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Die Remigiuskirche in Nieder-Ingelheim


Autor und Fotos: Hartmut Geißler
nach: Saalwächter, Aus der Geschichte...,
Zur Zweihundertjahrfeier...,
Schmitz, Pfalz und Fiskus
und Hinweisen von Holger Grewe aufgrund der Grabungen rund um die Kirche der Jahre 2010-2012

Die Kirche "St. Remigius" (und "St. Kilian") hat schon mehrere steinerne Vorgängerbauten gehabt, wie die Grabungen der Jahre 2010 bis 2012  (siehe Bild rechts) durch den Fund weiterer Grundmauern gezeigt haben.

Ihre Vorgeschichte reicht weit in die merowingische Zeit zurück, mindestens in die 2. Hälfte des 7. Jhs., denn sie scheint (wie die Burgkirche) aus einer fränkischen Coemeterialkirche (Gedächtniskapelle) entstanden sein, errichtet in einem Gräberfeld, das noch Gräber mit Beigaben enthält - eine vorchristlich-fränkische Bestattungssitte. Sie ist somit auch als repräsentative Kirche etwa ein Jahrhundert älter als die Pfalz Karls des Großen. Das Steinplatten-Grab (Bild rechts), dessen eine Seite die nebeneinander gestellten Steine bildeten, während die Außenmauer der Kirche mit einem Absatz die andere Seite bildete (dazwischen das Skelett), stammt aus dieser frühen Zeit.

Rechts ein Blick in ein "Grabungsfenster" vom 29.08.2011 im Winkel zwischen Turm (im Hintergrund) und Hauptschiff (links, nicht sichtbar) mit alter Grundmauer, Skelett und Steinplatten.

Im Boden des Turmes wurden 2012 zwei Steinsarkophage mit Skelettresten gefunden und darunter eine steinerne Grabkammer mit Erde und weiteren Knochen. Die Auswertung der Funde dauert noch an; Herr Grewe konnte aber in seinem Vortrag vom 7. Mai 2015 eine bedeutsames Ergebnis veröffentlichen: In den Sarkophagen liegen die sterblichen Überreste von fünf Personen einer Familie, die nach einer DNA-Analyse mit einer erheblichen Wahrscheinlichkeit aus der damaligen Population des Nahen Ostens bzw. Nordafrikas stammte, und zwar aus der Zeit zwischen 890 und 1055. Es könnte also eine Familie aus dem Gefolge der byzantinischen Prinzessin und Gemahlin Kaiser Ottos II., Theophanu, gewesen sein, die hier in Ingelheim sesshaft wurde, wo Theophanu mit ihrem jungen Sohn (Otto III.) ja sehr oft weilte.


Die Fotos unten zeigen die heutige Kirche von 1739/40 (Turm vom Ende des 12. Jhs. bis ca. 1230), in der Reihenfolge von links nach rechts und von oben nach unten:

1. Remigiuskirche von der Mainzer Straße aus
2. Remigiuskirche von der Belzerstraße aus
3. Seiteneingang mit kurpfälzischem Wappen
4. stauferzeitlicher Turm, in leichtem Winkel zum barocken Kirchenschiff
5. Informationstafel
6. älterer romanischer Sturz in die Türöffnung des staufischen Turmes eingepasst


Das dazu gehörige Pfarrhaus steht gegenüber in der Belzerstraße Nr. 8, der früheren "Kirchgasse". Auf dem Sturz der Eingangstür steht die Jahreszahl 1759.


Vor dem heutigen Kirchenbau, dessen Kirchenschiff von 1739/40 stammt und der einen baufällig gewordenen Vorgängerbau ersetzte, muss es nach den derzeitigen Erkenntnissen mindestens drei Vorgängerbauten gegeben haben:

- einen spätromanischen Bau aus der Zeit des Turmbaues, der z.Z. in eine Erbauungszeit um 1230 eingestuft wird,
- einen Bau aus karolingischer Zeit, möglicherweise eine dreischiffige (!) Basilika, ähnlich der von St. Salvator in der Frankfurter Pfalz, und
- sowie einen noch früheren steinernen Vorgängerbau, dessen eine Grundmauer schon Bauteil eines Plattengrabes war, das eindeutig in die 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts zu datieren ist. Damit gehört die Nieder-Ingelheimer Pfarrkirche (bzw. ihre Vorgängerbauten) zu den frühesten Kirchen unserer Region. (Grewe 2011 und 2013)

"Die älteste schriftliche Nachricht von der heutigen Pfarrkirche datiert erst vom 19. Dezember 822. Kaiser Ludwig der Fromme (814-840) bestätigt der Kirche zu Würzburg auf die Bitte ihres Bischofs Wolfgar neben anderen Kirchen ... eine dem hl. Remigius erbaute Kirche in Ingelheim ..." (Saalwächter, S. 6; vgl. Ludwig der Fromme - RI I n. 768, 822 dez. 19 

Als Zeitpunkt für die Vergabe an das Bistum Würzburg durch Karlmann, einen Onkel Karls des Großen, wird heute das Jahr 741 angenommen, als Bonifatius das neue Bistum gründete. Die Vergabung von Kirchen und der daran hängenden Rechte (Versorgung mit Wein) und Pflichten (Versorgung mit Pfarrern) bedeutete übrigens, wie Classen betont, keinen Rückzug des Königs, denn hier wie in Ober-Ingelheim (St. Wigbert an das Kloster Hersfeld) waren beide Empfänger Reichskirchen, die ihrerseits dem König Abgaben und Dienste schuldeten. Vielleicht, so vermutet Classen, erreichten die Könige durch solche Schenkungsakte gerade eine bessere Verwaltung dieser Güter, was für die entstehende Pfalz natürlich von großer Bedeutung war.

