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Heidesheim - seit 1. Juli 2019 der Stadt Ingelheim beigetreten

Autor: Hartmut Geißler
aus: Müller 2019

Zum Autor Christian Müller

Im neuen großen Sammelband zur Geschichte der Stadt Ingelheim von 2019 hat der Heidesheimer Historiker Christian Müller eine zusammenfassende Darstellung der Ortsgeschichten von Heidesheim und Wackernheim veröffentlicht, die der Stadt Ingelheim im selben Jahr zum 1. Juli beigetreten sind. Schon als Schüler ist er im Jahr 2013 für eine Arbeit im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten zu den Kriegsgefangenenlagern zwischen Heidesheim und Heidenfahrt als Landessieger und als zweiter Bundessieger ausgezeichnet worden, und im Jahre 2018 hat der Historische Verein seine Untersuchung "Vom Zentrumsturm ins Braune Haus. Die nationalsozialistische Machtübernahme in Heidesheim 1933/34" in Kooperation mit der Ortsgemeinde Heidesheim als Kleine Schrift Nr. 12 veröffentlicht. Sie war ursprünglich seine Bachelorarbeit im Fachbereich 07 der Johannes Gutenberg-Universität.

Textstücke, die im Folgenden kursiv geschrieben sind, sind wörtliche Zitate aus der Arbeit von 2019.

Zu Wackernheim siehe hier!


Von der steinzeitlichen Besiedelung bis zum Ende des Mittelalters

Die heutige Gemarkung von Heidesheim und Wackernheim war bereits in der Steinzeit besiedelt, was zahlreiche Zufallsfunde und Grabungen in den vergangenen Jahrzehnten untermauert haben... In Heidesheim wurden im Jahr 1913 drei Hockergräber entdeckt, deren Grabbeigaben, ein Becher und ein Dolch, um 2400 v. Chr. datiert werden... In der sogenannten Frühlatènezeit, also um 450-200 v. Chr., war das nördliche Rheinhessen Teil des keltischen Siedlungsgebietes - und auch in Heidesheim haben die Kelten ihre Spuren hinterlassen. Bereits geborgene Gräber im Weilerwald Richtung Ingelheim sowie ein Zufallsfund an der Ecke Mühlstraße/Hammelstraße sind weitere Zeugnisse frühester Besiedlung.

Aus der römischen Zeit sind diverse kleinere Fundstellen in der Gemarkung überliefert, u.a. an der Karlsquelle bei der Sandmühle, am Höllenberg und im Rheinbein. Gesichert ist ... in Heidesheim die Existenz eines römischen Gutshofes (villa rustica), dessen Hauptgebäude mit Innenhof und nahem Gräberfeld teilweise bekannt sind. Nach Ellmers endete die Bewohnung dieser villa mit dem Zerfall der römischen Herrschaft in Rheinhessen im 5. Jh. Auf dem Fundament dieser villa entstand später eine Kirche, die sogenannte Georgskapelle, die zugleich das wichtigste Zeugnis aus fränkischer Zeit ist. Die Namensgebung führt Staab auf den Mainzer Bischof Sidonius zurück, dessen Kirchbau in Kastel das Patrozinium des heiligen Georg in der Region populär gemacht hatte; dass die Georgskapelle bereits eine spätantike Landkirche des Mainzer Bischofs gewesen war, hält Staab zudem für "durchaus möglich“.

Unzweifelhaft fränkische Funde liegen in der Heidesheimer und Wackernheimer Gemarkung verstreut, u.a. Grabbeigaben wie Töpfe, Lanzenspitzen und Messer... Durch diese Funde wird der fränkische Siedlungskern in Heidesheim auf die Hammel-, Honig-, Mainzer- und Mühlstraße lokalisiert... Darüber hinaus existierte am Rhein bei Heidenfahrt, wahrscheinlich seit römischer Zeit, eine Schifflände.

