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Ober-Ingelheim

 

Autoren: Ernst Kähler (Tafeltexte)
und Hartmut Geißler (Bilder und Ergänzungen)

 

Kolorierter Merian-Stich aus der Topographia Palatinatus Rheni von 1645, der vorgibt, "Ingelheim" darzustellen, aber im Vordergrund Ober-Ingelheim zeigt (vom Westerberg her gesehen).

Wappen und Beschriftung des Merian-Stiches (oben) sind verwechselt: Was links, entfernt vor den Rheingauhöhen, klein als "Ober-Ingelheim" überschrieben ist, ist in Wirklichkeit Nieder-Ingelheim, zu dem auch das Wappen (Reichsadler über Burgmauern) gehört (oben rechts).

Ortsplan unten aus der Zeit um 1800 (aus Rauch, Christian: Die Kunstdenkmäler des Kreises Bingen, 1934, bearbeitet von Klaus Peter Wörns, 2016)

Gut zu erkennen ist am oberen Bildrand die "reform. Kirche" mit Wehrmauerresten links und rechts sowie mehrere Vorlagetürme. Unterhalb und rechts davon sind auch die katholische Kirche St. Michael und die luth. Kirche am Neuweg eingezeichnet. Der Gebückstreifen und der Palisadenzaun sind bisher noch nicht  nachgewiesen.

Mittelalterliche Durchgangsstraße war die Stiegelgasse - Markt - Rinderbach.

Außerdem wird die recht dünne Bebauung innerhalb des Ortes deutlich, an der sich bis 1800 wenig geändert hatte.

Ortsplan von Ober-Ingelheim um 1800, bearb. von K. P. Wörns (Palisade und Gebück unsicher)

 

Die ältesten dörflichen Siedlungsspuren Ober-Ingelheims gehen zurück auf die Zeit der fränkischen "Landnahme" und die sich daran anschließende christliche Missionierung.

Spätestens mit dem 11. Jahrhundert erlangten hier im Dienste des Nieder-Ingelheimer Herrscherpalastes stehende freie Königsmannen umfangreiche Begüterung. Deren privilegierte, bis in den Grafenstand aufgestiegene Geschlechter gaben dem geschlossenen mittelalterlichen Ortsbild seine noch heute in wesentlichen Strukturen zwischen Mainzer Berg und Selzbach nachvollziehbar prägende Gestalt.

Umgeben von einer damals vergleichsweise imposanten, steinernen Befestigungsmauer mit fünf bzw. sechs Toren und zahlreichen Vorlagetürmen, befand sich im Zentrum ein brunnenbestückter Marktplatz, auf den strahlenartig die ursprünglichen Gassen zuliefen. Kern der Verteidigungsanlage war jedoch die östlich am Hang aufragende "Burgkirche" mit doppeltem Zwinger- und Grabensystem.

Die Außengestalt dieses Sakralbaues spiegelt sehr markant alle architektonischen Erweiterungen von der Romanik bis zur späten Gotik wider. Ihr kostbar ausgestatteter Innenraum diente bis ins 17. Jahrhundert als stolze Grablege für den Ingelheimer Adel.

Der schützende Turm barg das Urkundenarchiv des Ingelheimer Grundes, während das Archiv des Adels und der Gerichte in einem Nebenraum in der Nikolaus-Kapelle untergebracht war. Es gab also zwei Archiv-"Gewölbe" in der Burgkirche: das "Ratsgewölb" und das "Rittergewölb" (soweit der Text der Informationsstele an der Burgkirche, leicht überarbeitet).

Der Ortsname "Ober-Ingelheim" erscheint zum ersten Mal in einer originalen Schenkungsurkunde Ottos III. aus Ravenna vom 12. Mai 1001 als "in villa Inglinheim superiori", in der einem Grafen Tammo eine Manse "in villa Inglinheim superiori in comitatu Emichoni comitis in pago Nahggouuue dicta situm" übereignet wird (MGH, DO III, 837, 403; "im Hofgut Ober-Ingelheim in der Grafschaft des Grafen Emicho im Nahegau").

