); zu diesem frühen Zeitpunkt gab es den Palast sicherlich noch nicht.

787/88 an Weihnachten, Ostern und im Sommer; im Juni fand hier der Tassilo-Prozess statt; sonstige Aktivitäten jener Zeit (bis auf die Ausfertigung einer Urkunde für das italienische Kloster Farfa am 28. März in "Inghilinhaim villa nostra") sind nicht bekannt; die Benutzbarkeit zumindest einiger neuer Palastbauten wird für diesen Prozess zwar meistens angenommen, es heißt aber in den quasi regierungsamtlichen Annales regni Francorum: "Et celebravit natalem Domini in villa, quae dicitur Ingilenhaim, similiter et pascha." Das bedeutet: Und er feierte Weihnachten in einem Königshof, der Ingelheim genannt wird, und ähnlich auch Ostern. - Auch ein zweites Mal heißt es in denselben Annalen: "ad iamdictam villam Ingilenhaim" (im schon erwähnten Königshof Ingelheim), die Villa Ingelheim war der Oberbegriff (Pfalz im weiteren Sinne), der auch die neuen Palastgebäude mit einschließen konnte, sofern  damals schon welche fertig gebaut waren. Wenn er jedoch das Weihnachts- und Osterfest wirklich hier (und nicht im benachbarten Mainz) feierte, dann brauchte er dazu eine größere Kirche. Und das konnte damals nur die Remigiuskirche sein, denn die Saalkirche wurde erst unter Otto I. gebaut, und die kleine Trikonchienkapelle war zu klein dazu. Auch die Remigiuskirche passt besser zur Ortsangabe "villa".

Vielleicht auch 791, als er seinen 13jährigen Sohn in einem "Engelheim" abgeholt haben soll;

und vielleicht noch einmal im Jahre 807, anlässlich einer Versammlung von Bischöfen, Grafen und anderen Vasallen, allerdings nach nur einer späten Handschrift, der Chronik von Moissac; eine Bestätigungs-Urkunde Karls für einen Würzburger Besitztausch, die in diesem Jahr "actum Inghilenhaim palatio nostro" ausgestellt ist, wird mit dieser Versammlung in Verbindung gebracht. Auch dazu mehr hier.

Karl hat also die mit großem Aufwand begonnene Ingelheimer Pfalz, wenn überhaupt, dann recht wenig genutzt bzw. noch nicht nutzen können. Welche Gründe gab es für die Hinwendung nach Aachen außer den Thermalquellen dort? Wir wissen es nicht. Rauch diskutiert das ausführlich in BIG 11. Stefan Weinfurter fügte in seinem Festvortrag zur Eröffnung der beiden Ingelheimer Pfalzausstellungen am 07.09.2014 lächelnd eine weitere These hinzu: Der Palast sei zwar im Jahr 787/88 schon soweit fertig gewesen, dass er benutzbar war, etwa zum Prozess gegen Tassilo. Karl habe sich aber von ihm ebenso wie vom bis dahin vielfach besuchten Worms abgewandt, nachdem seine Frau Fastrada, die in unserer Region beheimatet war und in Mainz bestattet wurde, im Jahre 794 gestorben war. Fastrada als tieferer Grund für den Baubeginn des Ingelheimer Palastes und ihr Tod der Grund seiner Nichtbenutzung? Andere Historiker, die sich mit dem Itinerar Karl befasst haben, denken eher an die Kriegszüge Karls, die ihn in verschiedenen Epochen seines Lebens verschiedene Pfalzen als Schwerpunkte haben wählen lassen.

Warum wurde der neue Palast in dem damals wenig bekannten Ingelheim gebaut?