Neben diesen archäologischen Zeugnissen hält die fränkische Zeit aber noch ein wichtiges Ereignis bereit: die Gründung von Heidesheim und Wackernheim, womit auch die Geschichte der beiden Ortschaften als unterschiedliche Siedlungseinheiten begann. Die Spur zur Gründung Heidesheims führt zum LORSCHER CODEX, dem Urkundenbuch der ehemaligen Fürstabtei Lorsch... Die Urkunde Nr. 1436, welche angeblich die früheste Erwähnung des Ortes bereithält, nennt eine Schenkung Alberts im 11. Jahr des Königs Pippin des Jüngeren...

Folgt man dieser Angabe, muss sich die Schenkung im Jahr 762 ereignet haben. Mit dieser Begründung ist das Jahr 762 daher stets als Gründungsjahr vonseiten der Gemeinde begangen worden. Doch in der Forschung gilt dieses Gründungsdatum als widerlegt; so merkte Franz Josef Spang anlässlich der 1200-Jahr-Feier Heidesheims an: »Hier hat der mittelalterliche Abschreiber des Codex einen Fehler begangen, denn das Kloster ist erst 763/764 gegründet. Dieses XI ist in XV zu verbessern«. Karl Josef Minst folgt in diesem Punkt Spang und schlägt ebenfalls das Jahr 767 vor.

In weiteren Schenkungsurkunden kommt neben Heisinsheim auch Hesinis- bzw. Hasinisheim vor. Nach Kaufmann kann man aus Heisinsheim „Heim des Hesin“ ableiten, wobei Hesin eine Koseform des Kurznamen Hasso sei; eine Lautverschiebung (Ersatz-Entgleichung) bewirkte die Verformung von Heisinisheim zu Heidesheim.

Bis ins 12. Jh. ist die Quellenüberlieferung für Heidesheim und Wackernheim außerordentlich lückenhaft. Es ist jedoch unbestritten, dass im Laufe dieser Jahrhunderte die territoriale Trennung der beiden Orte einsetzte. Während Heidesheim fortan im kirchlichen Territorium lag, entwickelte sich Wackernheim zu einem freien Reichsdorf im Ingelheimer Grund. Noch heute kann man dieses historische Erbe in den Ortswappen erkennen - durch das Mainzer Rad (Heidesheim) und den Reichsadler (Wackernheim).

Beide Abbildungen aus wikipedia

Die kirchliche Verbundenheit Heidesheims zeigt sich dagegen in der Grundherrschaft des Klosters Eberbach auf dem Sandhof, die im Jahr 1145 begann...

Der Sandhof wurde zwischen 1162 und 1177 errichtet und entwickelte sich zu einem der reichsten Klosterhöfe... Mit der nahen Georgskapelle, die in dieser Zeit als Pfarrkirche der Heidesheimer Pfarrei St. Georg fungierte, stritt sich der Sandhof bzw. das Kloster Eberbach mehrfach um den Zehnten... Ebenfalls im 12. Jh. ließ Hardegen von Winternheim einen befestigten Wehrturm in der heutigen Heidesheimer Ortsmitte errichten. Hardegen von Winternheim spielte vor Ort eine herausragende Rolle, da er die Ortsvogtei über die Güter von Kloster Eberbach als Lehen der Herren von Stein besaß.

Im Jahr 1209 verlegte der gleichnamige Sohn Hardegens seinen Wohnsitz von der Sommeraue nach Norden und ließ einen befestigten Burgfried errichten, aus dem die Burg Windeck (Wintereck) hervorging.

Wie Ellmers berichtet, »hat sich [hier] ein sehr alter Typ des befestigten kleinen Herrensitzes, die seit dem 10. Jh. als Holzbau üblich gewordene sogenannte Motte, in selten vollständiger Form in Stein erhalten«. Offensichtlich sah sich Hardegen von Winternheim zu größeren Verteidigungsmaßnahmen genötigt, um seinen Besitz zu schützen, was auf unruhige Zeiten vor Ort hindeutet. Die Burg Windeck umgab später ein Wassergraben, dessen Konstruktion am alten Platz in der Sommeraue schwer möglich gewesen wäre. Tatsächlich begann sich Heidesheim allmählich »als eigenständige Einheit« zu konstituieren und sich aus dem Rheingauer Klosterbesitz herauszulösen.


