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Die "Burgkirche" in Ober-Ingelheim


vor der Reformation "St. Wigbert", 
z. B. in der Schenkungskurkunde  Heinrichs III. von 1051,
spätmittelalterlich auch "Wypert", "Weypert", "Wiprecht"

Autor und Fotos: Hist. Verein / Hartmut Geißler

Die Burgkirche mit spätgotischem Chor (kurz nach 1400) und romanischem Wehrturm (kurz nach 1100) hinter der restaurierten Wehrmauer, von Osten gesehen

 

Johann Wolfgang von Goethe schrieb über diese Kirche anlässlich seines Besuches von Ober-Ingelheim am 5. September 1814:

Zu oberst liegt ein altes, durchaus verfallenes, weitläufiges Schloß, in dessen Bezirk eine noch gebrauchte, aber schlecht erhaltene Kirche.

Zur Revolutionszeit meißelte man die Wappen von den Rittergräbern. Uralte Glasscheiben brechen nach und nach selbst zusammen. Die Kirche ist protestantisch.

Ein wunderbarer Gebrauch war zu bemerken. Auf den Häuptern der steinernen Ritterkolossen sah man bunte, leichte Kronen von Draht, Papier und Band, turmartig zusammengeflochten. Dergleichen standen auch auf Gesimsen, große beschriebene Papierherzen daran gehängt. Wir erfuhren, daß es zum Andenken verstorbener unverheirateter Personen geschehe. Diese Totengedächtnisse waren der einzige Schmuck des Gebäudes.

"Burgkirche" wurde das evangelische Gotteshaus erst 1940 nach der Vereinigung zur Stadt 1939 genannt, als es in der neuen "Stadt Ingelheim am Rhein" mehrere namenlose evangelische Kirchen gab, die unterschieden werden mussten (Gesetz- und Verordnungsblatt der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen vom 16. Februar 1940).

Bis zur Reformation war sie dem heiligen Wigbert/Wiprecht geweiht, dem Gefährten des Bonifatius und Schutzpatron des Klosters Bad Hersfeld, das seit Karl dem Großen Besitzungen in Ober-Ingelheim hatte und wahrscheinlich an der Stelle der heutigen Kirche schon mehrere Vorgängerkirchen in einem fränkischen Gräberfeld (Coemeterialkirche) bauen ließ. Nach einer im Jahr 2003 durchgeführten dendrochronologischen Untersuchung eines Gerüstholzes aus dem zweiten Obergeschoss des Turmes ergibt das Jahr 1103 einen Anhaltspunkt zur Datierung des noch erhaltenen romanischen Turmes. Die beiden Geschosse darunter, in deutlich anderer Bauweise, werden von Dr. Horn in die 70er Jahre des 11. Jahrhunderts eingestuft, also in die Zeit Heinrichs IV.

Im 15. Jahrhundert wurde sie um zwei verschieden breite Seitenschiffe erweitert und nach Westen verlängert.

Nach der Reformation wurde sie zuerst nur von der reformierten Gemeinde genutzt, seit 1690 aber auch simultan von beiden Konfessionen. Zu diesem Zweck wurde der Chor, den die Katholiken benutzten, durch ein Eisengitter, das durch eine Mauer ersetzt werden sollte, abgetrennt. Anlässlich der Pfälzer Kirchenteilung von 1705/07 bestand die reformierte Gemeinde auf der beschlossenen Kirchenteilung, bei der die ganze Kirche den Reformierten zugesprochen worden war. (Saalwächter, BIG 9, S. 87/88) Sie diente nun - ohne Seiten-Altäre und schmucklos, alle Bemalungen weiß übertüncht - als reformierte Kirche (ohne Namenspatron) und hieß nur noch die (evangelische) "Kirch(e)", weshalb die vom Markt zu ihr führende Straße einfach die "Kirchgasse" hieß.

Anzumerken ist, dass die Kirche keine "Wehrkirche" im eigentliche Sinne ist, wie man sie z. B. aus Ungarn kennt; zusammen mit den Wehrmauern kann man sie aber als "Kirchenburg" bezeichnen, wie es sie im fränkischen Raum mehrfach gab. Denn ihr spätgotisches Kirchenschiff mit seinen hohen Fenstern war als Gebäude nicht zur Verteidigung geeignet, allenfalls der ältere romanische Turm (s.u.).