Über die Tatsache seiner häufigen Benutzung im (Früh-) Mittellater hat sich schon Sebastian Münster am Ende seines Artikels über seinen Geburtsort Ingelheim in der Cosmographie in der Mitte des 16. Jahrhunderts gewundert (Cosm., Ausg. 1545, S. 418: "in disem sal so viel zu hausieren"). Als Erklärung führt er die schöne Lage zwischen Mainz und Bingen an, dem Rheingau gegenüber, sowie die Jagdmöglichkeiten als Ursachen der mittelalterlichen Beliebtheit Ingelheims. Gejagt hat aber Karls Sohn Ludwig in der Rhön, in den Ardennen und im Elsass, jedoch nicht in Ingelheim. Münster konnte sich auch die wirtschaftlichen Zwänge des längst vergangenen Reisekönigtums (günstige Reisewege, gute Versorgung) nicht mehr vorstellen, wusste nichts mehr von einem Königshof bei der Remigiuskirche und hatte keine richtige Vorstellung vom Aussehen des karolingischen Palastes mehr. Er kannte nur noch die burgähnliche Befestigung des Ingelheimer "Saals" mit einigen alten und späteren Gebäuderesten an seiner Westseite.

 

Eigentlich war die Stelle, an der die neuen Palastgebäude errichtet wurde, ein schwieriger Bauplatz auf einem Abhang, der zuerst einmal umfangreiche Erdarbeiten zum Niveauausgleich nötig machte (Aufschüttungen im Norden bis zu drei Metern!), um auf dem planierten Platz überhaupt einen Halbkreisbau errichten zu können. Denn dieser Bau mit einem Durchmesser von fast 90 Metern erforderte natürlich einen waagerechten Untergrund. Es müssen also schon gewichtige Gründe gewesen sein, die Karl (oder seine Berater) auf diesem zweifellos schönen Bauplatz haben bestehen lassen.  Dazu könnte durchaus auch das Ende der Wasserleitung gehört haben, deren Verlauf in der Nord-Süd-Dimension durch ihr benötigtes Gefälle ziemlich festlag.

Sicherlich war es vor allem die verkehrsgünstige Nähe zu Rhein und Main, denn das damalige Reisen war sehr beschwerlich. Wenn man den Wasserweg benutzen konnte, dann hat man diesen - aber nur stromabwärts - dem mühsamen Reiten auf schlechten Wegen vorgezogen. Auf dem Rhein konnte Karl z. B. in nur einem Tag die 80 Kilometer von Ingelheim bis Koblenz rheinabwärts mit dem Schiff bewältigen, wie in den Wundern des Hl. Goar berichtet wird.

Eichler (Reichsversammlungen, S. 63) stellt für Ludwig den Frommen fest: "Unter versorgungstechnischen Erwägungen mußten sich die verkehrsgünstig an der Rhein-Main-Schiene gelegenen Pfalzen als Versammlungsorte (für Reichsversammlungen) geradezu anbieten." Classen führt neben der verkehrsgünstigen Lage im Wormsgau auch das schöne Panorama an.

Das damals unbebaute Umfeld der Ingelheimer Pfalz bot außerdem Platz für viele Zelte oder provisorische Holzhäuser und entsprach so den Bedürfnissen seiner zahlreichen Gäste mit ihren Pferden, Ochsen, Maultieren und Wagen.

Noch mehr Platz war sicher nötig, wenn sich das kriegspflichtige Heer hier versammelte; Weinfurter (S. 81) nennt Zahlen von einigen Zehntausenden. Ihr Lagerplatz könnte z. B. der „Heerstall“ (Flurname "Im Herstel") nordöstlich des Palastes gewesen sein. Orte dieses Namens gibt es noch mehr: Herstal in Belgien und Herstelle an der Weser bei Höxter ("Heristelli, Haristalli, Heristal Saxonicum"), wo für Karls Heer 797/8 Baracken ("mansiones") zum Überwintern gebaut worden waren. "Die militärischen Angelegenheiten bestimmten das öffentlich-staatliche Leben im Frankenreich in höchstem Maße" (Weinfurter S.82). Also bestimmte gewiss auch der Bedarf für Militärversammlungen entscheidend die Auswahl von Pfalzgeländen mit.

Auch die folgende dichterische Beschreibung bezieht das Vorhandensein eines Heeres mit ein. Ein unbekannter Dichter (Einhard?) hat in einer lateinischen Versdichtung eine Beschreibung der Paderborner Pfalz anlässlich des Treffens von Karl und Papst Leo im Jahre 799 verfasst (Karolus Magnus et Leo papa in MGH Poetae Latini I, 1881, S. 377).

Darin heißt es zur Lage dieser Pfalz:

Est locus insignis, quo Patra et Lippa fluentant;
Altus et in nudo campo iacet, undique largo
Vestitus spatio; celso de colle videri
Namque potest legio omnis et hinc exercitus omnis,
Castra ducum et comitum, radiantiaque arma virorum.