Von der Frühen Neuzeit bis zum Ende der Franzosenherrschaft

Anfang des 15. Jhs. kam es dann zu einem Wandel territorialer Strukturen: Das Kloster gab »den Kampf gegen die Eigenmächtigkeit der Vögte auf und entschloss sich stattdessen zu der in dieser Zeit typischen Anlehnung an den Landesherren.«

Für Heidesheim bedeutete dies, dass die [Altmünsterkloster-] Äbtissin Christina den dritten Teil von Dorf und Gericht dem Erzbischof Johann von Mainz übergab, welcher im Gegenzug den Schutz des restlichen klösterlichen Besitzes zusagte. Dieser erzbischöfliche Anteil an Heidesheim, anfangs mit dem Rheingau verbunden, wurde im Jahr 1502 dem Vizedomamt außer der Stadt Mainz überlassen, während Altmünster seine Anteile der Vogtei dem Grafen Johann von Nassau, später den Herren von Bicken, zum Lehen gab. Nach dem Tod des letzten männlichen Mitgliedes, Johann Georg von Bicken, fiel die Vogtei im Jahr 1608 wieder an Altmünster zurück, das dem Erzbischof Johann Schweikhard von Kronberg die letzten beiden Drittel abtrat, sodass Heidesheim nun vollständig dem Vizedomamt Mainz gehörte.

Unter Johann Georg von Bicken war am 27. Oktober 1577 das Areal der Schlossmühle an den Domkantor Heinrich von Stockheim verkauft worden. Dieser baute das einfache Mühlengelände zu seinem Wohn- und Amtssitz aus. Die Schlossmühle entwickelte sich schnell zu einem repräsentativen Gebäude... Heidesheims...

Die Herren von Stockheim vollzogen nur einen Teil dieser Bautätigkeiten, da die Schlossmühle spätestens ab 1677 der Familie von der Leyen gehörte, welche ursprünglich enge Verbindungen zum Erzbistum Trier besaß und im Laufe des 17. Jhs. nach Mainz expandierte. Wie die Herren von Stockheim gehörten auch die Herren von der Leyen zu den führenden Familien des Mainzer Erzbistums. Noch heute trägt der Layenhof zwischen Wackernheim und Mainz den Namen der Familie...

Der Einfluss der Kurpfalz auf Wackernheim war groß, wie die Zeit der Reformation zeigt; Wackernheim wurde unter Kurfürst Friedrich III. im Jahr 1565 reformiert...

Der Dreißigjährige Krieg [zog] neben erheblichen Zerstörungen in beiden Gemeinden auch die Georgskapelle in Heidesheim schwer in Mitleidenschaft. Zudem gilt es auch als wahrscheinlich, dass die Schlossmühle durch die Kriegsfolgen beschädigt und daraufhin umgebaut wurde. Während Heidesheim nach dem Dreißigjährigen Krieg katholisch blieb, wurde Wackernheim endgültig protestantisch.

Im 18. Jh. wurde mit dem Bau der Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus auch in Heidesheim ein Kirchbau vorgenommen. Seit dem ausgehenden 13. Jh. hatte neben der Georgskapelle ein Gotteshaus auf dem Dimberg existiert, das man nun ersetzen wollte. Für die Planungen zeichnete Jakob Joseph Schneider verantwortlich... Bereits im Jahr 1777 hatte Schneider einen Entwurf für ein neues Heidesheimer Gotteshaus angefertigt, mit dessen Realisierung aber erst im Jahr 1792 begonnen wurde. Die Verhandlungen der Pfarrgemeinde mit der Mainzer Universität als Rechtsnachfolgerin des im Jahr 1781 aufgelösten Altmünsterklosters zogen sich lange hin, die Revolutionswirren verzögerten den Bau weiter und so konnten die Arbeiten an der neuen Kirche St. Philippus und Jakobus erst im Jahr 1810 abgeschlossen werden. Die Ausstattung der Kirche erfolgte mit Kunstwerken aus Mainzer Klöstern, die unter der französischen Herrschaft aufgehoben worden waren.

