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Der Frei-Weinheimer Hafen im 19. und 20. Jahrhundert


Autor: Hartmut Geißler
nach der ungedruckten Chronik von Franz Eich, nach Saalwächter (BIG 13),
nach Auskünften der Ingelheimer Hafenbetriebe (2009) und Hinweisen von Alfons Ball

 

In alten Zeiten bestand der Hafen von Frei-Weinheim nur aus einem Teilen links der Zufahrtsstraße, die auch heute noch auf die Mole führt. Dort stand der Kran. Erst 1849 (Saalwächter, S. 16) wurde die Selzmündung bei der Einrichtung eines Winterhafens nach Frei-Weinheim umgeleitet und es entstand ein flache, trichterförmige Selzmündung, die die Jungau vom Ufer trennte und als Lände für Holzflöße (siehe Foto) und flache Boote diente. Der ursprüngliche Selzverlauf ("Die alte Selzbach" 1889) bildete zugleich die Grenze östliche zur Nieder-Ingelheimer Gemarkung.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde dieses versumpfende Gebiet zugeschüttet, so dass die Jungau wieder mit dem Ufer verbunden ist (siehe Eingangsseite zu Frei-Weinheim).

Im ganzen 19. Jahrhundert gab es ebenso wie schon im 18. Jahrhundert keinen Kran mehr, das Warenaufkommen war gering, und für den geruderten Fährbetrieb genügte der vorhandene Hafen.

Alter Hafen in der Selzmündung mit Flößen (1920er Jahre); links das Haus des Rudervereins; alte Postkarte von Alfons Ball

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch wurde der Hafen unterhalb der Molenzufahrt im Zusammenhang mit dem Bau der Selztalbahn, durch die der Hafen Frei-Weinheim auch mit einem Personenbahnhof an das Gleisnetz angeschlossen wurde, in der heutigen Form umgestaltet (1905). Ein Dampfkran wurde angeschafft, der 1930 elektrifiziert wurde, 1964 aber abgebaut und durch einen auf Schienen beweglichen Elektrokran ersetzt wurde, ein zweiter Kran folgte 1970.

Denn besonders seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts nahm der Güterumschlag im Hafen sehr stark zu. Dieser Aufschwung ließ aber seit den 1970er Jahren wieder nach.

Die Selztalbahn hatte schon 1954/55 ihren Betrieb eingestellt, wodurch Frei-Weinheim seinen Bahnhof verlor. Die Gleise wurden zwar noch bis 1976 von der Firma Boehringer für Kohlentransporte ins eigene Kraftwerk genutzt, 1996 aber auch abgebaut.

Das Hafenbecken 2008 von der Zufahrtsstraße aus: links und im Hintergrund zwei Laufkräne mit Kies- und Sandlagern, rechts ein Restaurantschiff, das zum Biergarten gehört


Entscheidend für den Rückgang der Hafennutzung sind drei wirtschaftliche Veränderungen gewesen (nach den Umschlagstatistiken bei Franz Eich, Hafenmeister 1954 - 1996):

1. Im Jahre 1971 stellte die Firma Boehringer den Berieb ihres Kraftwerkes von Kohle auf Heizöl um und brauchte Kohlen nur noch zur Notreserve, weshalb der Kohlentransport 1975 ganz eingestellt wurde. Heute werden bei Boehringer Holzschnitzel verbrannt, die durch LKW transportiert werden.

2. Seit dem Ende der 70er Jahre wird der Stückgutverkehr ab Rotterdam zunehmend mit Containern transportiert, die mit LKW nach Ingelheim gebracht werden.

3. Nach dem Konkurs der Ingelheimer Malzfabrik erlosch der Getreideumschlag 1982 ganz, wurde aber 2005 wieder aufgenommen.

Es blieb der Kies- und Sandumschlag, seit 1958 das Hauptumschlagsprodukt, der ab 1970 nochmals einen Aufschwung nahm, weil die Firma Rheinhessenbeton ein Fertigbetonwerk im Hafengelände baute, das bis heute produziert. Sie firmiert heute unter dem Namen "Heidelberger Beton Rhein-Nahe GmbH & Co. KG" und hat das Transportbetonwerk 2003/04 grundlegend saniert und modernisiert.

Blick auf Biergarten (links) und Hafenbecken (rechts) von der Spitze der Mole aus;


Auch wenn man heute nur gelegentlich ein Frachtschiff im Hafen sieht, wurde im Jahre 2006 mit einer Umschlagsmenge von 215.000 Tonnen die zweitgrößte Jahresumschlagsmenge seit 1954 erreicht. Nach dem Rückbau des Hafens in Bingen und der Umstrukturierung des Mainzer Hafens besitzt Ingelheim den einzigen leistungsfähigen Hafen für Schütt- und Massengutumschlag zwischen Worms und Koblenz (laut Auskunft der Hafenbetriebe vom 27.07.2009).

Ansonsten lebt der gesamte Hafenbereich von der traditionellen Fähre und von vielfältigen Freizeitaktivitäten (Yachthafen, Biergarten, Spaziergänger, Volksfeste auf der Jungau).

Eine Anlegebrücke für Passagierschiffe ist zwar vorhanden, wird aber nur für einige Sonderfahrten benutzt. Die Schiffe der "Köln-Düsseldorfer" Rheinschifffahrt AG halten schon lange nicht mehr in Ingelheim.

In den Jahren 2010 und 2011 wurde das Gelände der Mole umfassend umgebaut.


Zum "Zuckerlottchen" hat der Historische Verein 2005 eine Broschüre aus der Feder des Schwabenheimer Autors Gottfried Braun herausgegeben, in dritter verbesserter Auflage 2006, die beim Verein bestellt werden kann.


Gs, erstmals: 13.03.06; Stand: 06.10.15