Es gibt einen ausgezeichneten Ort, wo Pader und Lippe strömen;
Hoch und auf baumlosen Feld liegt er, auf allen Seiten mit reichlich
Platz umgeben; von hohem Hügel zu sehen
Ist nämlich die ganze Mannschaft und von hier das ganze Heer,
das Zeltlager der Herzöge und Grafen und die blitzenden Waffen der Mannen.

Hoch gelegen waren die Pfalzgebäude, gut mit Trinkwasser versorgt und in der Ebene mit viel baumlosem Platz für die Zelte, Menschen (auch die Herzöge und Grafen kampierten in Zelten!) und Tiere des Heeres und anderer Besucher - das waren auch die Vorzüge der Ingelheimer Pfalz. Auch ihre Gebäude dürften nicht Übernachtungszwecken für Besucher gedient haben.

Und das Ingelheimer Königsland konnte die vielen Besucher auch versorgen. Der Verbrauch allein des reisenden Königshofes war nämlich gewaltig - von eingeladenen Vasallen und ihrem Gefolge ganz zu schweigen. Ein namentlich unbekannter niedersächsischer Annalist ("Saxo" genannt) bezifferte den Verbrauch des königlichen Hofes pro Tag im Jahre 968, also ein Jahrhundert später - möglicherweise übertreibend bei einer Königsgastung in einem Kloster - mit folgenden Mengen:

"1000 Schweine und Schafe, 10 Fuder (= ca. 1000 Liter) Wein, 10 Fuder Bier, 1000 Malter Getreide, 8 Rinder, außerdem noch Hühner und Ferkel, Fische, Eier, Gemüse und vieles andere mehr." (MG. SS, VI, S. 622)

Für Ingelheim sprachen sicher auch das milde Klima und der florierende Weinanbau. Dem neu errichtete Kloster Quedlinburg ließ Otto I. 936 als (anfangs einzige) Weinausstattung 10 Fuder Wein aus seinem Hofgut Ingelheim schenken. In der Nähe lag auch der Königshof in Kreuznach.

August Wilhelm Schlegel dichtete im 19. Jahrhundert:

"Es lebe Karl der Große,
Ein echter deutscher Mann,
Und jeder Deutsche stoße
Mit seinem Becher an.

Den edlen Ingelheimer
Zog er bei seinem Schloß,
Wovon schon mancher Eimer
Die Kehl' uns niederfloß."

Auffällig ist, dass alle spektakulären Großbauten, die Einhard aus der Zeit seines Königs namentlich erwähnt (sicherlich nicht alle, die zu seiner Zeit gebaut wurden), an der Rheinschiene liegen: Nijmegen, Aachen (nicht weit vom Rhein), Ingelheim und Mainz. Es muss jedoch sehr viel mehr Großbauten zu Karls Zeiten gegeben haben, nicht nur die Pfalz Paderborn und den Verbindungskanal zwischen Donau und Main beim heutigen Dorf Graben an der Altmühl. Und Karl bewegte sich damals auch keineswegs nur in diesem schmalen Raum. Einhard könnte sie in einer bestimmten Absicht für den Adressaten seiner Karlsbiografie, Ludwig den Frommen, ausgewählt haben (s. hier).

 

Ausgrabungen und Modelle (siehe auch hier)

Nach den ersten systematischen Grabungen (1909 -1914) erstellte Christian Rauch 1924 einen ersten Rekonstruktionsplan (in BIG 11), in dem aber verschiedene Bauphasen vom 8. bis zum 12. Jh. gleichzeitig gezeigt wurden; denn die Saalkirche existierte in karolingischer Zeit noch nicht, was Rauch nicht wusste, und eine mit Mauern und Zinnen bewehrte Burg war die Pfalz unter den Karolingern auch nicht.