Bei der Verlängerung des Chores Anfangs des 15. Jahrhunderts wurde sogar die Wehrmauer dahinter auf die halbe Dicke verdünnt, um noch ausreichend Platz rings um den Chor zu gewinnen. Die Verteidigungsfähigkeit durch die Wehrmauer wurde zu dieser Zeit offenbar schon als sekundär eingestuft.

Zu den Wehrmauern allgemein

Seit ihrem Umbau im 15. Jahrhundert wurde sie mehrfach restauriert, in Verbindung mit weiteren Umbaumaßnahmen:

- 1521-1525: "außerordentliche Instandsetzungsarbeiten" (Saalwächter, BIG 9, S, 150f.)
- 16./17. Jh.: in der 2. H. d. 17. Jh. Renovierung des Kircheninneren
- 1576 Renovierung des Helmes des Kirchturmes (Urkundenabschrift im Glockenturm)
- 1675 Wiederherstellung des Chores nach Beschädigungen im 30jährigen Krieg
- 1703 Renovierung des Kirchturmes
- 1821 Reparatur des Kirchendaches
- 1849-51 Wiederherstellung der Kirchenfenster
- 1876-77 umfassende Kirchenrenovierung
- 1904 Einbau einer Heizung, Erneuerung des Fußbodens
- 1952-1964 umfassende Renovierung unter Dekan Seyerle mit Wiedereinbau und Ergänzung des Marienfensters nach Auslagerung während des Zweiten Weltkrieges
- 1994-2006 umfassende Innen- und Außenrestaurierung

Im Zusammenhang mit diesen verschiedenen Umbau- und Renovierungsmaßnahmen sind auch die Epitaphien mehrfach umgruppiert worden, so dass heute nur noch die wenigsten an ihrer ursprünglichen Stelle stehen bzw. hängen.

Die von außen deutlich sichtbaren vier unterschiedlichen Dachhöhen zeigen die verschiedenen Bauabschnitte  des 15. Jahrhunderts, bei denen man auch den alten Turm mit integrieren musste.

Aus dem 18. Jahrhundert stammt der reichgeschnitzte Prospekt einer Stumm-Orgel.

 

Blick durch das Eingangstor auf den romanischen Turm und die an eine Burg erinnernde Südfront der "Burgkirche", die nach der letzten Restaurierung in einem blendenden Weiß strahlt.

 

 

 

Das scheinbar wehrhafte Aussehen, vor allem der Westfront, entsprang wohl einer Baumode des 15. Jahrhunderts und findet sein Pendant in der Gestaltung der Ritterepitaphien (s.u.) in der Kirche, wo die Verstorbenen auch in romantisierender Ritterrüstung dargestellt wurden.


Bild oben: Burgkirche von Süden aus, hinter der doppelter Wehrmauer mit Zwinger, davor die Freilichtbühne. Gut zu erkennen sind die verschiedenen Bauabschnitte des Kirchenschiffes (von rechts nach links aus den Jahren ca. 1404 bis ca. 1462).

Die Innenausstattung der Kirche war erst 1521 vollendet (Krämer, Burgkirche, S. 17)

Durch die Einbeziehung des vorher frei stehenden Turmes in ein angebautes nördliches Seitenschiff (Bild rechts) wurde eine neue Dachkonstruktion nötig, die sowohl über das Mittelschiff und als auch über beide verschieden breiten Seitenschiffe reicht. Diese wurden wahrscheinlich benötigt, weil man Platz für weitere sechs Gedenk-Altäre zu bekommen wollte; bekannt sind:

- ein Liebfrauen-Altar
- ein Johannes-Altar
- ein Nikolaus-Altar
- ein Katharinen-Altar
- ein Peter-und-Paul-Altar
- ein Heiligkreuz-Altar.

Wo sie standen, ist unklar. Sie alle wurden im Zuge der Reformation Friedrichs III. 1565 beseitigt.