Die frühere Vermutung, dass die Remigiuskirche mit der Saalkirche gleich zu setzen sei, in der  folgerichtig auch die Synode von 948 unter Otto I. stattgefunden habe, lässt sich nach den Ergebnissen der Ausgrabungen der letzten Jahre im Saalgebiet mit ihren Erkenntnissen über die Sakraltopographie der Pfalz nicht mehr aufrecht erhalten. Zur ausführlichen Beschreibung der Synode von 948

Zu einer ausführlichen Diskussion dieser Frage siehe "Remigius und Kilian"!

Jedenfalls verkaufte das Domstift Würzburg den Ingelheimer Besitz (Hof mit Äckern, Weinbergen, Zehnten, Zinsen sowie das Kilians-Patronat mit allen Rechten) im Jahre 1270 an den Dekan Walter des St. Stephanstiftes in Mainz für 200 Mark kölnischer Denare in bar.

Der Würzburger Zehnthof dürfte daher dem späteren Zehnthof von St. Stephan entsprechen, der in der Zeit der Franzosenherrschaft versteigert wurde und im Mündungsbereich der heutigen Ottonenstraße gegenüber der heutigen Remigiuskirche lag.

Der "Kiliansgarten" entsprach nach Saalwächter der Gewann "Im Kirchengarten", eine Bezeichnung aus dem 17. Jahrhundert.

Vor der Reformationszeit besaß die Kirche nach Saalwächter (S. 14) neben dem Hauptaltar drei weitere Altäre:
- einen Heilig-Kreuz-Altar, der zum daneben stehenden Spital gehörte
- einen Nikolaus-Altar mit einem Stipendium und
- einen Liebfrauen-Altar, zu dem es auch eine eigene "Liebfrauenbruderschaft" gegeben hat (Saalwächter).

Diese Altäre wurden bei der Reformation 1565 beseitigt.

Auf dem folgenden Merianstich von 1645, der im Vordergrund hauptsächlich Ober-Ingelheim mit der Burgkirche zeigt, ragen links am Rand vor den Rheingauhöhen zwei weitere Kirchen heraus, bei denen es sich weiter links wahrscheinlich um die Remigiuskirche handelt und weiter rechts vielleicht um die Saalkirche:

 

Auch wenn auf diesem Stich viele Einzelheiten nicht ganz naturgetreu wiedergegeben sind, auch bei der Burgkirche, so kann man doch den hoch ragenden staufischen Turm von St. Remigius erkennen, der an zwei (?) Kirchenschiffe seitlich angebaut ist (?), deren eines noch einen Dachreiter trägt. Wenn dies die Remigiuskirche sein soll, dann war sie es in dem Zustand noch vor dem Neubau des barocken Kirchenschiffes im 18. Jahrhundert (1739/40).

 

Ihre Glocken hatten auch weltliche Funktionen. So musste z. B. geläutet werden, wenn ein neuer (kurpfälzischer) Beamter vorgestellt wurde (festgehalten für 1452, Saalwächter, S. 13).

Die Saalkirche bekam ihren heutigen Glockenturm erst im Jahre 1861, in einer Zeit, als ein halbes Jahrhundert lang (1854-1906) ein erbitterter Kampf der evangelischen Gemeinde (unterstützt durch die weltliche) und der katholischen Gemeinde um die Benutzung des Remigius-Glockturms tobte ("Glockenstreit").

Links: der Kern des Dorfes Nieder-Ingelheim aus dem Katasterplan von 1812: blau die Kirche und rot die Häuser entlang der Belzerstraße (nach Norden) und der "Untergass" (Mainzer Straße, unten quer)

Auf dem winkligen Grundstück zwischen dem Kirchengrundstück und der Straße stand im Mittelalter das Spital, dessen Vermögensverwalter u.a. Sebastian Münsters Vater war.

Die Remigiuskirche war auch sonstiger politischer Mittelpunkt des Ortes:

Unter der Linde des Kirchplatzes fanden öffentliche Gerichtsverhandlungen statt, bei schlechtem Wetter und im Winter auch in der Michaelskapelle daneben, die über einem Beinhaus des Friedhofes an der Stelle des ehemaligen Schulhauses Belzerstraße 1 gestanden hat.

Saalwächter (S. 15) schreibt zur Lokalisation dieses Beinhauses: "Im Jahre 1784 wurde das Kapellengewölbe beim Aufbau des katholischen Schulhauses angetroffen." Und dieses Schulhaus stand an der Stelle des heutigen Parkplatzes an der Remigiuskirche.

Ihr Friedhof diente auch als Freistätte für Verfolgte, auf der die Streitigkeiten nicht fortgesetzt wurden. Auf dem Friedhof wurde so der Erbverzicht eines überschuldeten Erbes öffentlich kundgetan, indem z.B. die Witwe am Grab ihres verstorbenen Mannes ihren Mantel oder Schlüsselbund fallen ließ und die bisherige gemeinsame Wohnung danach nicht mehr betrat. Saalwächter (S. 16) nennt dafür fünf Beispiele aus den Jahren 1379 bis 1517.

Im Anhang der Jubiläumsschrift von 1939 (in der Bibl. des Hist. Vereins vorhanden, Signatur: DG 35) findet man Abschriften der Dokumente, die bei verschiedentlichen Renovierungsarbeiten des Turmes unter dem Hahn eingeschlossen worden waren, zu Kosten, zum Wetter, zu Weinpreisen, zu Personen, auch zur Renovierung des Turmes durch den Baron von Erlanger im Jahre 1881.

 

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Gs, erstmals: 23.10.06; Stand: 19.02.17