Die Französische Revolution markierte einen großen Einschnitt in territorialer, sozialer und politischer Hinsicht. Noch wenige Jahre zuvor waren das Vizedomamt außer der Stadt Mainz aufgelöst und drei Amtsvogteien gebildet worden, wie die Amtsvogtei Nieder-Olm, der Heidesheim angehörte. Doch diese Verwaltungsreform sollte nur kurz anhalten, da durch die Französische Revolution eine Zeitenwende einsetzte. Besonders markant war die Machtübernahme der Jakobiner, die auch in Heidesheim einen neuen Ortsvorstand bildeten... Freiheitsbäume wurden in den Gemeinden gepflanzt.

Die jüdischen Einwohner Heidesheims, zu denen die Familien der Viehhändler Löwensberg, Rosenthal und Ehrenstamm zählten, erhielten erstmalig im Jahr 1796 das Bürgerrecht.

Unter französischer Herrschaft wurde auch der adelige Besitz enteignet. In Heidesheim betraf dies u.a. die Schlossmühle, die - evtl, nach einer kurzen Restitutionsphase um 1806 - ohne Besitzer leer stand. Vor allem aber bewirkte die französische Zeit ein Ende der Trennung von Heidesheim und Wackernheim. Das Erzbistum Mainz und die Kurpfalz waren seit 1792/1803 Geschichte. Beide Ortschaften gehörten nun gemeinsam zu einer übergeordneten territorialen Einheit, dem Kanton Ober-Ingelheim im französischen DEPARTEMENT DU MONT-TONNERRE. Heidesheim wurde zum Verwaltungsort bestimmt - mit dem Maire Mattes Maus, der beiden Orten vorstehen sollte.


Die Entwicklungen seit dem frühen 19. Jahrhundert

Nach dem Ende der französischen Herrschaft gehörten Heidesheim und Wackernheim ab dem Juli 1816 zur neugegründeten Provinz Rheinhessen im Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Beide Ortschaften blieben somit Teil derselben territorialen Einheit...

In Heidesheim überstand ... der seit dem Jahr 1838 amtierende Bürgermeister Nikolaus Dillmann nicht nur die Märzrevolution, sondern legte auch den Grundstein für eine Bürgermeisterdynastie, die - mit einer dreijährigen Unterbrechung - unangefochten bis in das Jahr 1923 regierte.

Das Ortsbild veränderte sich in dieser Zeit; einige Höfe verschwanden. So wurde der Fengenberger Hof aufgegeben und der Karthäuser Hof dem Rhein überlassen. Nicht alle Höfe erlebten aber im 19. Jh. einen Niedergang; der einst freiadelige Boineburger Hof in der Binger Straße mit seiner barocken Bauweise blieb bestehen. Am Rheinufer hatte sich die protestantische Familie Krebs auf der Nonnenaue angesiedelt, wo ein Gehöft entstand.

Die Krisenjahre dieser Zeit gingen auch an Heidesheim nicht spurlos vorbei - ein rheinhessisches Phänomen, das Helmut Schmahl so zusammenfasst: »Vielmehr breitete sich in Rheinhessen der Pauperismus immer mehr aus. In der Mitte der 1850er-Jahre kam es nochmals zu Missernten und Teuerung, was zu bisher ungekannten Auswandererzahlen führte«. Die Auswanderung in die USA war auch in Heidesheim und Wackernheim ein beliebter Schritt in eine ungewisse, vielleicht aber bessere wirtschaftliche und politische Zukunft. Zu einem beliebten Auswandererziel der beiden Gemeinden entwickelten sich der Mittlere Westen und u.a. das Gebiet rund um Evansville im Bundesstaat Indiana. Einigen Auswanderern gelang tatsächlich eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse, wie dem Heidesheimer George Reis, der, als Jugendlicher ausgewandert, ein angesehener Unternehmer in St. Cloud (Minnesota) wurde.

Die zurückgebliebenen Einwohner erlebten ab den 1860er-Jahren eine Periode des Wirtschaftsaufschwungs, der in Heidesheim eng mit dem Bau der Eisenbahn verknüpft war. Die Entscheidung für das sandige Rheintal bei Heidesheim und gegen die historische Fernstraße bei Wackernheim führt Hans Döhn - neben geringeren Grunderwerbskosten - auf die Gemeinde Finthen zurück, die aus landwirtschaftlichen Erwägungen gegen das Projekt protestierte.