Grabplätze in Kirchen waren sehr begehrt und wurden teuer bezahlt, was wohl zur Finanzierung des Kirchenneubaus beigetrug.

Zum Übersichtsplan der Epitaphien in der Burgkirche.

Die heutigen noch aufgestellten Grabplatten stellen nur noch einen Rest der ehemaligen Grabdenkmäler dar, nämlich 25 innerhalb der Kirche, sieben außerhalb und ein weiteres im Gemeindehaus, also zusammen 33. Helwich hat 1615 noch 37 Grabplatten erfasst, Krämer noch 32 und zudem 10 hölzerne Totenschilde, die leider alle verschwunden sind.

Bei dem Umbau im 15. Jahrhundert wurde der neue breitere und höhere Dachstuhl über den bestehenden des kleineren romanischen Vorgängerbaues gebaut (linkes Bild unten), denn die Benutzung des alten Kirchenschiffs sollte wohl auch nicht unterbrochen werden. Dadurch kann man jetzt zwei Dachstuhl-Konstruktionen übereinander sehen. Die Personen des rechten unteren Bildes stehen unter dem schmaleren romanischen Dachstuhl. Die meisten Balken stammen noch unverändert aus dem Mittelalter, denn die Kirche ist niemals zerstört worden oder abgebrannt.


Das Erdgeschoss des Turmes und ein durch eine Zwischenmauer (heute nicht mehr vorhanden) abgetrennter Teil der Nikolaus-Kapelle hinter dem Turm dienten als Sakristei und als gut gesicherte Archive für wichtige Urkunden:

1. für die Privilegienurkunden des Ingelheimer Adels (im "Rittergewölb" in der Nikolaus-Kapelle) sowie für die Gerichtsakten des Rittergerichts, d.h. für die Protokolle des Oberhofs und die Prozessnotizen der Ortsgerichte - die "Haderbücher" - und andere Urkunden der freiwilligen Gerichtsbarkeit.

2. Im "Ratsgewölb" in einem Wandgelass des Turmes wurden die Akten des Ingelheimer Grund(s)rates aufbewahrt.

Die Urkunden des Adels waren dort sicher verwahrt, bis sie im Archiv der rheinischen Ritterschaft in Mainz (1728) gesammelt wurden, wo sie 1793 bei der deutschen Bombardierung von Mainz verbrannten. Auch die meisten Gerichtsprotokolle wurden 1879 abgegeben, und zwar ins Hessische Staatsarchiv nach Darmstadt, wo sie 1944 durch englische Bombardierung verbrannten. Erhalten blieben nur die Haderbücher, die 1879 "nicht auffindbar" waren.

In der Sakristei im Turm stand auch der prächtige Paramentenschrank (Buchenholz, 2,25 m hoch und 2,95 m breit; siehe unten). Er wurde 1899 von der Gemeinde aus Geldmangel für 600 Mark an das Darmstädter Landesmuseum verkauft, wo er noch heute zu sehen ist.


Auf beiden Seiten des Chores gibt es Anbauten, deren südlicher die ursprünglichen Chorfenster teilweise verdeckt, während der nördliche schon vor dem Chorausbau vorhanden war.

Links   = südlich die heutige Sakristei
Rechts = nördlich eine Kapelle, die an den Turm stößt und von außen einen Zugang hat (früher Nikolaus-Kapelle, links). Von ihr aus führt eine Treppe als einziger Eingang in den Turm, der früher einen Zugang von der Wehrmauer her hatte, sodass er von den Gemeindewächtern auch bestiegen werden konnte, wenn die eigentliche Kirche verschlossen war.

In den Jahren 1994 bis 2006 wurde die Kirche außen und innen aufwändig restauriert. Die Gemeinde ist daher für jede dringend benötigte Spende sehr dankbar.