Nach weiteren Grabungen in den 1960er Jahren unter Walter Sage, vor allem im Bereich der Saalkirche, deren Hauptschiff damals wieder aufgebaut werden sollte, läuft nun seit 1993 eine dritte große Ausgrabungskampagne mit Holger Grewe, die zu vielen neuen Erkenntnissen geführt hat. Der aktuelle Wissensstand wird auf seinen Internetseiten faszinierend mit virtuellen interaktiven Rekonstruktionen präsentiert: http://www.kaiserpfalz-ingelheim.de

Im Juli des Jahres 2006 wurde dem Museum von Holger Grewe und dem Historischen Verein als Auftraggeber ein neues Pfalzmodell übergeben:


Dieses Modell macht zum ersten Mal das Gefälle des Geländes zum Rhein nach Norden hin sichtbar, auf dem Foto von links nach rechts und gut zu erkennen an der Exedraaußenwand im Vordergrund, die an ihrem linken Ende ein Stück in den Hang hinein gebaut werden musste und dadurch ihre sonstige Zweistöckigkeit einbüßte.

Die Türme sind bis auf zwei nur als Stümpfe ausgeführt, da man ihre genaue Höhe und den oberen Abschluss nicht kennt.

Nördlich an die Aula regia (links oben) schloss sich vermutlich eine Vorhalle an, ein Narthex, überdacht oder offen.

Die fehlende Bebauung im Inneren bedeutet nicht, dass es dort zur Zeit Karls keine weiteren Bauten gegeben habe - sie waren zur Zeit der Anfertigung des Modells nur noch nicht eindeutig nachweisbar.

Innen vor dem geraden Nordgebäude (rechts oben) ist ein Trikonchenbau, eine Kapelle mit drei gleich großen Apsiden, wahrscheinlich eine kleine Pfalzkapelle aus karolingischer Zeit, angefügt. Auch ein Zentralbau mit vier Apsiden ist vorstellbar.

Mit Sicherheit gab es im Osten und Westen auch schon Gräben zur Ableitung des Quellwassers, die aber noch keine Verteidigungsfunktion hatten (der östliche Wasserabflussgraben ist im Vordergrund zu sehen).

Aus der Zeit von Karls Sohn Ludwig konnten bisher keine Baumaßnahmen festgestellt worden, obwohl manche vermuten und es der Text Einhards eindeutig sagt ("inchoavit" = er hat "angefangen"), dass der Palast erst nach dem Tode Karls vollendet wurde. Es spricht nichts dafür, dass die Bauzeit in Ingelheim sich länger als in Aachen (etwa 10 Jahre) hingezogen haben müsste, es sei denn, dass die angefangenen Bauten wegen der Hinwendung zu Aachen einige Jahre unvollendet liegen blieben. Bis zum Auffinden weiterer archäologischen Befunde, die eine genauere Zeitstellung ermöglichen, können wir uns hierbei nur im Bereich von Spekulationen bewegen.

 

Die Zeit seines Sohnes Ludwig

Das Renommée dieses bedeutenden Sohnes Karls, der ihn als einziger überlebt hat, leidet etwas unter seinem Beinamen "der Fromme", der heutzutage falsche Assoziationen weckt. Denn er war bei aller Eingebundenheit in Kirche und Christentum nicht etwa ein "frömmelnder" Monarch im Sinne des 19. Jahrhunderts, sondern seine Zeitgenossen meinten mit dem lateinischen Beinamen "pius" die schon in Vergils Aeneis dem trojanischen Helden zugeschriebene Eigenschaft "Pflichtbewusstein", und zwar dem Vater Karl und Gott gegenüber. Das mittelhochdeutsche Wort "vrum, vrom, from" bezeichnete Eigenschaften wie "tüchtig, brav, ehrbar, gut, tapfer, gottgefällig". Ebenso wurde auch schon bisweilen sein Vater Karl und Ludwigs Nachfolger benannt. Außerdem hat ihm die nationale Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts eine Art Schuld an den Teilungen des fränkischen Reiches gegeben.

Auch in Ingelheim mag man sich lieber an Karl "den Großen" erinnern, obwohl er so selten hier war, als an seinen Sohn, unter dem die Ingelheimer Pfalz ein häufig benutzter Ort für Großveranstaltungen von europäischer Bedeutung war. Classen (S. 99) charakterisiert die Bedeutung der Ingelheimer Pfalz unter Ludwig folgendermaßen: "Sie dient der großen Repräsentation des Herrschers im Sommer vor den höchsten Vertretern seines eigenen Reiches und gegenüber den auswärtigen Kräften und Mächten."

