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Die freireligiöse Gemeinde und ihre Weihehalle in Ober-Ingelheim


Autor und Foto: Hartmut Geißler

Hauptquelle: Franz Weyell: Die Geschichte der freireligiösen Gemeinde Ingelheim. 1970

Siehe auch Webseite der Freireligiösen Gemeinde:
http://www.freireligioesegemeinde-ingelheim.de/

 

Zur Entstehung der freireiligösen Gemeinde in Ingelheim

(siehe Weyell)

Ausgelöst durch die Ausstellung des Hl. Rockes 1844 in Trier bildete sich in den Vierziger Jahren eine Reformbewegung, die eigentlich von katholischen Geistlichen ausging und die das kirchliche Lehramt, den päpstlichen Primatanspruch, den Heiligen-Kult, die Verehrung von Bildern und das strenge Fasten kritisierte. Diese Bewegung erreichte 1847 ihren Höhepunkt und zog auch viele Freidenker und Protestanten an.

Von den etablierten Kirchen wurde diese Reformbewegung sehr kritisch betrachtet und deshalb ebenso von den mit den Kirchen eng verflochtenen Obrigkeiten, zumal solche Gemeinden auch oft als Sammelbecken von Revolutionären der 48er Revolution erschienen. „In Österreich und Bayern wurden diese katholischen Dissidenten verboten und ausgewiesen, in Preußen, Hessen-Darmstadt und anderen deutschen Staaten zwar geduldet, aber einer ständigen Bedrückung ausgesetzt.“ (Weyell S. 3) Auch in Wiesbaden, im Rheingau und in Rheinhessen fasste die Bewegung Fuß, sie litt aber oft nicht nur unter Behinderungen durch die Obrigkeiten, sondern auch am Mangel an Predigern, die von den Regierungen bestätigt werden mussten, und an Versammlungsräumen.

In Ober-Ingelheim, das 1848/49 als besonders revolutionär eingeschätzt wurde, schlossen sich 1849 viele Personen bzw. Familien zu einer „Deutschkatholischen Gemeinde“ zusammen, gefördert vom zwangspensionierten Kreisgerichtspräsidenten Dr. Martin Mohr, der ihr auf seinem großen Anwesen in der Stiegelgasse 48 eine ehemalige Scheune als Versammlungsraum für Feierstunden, die „Erbauungen“, zur Verfügung stellte, 1850 selbst der neuen Gemeinde beitrat und sich in den Vorstand wählen ließ.

Weyell (S. 7 ff.) führt namentlich 153 Ober-Ingelheimer Personen auf, die 1850 Mitglieder waren. Ab 1. Januar 1851 hatte die Gemeinde folgenden selbstgewählten Vorstand:

- Adam Wasem, Adjunkt (= Angestellter),
- Bartholomä Biebesheimer, Steinkohlenhändler,
- Johann Döhn, Glaser,
- Karl Oeth, Spengler,
- Christian Müller, Oekonom (= Landwirt),
- Johann Priester, Weinmakler,
- Nikolaus Arnold, Oekonom,
- Dr. Martin Mohr, Vize-Präsident (früher am Gericht)
- Andreas Zerban, Oekonom,
- Philipp Lederhos, Oekonom,
- Peter Butz, Oekonom,
- Johann Kippenberger, Dreher

Schwierigkeiten entstanden dieser neuen reformatorischen und zunehmend freidenkerischen Glaubensrichtung nicht nur bei der Beschaffung von Räumen und Predigern, sondern auch bei den Fragen des schulischen Religionsunterrichtes und der Friedhofsbenutzung. Dies alles kann hier nicht ausführlich dargestellt werden, sondern das sollte der Interessierte in der Schrift von Franz Weyell nachlesen (in der Bibliotheca Carolina = Museumsbibliothek vorhanden).

Jedenfalls bildeten diese Deutschkatholiken damals einen ernst zu nehmenden Faktor in Ober-Ingelheim. Der hiesige Polizeikommissar Dr. Fritschler meldet 1852 auf Anfrage folgende Zahlen nach Darmstadt:

Einwohner nach der letzten Volkszählung 2506

davon evangelisch                                     1283
katholisch                                                    528
israelitisch                                                   144
deutschkatholisch                                        551 (mehr als Katholiken)

Nach den Angaben der Webseite der Freireligiösen Gemeinde (Stand: 21.11.2014) hat die Gemeinde "heute etwa 200 Mitglieder in Ingelheim und den Nachbargemeinden im Selztal und der Kreuznacher Gegend. Fünfmal im Jahr finden Feierstunden in der Weihehalle statt, die fast alle von Pfarrer Martin Buchner aus Idar-Oberstein gehalten werden."

 

Die heutige Weihehalle

Das Grundstück in der Mühlstraße hatte sie vom Apotheker Bastian geerbt. Architekt war der Wiesbadener Otto Schmitt, der sie, beeinflusst vom Darmstädter Jugendstil, erbaute. Am 10. Juli 1910 wurde sie eingeweiht.

Dieter Krienke (S. 404) beschreibt sie so:

Bescheiden dimensionierter, nach Osten gerichteter Rechtecksaal mit eingezogener, halbkreisförmiger Apsis. Bossenquaderbau unter Mansardwalmdach, den strebepfeilerartige Wandvorlagen im Wechsel mit kleinen, paarig angeordneten Rundbogenfenstern gliedern. Die Westfassade dominiert von der autgetreppten Vorhalle mit flankierenden dorischen Säulen und verbrettertem Knickgiebel. Das Portal, im Sturz die Jahreszahl der Erbauung, mit dem originalen kassettierten Türblatt. Das Innere von einer Korbtonne aus Rabitz überwölbt, die Westwand mit Rundbogenarkaden. Den Windfang flankieren Nebenräume. Weitgehend originale Ausstattung: polygonale Predigerkanzel in der Apsisnische, ornamentierte Gemeindestühle, Büste des Gemeindegründers Präsident Martin Mohr aus Ton, zwei Stifterbildnisse in Öl.

Bei Bau wurden auf dem Gelände drei spätrömische Sarkophage gefunden, von denen zwei ins Römisch-Germanische Zentralmuseum nach Mainz gebracht wurden, während der dritte noch auf dem Gelände ausgestellt ist.

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Gs, erstmals: 12.06.10; Stand: 05.03.17