Für Heidesheim war der Eisenbahnbau ein Glücksfall, förderte doch die Fertigstellung der Strecke mit Bahnhof die weitere Wirtschafts- und Bauentwicklung. Durch den Eisenbahnbau entstand sogar im Jahr 1897 der Ortsteil Uhlerborn - aus einem Haltepunkt für die Gastwirtschaft Uhlerborn nahe der ehemaligen Jugendherberge Rheingoldruhe. Nicht nur Uhlerborn, sondern auch Heidesheim erlebte u. a. nach der Reichsgründung im Jahr 1871 eine rege Bautätigkeit, die um die Jahrhundertwende mit den repräsentativen Jugendstilbauten des ,Schönborner Hofs“ und der Post in der Bahnhofstraße, die beide Reinhold Weisse aus Mainz entworfen hatte, ihren Höhepunkt erreichte.

Von dieser Zeit des Aufbruchs kündete auch die Schlossmühle, welche nach Jahrzehnten schneller Eigentümerwechsel im Jahr 1865 von dem Heidesheimer Gutsbesitzer August Krebs erworben worden war. Um die Jahrhundertwende unterhielt Krebs auf dem Gelände jeweils eine Getreide-, Öl- und Holzschneidemühle.

Ein besonders herrschaftliches Gebäude befand sich seit 1904/09 auf der Königsklinger Aue im Rhein zwischen dem nach wie vor kleinen Ortsteil Heidenfahrt und Eltville. Auf der Rheininsel - seit napoleonischer Zeit in Privatbesitz - ließ sich der schlesische Graf, Industrielle und Mitglied des Olympischen Komitees, Graf Adalbert von Francken-Sierstorpff, eine »prächtige Villa in neubarocken, klassizierenden Formen« errichten. Neben einer prunkvollen Innenausstattung verfügte die Insel über ausgedehnte Gartenanlagen und den ,Karl-Ferdinand-Gedächtnisturm‘ nach Plänen des bekannten Architekten Wilhelm Kreis aus Düs-seldorf.

Eine weitere Ortspersönlichkeit war der jüdische Händler Alexander Ehrenstamm, der sich zur zentralen Figur des jüdischen Lebens in Heidesheim entwickeln sollte. Die Juden Heidesheims verfügten Ende des 19. Jhs. über einen Betsaal im Haus der Familie Ehrenstamm, auch wenn die Gemeinde wegen ihrer geringen Größe zu Ober-Ingelheim zählte, wo sich auch eine Synagoge in der Stiegelgasse befand.

Weitere bekannte Heidesheimer Juden waren neben Leopold Löwensberg die Gebrüder Stein, die eine florierende Weinhandlung in der Binger Straße besaßen und später nach Frankfurt expandierten. Jüdische Ortsbürger fanden ihre letzte Ruhe auf dem jüdischen Friedhof in Heidesheim (Am Judenfriedhof), auf dem noch zehn Grabsteine erhalten sind, die sich, wie der Friedhof selbst, bis um das Jahr 1970 in einem bedauernswerten Zustand befanden.

Die letzten Lebensabschnitte einiger Bürger sollte auch ein Alten- und Pflegeheim begleiten, das 1889/93 am westlichen Ortsausgang Heidesheims errichtet wurde - als Teil eines damaligen Reformprogramms für den Bau von ,Siechenanstalten‘ im Großherzogtum: »So kam es, dass für die Provinz Rheinhessen bereits 1893 eine Siechenanstalt mit 318 Plätzen in Heidesheim eröffnet wurde«. Altersschwache Patienten, aber auch Kranke mittleren Alters, die als unheilbar galten, wurden von nun an in die Siechenanstalt verlegt.

Zu einem Ereignis aus dem 19. Jh., das sich für lange Zeit im kollektiven Gedächtnis erhalten hat: das Unwetter vom 2. April 1876 (siehe Unterseite).

(Nach dem Ersten Weltkrieg) waren die Besatzungssoldaten in beiden Ortschaften überaus präsent, was zu einigen Zwischenfällen führte: Ein Munitionsunglück verwüstete das Gelände am Uhlerborner Bahnhof im Juni 1920, Konflikte zwischen Franzosen und Deutschen waren in beiden Gemeinden an der Tagesordnung, und die Zeit des Separatismus unter der Rheinischen Republik 1923/24 hatte insbesondere für Heidesheim verheerende Folgen.

