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Die Portland-Cementfabrik von Carl Krebs

 

Autor: Hartmut Geißler
nach Henn, Industrie-Entwicklung

 

Die "Portland-Cementfabrik Ingelheim a. Rhein" von Carl Krebs lag auf dem heutigen Boehringergelände und produzierte von 1863 bis 1907. Im Jahr 1899 hatte sie eine Belegschaft von 400 Arbeitern. Damals waren die Produktionsabläufe der Zeit entsprechend recht primitiv. Vor dem Mahlprozess mussten die Kalkbrocken von Hand auf Haselnussgröße zerschlagen werden. Trotzdem produzierte die Firma zur Blütezeit vor der Jahrhundertwende jährlich 3.000 Wagen, vornehmlich für den Unterwasserbau. Trotzdem erreichte das Werk nicht die „normale“, das heißt die vorausberechnete Rentabilität.

Nachdem der Transport des Rohmaterials von der Karolinenhöhe am Mainzer Berg auf Fuhrwerken durch die enge "Obergass" (Mainzer Straße) von Nieder-Ingelheim hindurch immer wieder zu Belästigungen und bedrohlichen Situationen geführt hatte, wurde im September 1899 eine Drahtseilbahn von drei Kilometer Länge über die Grundstraße, die Bahnhofstraße sowie über die Eisenbahn hinweg gebaut. Sie konnte im April 1901 der Benutzung übergeben werden und erfüllte ihren Dienst offenbar ohne Komplikationen.

Die Grundstraße, über der die Drahtseilbahn des Cementwerkes verlief, mit Schutzdach/ Hist. Verein

 

Anstoß erregte aber die starke Staubemission des Zementwerkes, die auch Gegenstand von Untersuchungen der hessischen Gewerbeaufsicht wurde. So wurde schon 1897 vom Großherzoglichen Fabrikinspektor Engel die Entstaubungsanlage als unzureichend kritisiert. Nicht nur die Fabrik, auch ihre Umgebung sei von Zementstaub dick überzogen. Weiterhin beanstandete Engel die "die Arbeiter sehr schädigende Missstände". Daraufhin installierte man 1904 eine neue Ofenanlage und eine neue Zementmühle. Die Rentabilität des Werkes konnte dadurch natürlich nicht gesteigert werden.

Auch die Übernahme des Werkes durch die Zementwerke Heidelberg und Mannheim (1906) konnte daran nichts ändern. Daher kam es 1907 zur Stilllegung des Werkes. 1910 wurden die vier turmartigen Öfen gesprengt, einige Maschinen wurden im Weisenauer Werk weiter benutzt. Die Drahtseilbahn wurde erst später demontiert.

Briefkopf der Cement-Fabrik (Privatbesitz)


Die Darstellung auf dem Briefkopf ist stark idealisiert, das Werksgelände repräsentativ vergrößert, der Rhein (oben) viel zu nahe.

Erkennen kann man auf dem Bild Folgendes:

1. Ganz unten links fährt die Eisenbahn.

2. Schräg oberhalb davon verläuft - stark verbreitert - die Binger Straße, befahren von Pferdefuhrwerken.

3. Eine Querstraße in der Bildmitte, auch stark verbreitert, stellt den früheren Weinheimer Weg dar, auf dem die Arbeiter von Frei-Weinheim zu den Werken liefen; er ist heute nur mehr in Bruchstücken erhalten.

4. Am rechten Bildrand stehen die Werksgebäude der Papierstofffabrik, neben der ganz rechts die kanalisierte Selz fließt.

5. Links unten beginnt das - damals noch kleine - Boehringer-Gelände.

6. Man war stolz darauf, dass die Schornsteine rauchten.

Die "Villa Schneider" in der Bahnhofstraße (Foto: Geißler)

Der Familie des Fabrikanten gehörte das heute als "Villa Schneider" bekannte repräsentative Gebäude in der Ober-Ingelheimer Bahnhofstraße. Die spätklassizistische Villa, mit Stilelementen aus Renaissance und Barock (hier die Straßenfront), wurde zwischen 1877 und 1879 erbaut. Es war damals eines der ersten eleganten Wohnhäuser an der neuen Bahnhofstraße, die 1876 gebaut wurde .

Ihren heutigen Namen erhielt die Villa von einer späteren Besitzerfamilie Schneider (seit 1931). Von 1959 bis 1981 diente sie, von Boehringer Ingelheim angemietet, als Ausstellungspalais für die "Internationalen Tage Ingelheim".

In den Einwohnermeldebüchern von Ingelheim wird der Heidesheimer Carl Krebs nicht als Einwohner  aufgeführt, so dass man davon ausgehen kann, dass er selbst in Heidesheim wohnen blieb und die Villa möglicherweise für seine Tochter Elise Klippel, geb. Krebs, bauen ließ, die sie jedenfalls später besaß.

Carl Krebs gehörte auch das Zementwerk in Budenheim.

 

Gs, erstmals 22.02.07; Stand: 09.12.16