Als Ludwig im Jahre 814 die Nachfolge seines Vaters antrat, war er bereits 36 Jahre alt. Bis dahin hatte er seit 781 als Unterkönig in Aquitanien (Südwestfrankreich) regiert und brachte von dort seine Vertrauten mit, den Mönch Benedikt (von Aniane) und den Kanzler Helisachar. Die meisten Berater Karls mussten gehen, ebenso die vielen Töchter und unehelichen Kinder Karls, die wohl teilweise ein lockeres Leben in Aachen führten.

Die von Ludwig getroffenen Erbfolgeregelungen hatten nachhaltige Auswirkungen auf das Frankenreich. Zunächst wurde 817 die Thronfolgeordnung ("Ordinatio Imperii") erlassen. Mit ihr sollte die Reichseinheit gesichert werden. Auf der Reichsversammlung von 829 jedoch verfügte Ludwig zu Gunsten seines nachgeborenen Sohnes Karl (Mutter Judith) eine Änderung, mit der er diese Ordinatio selbst überging. Daher und aus anderen Gründen überschatteten Rebellion, Haft, Kirchenbuße und dauernde Auseinandersetzungen mit den Söhnen die letzten 10 Lebensjahre des Kaisers.

Am 20. Juni 840 starb Ludwig nach längerer Krankheit auf einer Rheinaue vor Ingelheim mit Blick auf seinen vielbenutzten Palast. Er wurde aber - anders als sein Vater Karl in Aachen - nicht etwa hier in seiner Pfalz, sondern am traditionellen Bestattungsort seiner Familie in Metz bestattet.

Zur Zusammenstellung von Ludwigs Aufenthalten in Ingelheim

 

Erste namentlich bekannte "Ingelheimer"

Aus der Regierungszeit Ludwigs des Frommen stammt eine Urkunde des Klosters Prüm (vom 06.02.835), in der ein "exactor palatii ingilenheim“ namens Agano mit dem Kloster Prüm einen Gebietstausch von 30 Morgen Weinbergs- und Ackerland vereinbarte. Agano war eine Art Amtmann des Königsgutes, "Eintreiber" von Abgaben ("exactio" war die Eintreibung von jeder Form von Abgaben und Steuern); Schmitz, Pfalz und Fiskus, S. 56, nennt ihn einen "obersten königlichen Beamten". Fried (2014, S. 209) erwähnt als Verwalter eines karolingischen Domänen-Amtsbezirkes "iudices" (eigentlich Richter, so allgemein im capitulare de villis für die Leiter von königlichen Fiskalbezirken verwendet; siehe Steinitz 1911; aus Ingelheim nicht bekannt) oder "actores", die vielfach erwähnt werden (z. B. 823 ein "actor dominicus" aus dem Fiscus Frankfurt). Metz (S. 476) vermutet, dass dieser Agano identisch sein könnte mit einem missus und vasallus Ludwigs des Frommen von 821 und 831.

Unterschrieben bzw. gesiegelt haben diese Urkunde vier "Liberi homines", also Freie, mit Namen Gernand, Duodonius, Atto, Willibert, und neun "Fiscalines", also wohl hörige Angehörige des Fiscus Ingelheim, Hugo der Ältere, Williger, Hiltbreth, Albunc, Guntar, Teganolf, Otger, Hildebald und Guntbreth.

Einen "Pfalzgrafen" als Verwalter der Pfalz scheint es unter dieser Bezeichnung in Ingelheim niemals gegeben zu haben.

Frankfurter Salvatorkirche und der Ingelheimer "Königshof"

Ludwig „der Deutsche“ (852) und Karl „der Dicke“ (882) haben der Frankfurter Pfalzkapelle, die dem hl. Salvator geweiht war, dem Vorgängerbau des heutigen Domes, Einkünfte aus dem Ingelheimer Königshof übertragen, die man damals wohl in Frankfurt nötiger brauchte. Das Salvatorstift behielt diese Rechte bis ins 14. Jahrhundert.