Bürgermeister Franz Heinstadt wurde wegen seines Protestes gegen die separatistischen wie profranzösischen Bestrebungen nach Mainz verbannt, während zugleich mindestens 280 Familien mit ca. 1.000 Personen ins linksrheinische Gebiet ausgewiesen wurden. Dabei handelte es sich u.a. um Reichsbahnpersonal, dessen andauernder wie folgenreicher passiver Widerstand die Separatisten vor Ort äußerst unpopulär machte. Am Ende scheiterte der Separatismus, sodass Bürgermeister Heinstadt mit den anderen Ausgewiesenen nach Heidesheim zurückkehren konnte...

Die ... Besatzungszeit begann in Heidesheim vielversprechend, erhielten doch am 12. September 1920 die Landwirte der Gemeinde mit der Markthalle ein zentrales Gebäude direkt am Bahnhof. Nach dem überraschenden Tod des auf der Eltviller Aue residierenden Grafen Adalbert von Francken-Sierstorpff stiftete seine Witwe im Jahr 1922 der Ge-meinde Heidesheim ca. 60 Sozialwohnungen in der heutigen Sierstorpffstraße.

Darüber hinaus drückte sich in Heidesheim das Zugehörigkeitsgefühl zur Weimarer Republik in den jährlichen Verfassungsfeiern am 11. August aus.

Das mächtige katholische Milieu in Heidesheim mit Bürgermeister Franz Heinstadt und dem Beigeordneten Wilhelm Waldeck an der Spitze, flankiert von einflussreichen Landwirten und den im Eisenbahnermilieu verankerten Sozialdemokraten, bürgte lange für politische Stabilität in turbulenten Zeiten... Mit dem Abzug der französischen Besatzungsmacht im Jahr 1930 setzte eine Zeitenwende ein, die nach anfänglichem Optimismus durch wirtschaftliche und politische Probleme schnell in Frustration umschlug.

Nach Ute Engelen S. 387 gab es in Heidesheim auch zwei Konservenfabriken:

a) die Konservenfabrik, vormals Herzog & Fuchs, die vor dem Ersten Weltkrieg Karl Faber gehört hatte und außerhalb des Ortes lag

b) die Konservenfabrik K. Genzler & Co, die 1928 von  einer Frau, Katharina Genzler, gegründet worden war


Die Zeit des Nationalsozialismus

Nur drei Jahre nach dem Abzug der Franzosen war die Weimarer Republik Geschichte. Die nationalsozialistische Machtübernahme zelebrierten Heidesheim und Wackernheim gemeinsam mit einem Festumzug mit ,Höhenfeuer‘ auf dem Rabenkopf. In Heidesheim, der einstigen Hochburg des katholischen Zentrums, verlief die Machtübernahme der Nationalsozialisten in mehreren Schritten und wurde erst mit der Einweihung des Ehrenmals vor der Katholischen Pfarrkirche im Sommer 1934 abgeschlossen. Es kam zu Impulsen von außen durch neue auswärtige Bürger-meister sowie von innen durch Opportunismus und Gleichschaltung...

Nach dem Anschluss Österreichs (1938; Gs) ... war das jüdische Leben in Heidesheim bereits im Niedergang begriffen. Kurz vor der nationalsozialistischen Machtübernahme war noch Alexander Ehrenstamm unter großer Anteilnahme der Bevölkerung im März 1932 auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt worden. Das Geschäft seiner Tochter Rosa Grüner wurde Anfang des Jahres 1938 als "jüdisch“ gekennzeichnet und in der Reichspogromnacht verwüstet. Rosa Grüner floh mit ihrem Neffen Willi Stein zunächst nach Stuttgart und wurde 1942 in Riga-Jungfernhof ermordet. Willi Stein ... [konnte] nach dem Krieg nach Heidesheim zurückkehren. Das jüdische Ehepaar Max und Johanna Holländer, das seit den 1920er-Jahren die Schlossmühle bewohnte und bereits im Jahr 1933 im KZ Osthofen inhaftiert worden war, wurde am 10. November 1938 zu einem entwürdigenden wie folgenreichen Schauspiel gezwungen: Die Holländers "schenkten“ der Gemeinde Heidesheim die Schlossmühle, ehe sie den Ort für immer verließen...