Evang. Burgkirchengemeinde Ober-Ingelheim
Konto 467510053,
BLZ 551 900 00,
Mainzer Volksbank

www.burgkirche-ingelheim.de


Die restaurierte Burgkirche von innen

Unten: Blick von der Orgelempore zum Altar und den Chorfenstern hin

Burgkirche: Mittelschiff und Chor
Burgkirche: Chor mit Deckenverzierungen und Marienfenster


Die Decke im Chor mit ihrer Rosettenbemalung entspricht dem ursprünglichen Aussehen vom Anfang des 15. Jahrhunderts (ca. 1406). Das Marienfenster in der Mitte stammt zu großen Teilen noch aus dem Beginn des 15. Jhs, die Seitenfenster aus dem 20. Jh. (1961). Maria war die Hauptheilige der Ritter im Mittelalter, so dass ein Marienfenster gut zu einer ganz wesentlichen Funktion der Kirche passte, die im Folgenden dargestellt wird: als Begräbnis- und Gedächtnisstätte für verstorbene Adlige.

Eine genaue Beschreibung dieses mehrfach restaurierten Fensters ist in der Burgkirche erhältlich: "Das Marienfenster der Burgkirche zu Ingelheim".



Grabmale in der Kirche


Der im Verlauf des Mittelalter zu Wohlstand und Einfluss gelangte Adel in Ober-Ingelheim und Umgebung benutzte die Burgkirche für Grabmale, die entweder im Boden eingelassen waren, oder für (ergänzende) Epitaphien die zum Gedächtnis der Verstorbenen an den Wänden aufgestellt oder aufgehängt waren.

Es mag sein, dass in dem religiösen Bedürfnis, für die Gedächtnismessen für die Seelen, die noch im Fegefeuer verweilen mussten, ausreichend Altäre zu haben, aber auch im gewachsenen adligen Repräsentationsbedürfnis die Ursachen für den Ausbau der Kirche im 15. Jahrhundert und deren mehrmalige Umplanung zu suchen sind.

 

 

 

 

Dass die Familie der Herren von Ingelheim (später "Reichs-Freiherren" und "Grafen" von Ingelheim) daran einen besonderen Anteil hatte, zeigen nicht nur ihre herausragenden Grabmale in der Kirche, sondern auch ihr Wappen im Schlussstein des mittleren Rippenbogens, das rot-gold "geschachte" Kreuz ("geschacht" = in quadratische Würfel aufgeteilt).

 

 

Von dieser Familie stammen die vier folgenden Epitaphien (in Auswahl).

Links: Hans von Ingelheim, gestorben 1480, und rechts: Wilhelm von Ockenheim (genannt "von Ingelheim"), gestorben 1465 (anklicken)

Beide stehen nebeneinander und sind mit Turnier-Plattenpanzern und Sturmhauben gewappnet, etwa lebensgroß, Hellebarden in ihren rechten Händen, die linken Hände auf das umgegürtete Schwert gestützt; beide stehen auf Tieren, einem Löwen bzw. einem Hund, was Bezug auf einen Psalm des Alten Testamentes nimmt.

Bei beiden Epitaphien sind die Wappen neben bzw. über den Köpfen zur Zeit der französischen Revolution sorgfältig herausgehauen worden, ohne die Figuren selbst zu zerstören.

Links: der Ritter Philipp von Ingelheim, gefallen am 2.7.1431 in der Schlacht bei Bulgnéville in Lothringen; rechts: unter einem gotischen Baldachin seine Ehefrau Meygen (Maria, Mia) Werberg von Lindenfels, gest. 1442 (anklicken)


Der Mainzer Meistersinger Bernkopf (15. Jh.) dichtete über Philipp diese Strophe:

"Her Philipps do von Ingelheim
den schaden muß ich klagen
er hat tugend und eren vil
er streit in ritterlichem zil
von dem ich noch wil sagen."

(Zum Gesamttext)

 

 

 

 

Zum Epitaph der protestantischen Familie Lopes von Villanova (1666 an der großen Pest verstorben) oder Bild anklicken


Die äußeren Rippen der beiden hintersten Pfeiler stützen sich auf je drei Narrenkopf (?) - Konsolen, die in ihren bunten Farben nach der Restaurierung 2006 erst richtig auffallen.

die südlichen Köpfe:



die nördlichen Köpfe:

 


Schlusssteine:

links (im Chor): der Gründerabt Wigbert (?), Mitte: Reichsadler, rechts: Mond als Mariensymbol

 

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Gs, erstmals: 16.11.06; Stand: 06.03.17