Das Ende der karolingischen Epoche


Unter den späten Karolingern häuften sich Einfälle von Ungarn in Süddeutschland und Normannen (Wikingern) an Küsten und flussaufwärts im Binnenland, ohne dass die Könige viel dagegen ausrichten konnten. Dies förderte im östlichen Frankenreich die Bildung von Stammesherzogtümern (Sachsen, Thüringen, Bayern, Schwaben, Lothringen und Franken). Die Karolinger wurden schließlich von neuen Königen aus dem „Stamm“ der Sachsen abgelöst.

Sie, beginnend mit Otto I., renovierten, erweiterten (Saalkirche) und benutzten den Ingelheimer Palast wieder und brachten ihn zu neuer und größerer Blüte.

 

Die spätere Nutzung der Ingelheimer "Pfalz"


Die Ingelheimer Pfalz mit ihren Palastgebäuden wurde über 250 Jahre (bis zum Hochzeitsfest Heinrichs III. 1043) für viele Könige bzw. Kaiser ein wichtiger Ort für hochrangige politische und kirchliche Veranstaltungen, mit Häufungen unter dem Sohn Karls, Ludwig dem Frommen, unter den Ottonen und den ersten Saliern (Konrad II. und Heinrich III.).

Als sich der Schwerpunkt königlichen Lebens seit dem 11. Jahrhundert aber von ländlichen Stützpunkten wie der Ingelheimer Pfalz in die mit der Geldwirtschaft neu aufblühenden Städte verschob, wurde sie – wie andere ländliche Pfalzen auch – nicht mehr in der bisherigen Weise benötigt. Sie verfiel teilweise, und ihre Regierungsgebäude wurden spätestens in staufischer Zeit zu einer Burganlage umgebaut und durch die Einbeziehung des "Zuckerberges" auch erheblich erweitert.

Holger Grewe (2014) betont allerdings, dass die fortifikatorischen Umbauten der staufischen Zeit gleichwohl den Charakter der drei Hauptgebäude, der Aula regia, des Nordflügels und des Halbkreisbaues im Prinzip zu erhalten versucht hätten. Insbesondere sei die Aula regia - das Hauptgebäude - "über Jahrhunderte hinweg durch minimal eingreifende Reparaturen, die lediglich der Bestandserhaltung gegolten haben, in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild bewahrt" worden.

Spätere Illustrationen allerdings (Sebastian Münster) und Baubeschreibungen (s. u.) lassen zwar den Baukörper der Aula regia noch immer erkennen, wissen aber nichts mehr vom Nordflügel und dem Halbkreisbau, deren unter dem Niveau liegenden Ruinenreste schon Sebastian Münster nicht mehr bekannt waren und in die Illustration deshalb nicht mehr einbezogen wurden. Für ihn sichtbar waren im Norden und Osten nur noch die Wehrmauern des "Ingelheimer Saals", wie man das ehemalige Palastgebiet nun nannte. Dass diese Wehrmauern karolingische Außenmauerteile enthielten, dieses Wissen war offenbar im Verlauf des Mittelalters verloren gegangen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein hielt man daher die spätmittelalterliche Burganlage für die Kaiserpfalz (siehe zweites Firmenzeichen der Firma Boehringer von 1905). 

Ab dem 14. Jh. wurden die Einkünfte solcher nicht mehr vom König benutzten Königsgüter vielfach verpfändet und die alten oder neuen Gebäude anderweitig verwendet, im Ingelheimer Kaiser-Saal (= "in aula nostra imperiali") z. B. als Augustiner-Chorherrenstift

Die Ruinen des ehemaligen Palastes dienten den Bewohnern des Nieder-Ingelheimer Saalgebietes als Steinbruch und wurden schließlich von ihnen überbaut, wobei einzelne Mauern als Teile der Wehrmauer und neuer Gebäude weiterverwendet wurden und dadurch (glücklicherweise) erhalten blieben. Es gibt also in Ingelheim an vielen Stellen noch aufgehendes Mauerwerk, das aus der Zeit Karls des Großen stammt, also über 1200 Jahre alt ist.

Zur Beschreibung und zu Abbildungen des Ingelheimer Saals bei Sebastian Münster 1545 und 1550.

Zur Beschreibung und den Abbildungen des "kayserlichen Ingelheimer Saals" 1619 von Laurentius Engelhart.

 

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Gs, erstmals: 31.07.05; Stand: 02.02.17