Der Zweite Weltkrieg brachte für beide Gemeinden zwar keine Zerstörungen; dennoch waren auch Heidesheim und Wackernheim in die nationalsozialistische Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie eingebunden. Während in Wackernheim ein deutsches Bataillon stationiert war, existierte in Uhlerborn ein Arbeitslager für sowjetische Kriegsgefangene. Die sogenannte Aktion T4, die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderung, umfasste auch Patienten der Siechenanstalt Heidesheim. In den letzten Kriegstagen im März 1945 wurden zudem noch Dutzende Jugendliche zum Volkssturm eingezogen.

Als im Frühjahr 1945 viele Wehrmachtssoldaten in Kriegsgefangenschaft gerieten, rückte Heidesheim in den überregionalen Blickpunkt. Kurz nach der Ankunft der Alliierten, die am 20. März 1945 Heidesheim und Wackernheim erreichten, richteten die Amerikaner ein Kriegsgefangenenlager auf den Heidesheimer Rheinwiesen ein (Rheinwiesenlager), in dem bis zu 65.000 Soldaten unter freiem Himmel hausten. Der Ort zog zahlreiche Schaulustige an und wurde daher im Mai 1945 fast geräumt. Es gibt Berichte von Insassen, wie z. B. von Helmut Speiel: »Regen, Regen. Die Wiese wird ein Morast. Alles Grüne ist weg. Man schläft in der Hocke. Wir sehen die ersten Toten«.

Für die vielen Kranken und hoffnungslosen Patienten gab es ein Kriegsgefangenenlazarett in der ehemaligen Siechenanstalt. Außerdem befand sich am Bachacker ein Internierungslager für ca. 100 italienische Soldaten. Noch heute erinnert ein Gedenkstein an der Landstraße in Richtung Heidenfahrt an diese Monate...

Ein ... positives Ende nahm das Arbeitslager für Kriegsgefangene in Uhlerborn, das zwischen 1946 und 1948 existierte. Einige Insassen entschieden sich sogar, in Heidesheim zu bleiben; die Anlage wurde von US-Streitkräften übernommen.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ...

Nach der schwierigen Aufbauphase in den Jahren 1945 wandten Heidesheim und Wackernheim den Blick zunehmend in die Zukunft; Partnerschaften mit Auxonne (1964) und Egstedt/ Waltersleben (1990) bzw. Daix (1972) und Roncà (1999) wurden geschlossen.

Die katholische Kirche in Heidesheim wurde um ein Querhaus mit Sakristei im Jahr 1960 erweitert – und in der Bergstraße wurde eine evangelische Kirche zwischen 1968 und 1974 gebaut... Die Schlossmühle brannte 1970 und wurde erneuert.

Seit dem Jahr 1969 sind Heidesheim und Wackernheim Teil des Landkreises Mainz-Bingen, und im Jahr 1972 schlossen sich die beiden Gemeinden im Rahmen einer Verwaltungsreform zu einer Verbandsgemeinde zusammen.

Seitdem entstanden zahlreiche Neubaugebiete am Ortsrand von Heidesheim, in Heidenfahrt sowie, nach dem Abzug der Amerikaner, in Uhlerborn...

Die Fusion [mit Ingelheim; Gs] schreibt vielleicht in den nächsten Jahrzehnten neue Kapitel der Orts- und Baugeschichte für Heidesheim und Wackernheim. Die Zeit vor der Fusion war geprägt von einem intensiven ortspolitischen Diskurs, der die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Heidesheim und Wackernheim offenbarte. So vielseitig die Meinungen über die Fusion in beiden Ortschaften waren, so vielseitig ist auch deren Geschichte, die so viel Verbindendes wie Trennendes bereithält. Durch die Fusion wird wahrscheinlich aber das nächste Kapitel Heidesheimer und Wackernheimer Ortsgeschichte eng miteinander und vor allem mit Ingelheim verbunden sein.

 

Gs, erstmals: 07.01.2020; Stand: 11.01.2020