Ähnlich auch unter Heinrich III., allerdings in der Abschrift einer Bestätigung einer angeblichen Urkunde Karls des Großen (vor 800), in der - zusätzlich zu weiteren Schenkungen - schon früherer Besitz des Klosters Hersfeld bestätigt wurde, der dem Kloster möglicherweise bei seiner Gründung (769) durch den Mainzer Erzbischof Lullus übertragen worden war.

Die Urkunde Karls selbst ist nicht mehr erhalten. Mit jener Schenkung Karls verbunden war die Übertragung von 2 Hufen (= 2 Höfe mit ca. 60 Morgen) und 4 Mansen (Landarbeiterhöfe) in Ober-Ingelheim an das Hersfelder Kloster.

 

Schon im Mittelalter wohnten in Ober-Ingelheim neben den adligen Familien und ihrem Gesinde auch viele nichtadlige Freie, "Bürger" oder lateinisch "cives" genannt. Es waren vor allem Bauern, Winzer, Handwerker und HändlerKarl Jung berichtet für das Jahr 1910 von "36 im Handelsregister eingetragenen Weinhandlungen" (S. 14).

Zu einigen demographischen Daten aus der frühen Neuzeit Ober-Ingelheims

Am Ende des 19. Jahrhunderts und besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchsen beide Orte aufgrund des starken Bevölkerungswachstums und der Industrialisierung Nieder-Ingelheims durch Neubaugebiete zwischen Selz (Selztalstraße) und Mainzer Berg (Rotweinstraße) aufeinander zu, so dass sie heute "fugenlos" ineinander übergehen, ohne dass die ehemalige Gemarkungsgrenze noch zu spüren ist.

Auf der hessischen Höhenschichtkarte von ca. 1900 (unten) ist sie rot eingetragen. Oben verläuft quer die Binger Straße. Zur ihr parallel ist der Verlauf der Schwebebahn für die Zementfabrik durch eine Linie mit kleinen Querstrichen eingezeichnet. Bemerkenswert ist die noch sehr dünne Wohnbebauung zwischen Ober- und Nieder-Ingelheim zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Gemarkungsgrenze kreuzte die Grundstraße auf Höhe der San-Pietro/Kreuzbergstraße und die Bahnhofstraße oberhalb der Abzweigung der Mühlstraße, so dass fast der ganze Teil der Bahnhofstraße mit Steigung in Ober-Ingelheimer Gemarkung liegt. Dem gegenüber gehörte der größere Teil der heutigen Grundstraße zu Nieder-Ingelheim, und auf der erst später ausgebauten Rotweinstraße ragte Nieder-Ingelheim bis zum Ober-Ingelheimer Friedhof und der Friedensstraße nach Süden.

Gemarkungsgrenze rot in in der Höhenschichtkarte von Hessen 1900-1902

 

"Vorreiterin" der Neubautätigkeit war die Grundstraße. Ihr folgten die 1876 neu angelegte Bahnhofstraße und dann die Gebiete dazwischen.

Mit Wirkung zum 1. April 1939 wurde Ober-Ingelheim schließlich mit Nieder-Ingelheim, Frei-Weinheim und Sporkenheim zur "Stadt Ingelheim am Rhein" vereinigt.

 

Rechts: das älteste Elektrizitätswerk von Ober-Ingelheim an der Ecke Gärtnerstraße / Untere Froschau, in Betrieb von 1894 -1906.

Es wurde errichtet von Friedrich Wilhelm Freund, der dazu seine bisherige Gerberei umbaute.

Da sich in Ober-Ingelheim aus Verkehrsgründen nur wenig Industrie ansiedelte und auch die 1970er Jahre aus Ober-Ingelheim keine autogerechte Stadt gemacht haben, blieb sein mittelalterliche Ortskern bis heute in seiner Struktur erhalten. Dies zeigen sowohl der Plan von 1800 (oben) als auch der von 1840 (unten). Freilich werden heute, auch nach dem Hinzukommen von Neubaugebieten, immer mehr Klagen über fehlende Parkplätze laut.

 

Literatur zur Ober-Ingelheimer Geschichte

 

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Gs, erstmals: 08.03.06; Stand: 04.03.17