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Gedenktafel für Theodorich (Theodor, Dietrich) Freidach (Freitag) aus [Nieder-] Sachsen


Autor und Foto: Hartmut Geißler
mit Dank an Herrn Walter Ellwanger, Bremen, für seine freundlichen Informationen zur Familiengeschichte derer (von) Freitag (Dezember 2011)


Von einem Gräberensemble der Familie Freitag in der Mitte des Nordseitenschiffes (tumulorium in medio), wie sie Helwich abschrieb, für

- Amalia Holtzäpfelin,
- Theodor Freytag
und
- Arnold Freytag, seinen Bruder, der das Grabmal hat setzen lassen,

ist nur noch die folgende schwarze, oben abgerunderte Marmortafel erhalten, die an Theodoricus Freidachius ex Sax[onia] erinnert. Sie soll nach Helwich (S. 365) zu seiner Zeit an einer Säule angebracht gewesen sein.

Foto: Gs


Die Übersetzung der lateinischen Inschrift lautet (Gs):

Theodor/Dietrich Freitag aus [Nieder-] Sachsen, aus einem alten Geschlecht und bekannt durch den wahren Adel seiner Tüchtigkeit und Bildung ("vera virtutis ac eruditionis nobilitate clarus") ist im Jahre 1533 nach Christi Geburt am 11. Oktober geboren worden, von den hochedlen Eltern Sigeboth Freidach und Gehsa von Gröblingen in Estorpia [= Estorf, Landkreis Nienburg/Weser].

Viele Reisen machte er, in vielen Jahren, durch verschiedene Gegenden der Erde. Erster Pfälzer Rat war er und kurfürstlicher Amtmann von Oppenheim 32 Jahre lang.

Der rechtgläubigen und wahren evangelischen Konfession immer anhängend, übte er großzügig Wohltätigkeit gegenüber den Armen.

Als Ehefrau hatte er die hochedle Frau Aemilia Holtzapfel 23 Jahre und sechs Monate lang.

Im Jahre des Herrn M.D.XCVIII [1598] am IX. Dezember ging er in seinem 66. Lebensjahr aus diesem Erdenleben mit einem traurigen und sehr friedlichen Tod in jene himmlische Heimat hinüber.

Dieses Grabmal hat sein leiblicher Bruder dem Bruder setzen lassen, der hochedle Arnold Freidach.


Theodor/Dietrich und Arnold Fridach/Freitag
waren Söhne von Segebade Fridach, einem wohlhabenden und langjährigen Rat der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg in Celle, und seiner Frau Gese/Gehsa, einer illegitimen Tochter des Mindener Domherren Johann von Gröpelingen. Vom Vater Segebade und einem anderen Sohn Hinrich existieren noch Epitaphien in der Bremer Kirche St. Ansgar.

Dietrich war nach dieser Gedenktafel, die sein Bruder hat anbringen lassen, also 32 Jahre lang Oberamtmann der Kurpfälzer Verwaltung in Oppenheim und damit auch für Ingelheim zuständig.

Er muss das Amt demnach ca. 1566 angetreten haben, ein Jahr nach der radikalen Reformation durch Kurfürst Friedrich III. mit Bilderstürmereien in Oppenheimer Kirchen (und sicherlich auch in Ingelheim). Es ist daher anzunehmen, dass er auch in Ingelheim im Sinne von Friedrichs radikal-calvinistischer Reformation aufgetreten ist bzw. diese hier durchsetzen sollte. Dazu passt die Betonung seines immerwährenden rechtgläubigen und wahrhaft evangelischen Bekenntnisses (orthodoxae et verae evangelica confessioni semper addictus).

Interessant zu wissen wäre, warum Dietrich, seine Frau und später sein Bruder in Ober-Ingelheim und nicht in Oppenheim gewohnt haben und bestattet wurden. Hing das vielleicht mit der Übertragung des 1573 säkularisierten Klosterbesitzes von Engelthal an ihn zusammen (s.u.)? Gewohnt haben die Freitags und Klenckes in der Ober-Ingelheimer Stiegelgasse 33/35, wo das rückwärtige Wohnhaus vor kurzem einem Neubau gewichen ist. (Krämer, Heimatbuch S. 25: Erbbeständer des Klosters Engelthal).

Auffällig ist auch die Betonung des wahren Adels von Tüchtigkeit und Bildung von Dietrich - Attribute des im Zeitalter des Humanismus entstehenden Bildungsbürgertums. Nach einem Hinweis von Ellwanger bezieht sich diese Bemerkung wohl einerseits auf sein Studium (ca. 1551-1558 in Wittenberg und Heidelberg). Und andererseits war seine adlige Herkunft durch seine Mutter nicht ebenbürtig, so dass es sogar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen um das Familienerbe in Estorf kam.

Wohl deshalb erwarb Gese Fridags 1535/37 für sich und die Söhne Bürgerrecht in Bremen und kaufte hier 1537 mit allen vier Söhnen ein Haus, in dem sie anscheinend dauernd gewohnt hat, während ihr Mann, der seit 1537 als Kriegsrat und Drost im Dienst der Stadt stand, zwischen Bremen und Estorf pendelte. Die Söhne wurden 1555 vom Kaiser legitimiert, aber nicht nobilitiert. Segebades Güter, die vom Stift Herford und den Grafen von Hoya zu Lehen gingen, haben 1561/62 die Neffen erhalten.

Arnold Freitag ist seit 1576 im Dienst der Grafen von Hoya nachzuweisen. 1587-97 war er herzoglicher Landdrost der Grafschaft Diepholz und seit 1589 auch Amtmann des Amts Lemförde. 1597 kaufte er das Gut Walle bei Melle, ein Lehen der Bischöfe von Osnabrück. Seit 1601 stand er in Minden und Osnabrück unter Kuratel, angeblich wegen „Verstandesverwirrung und Beraubung der Vernunft“. Einer seiner Vormünder war sein Schwiegersohn Johann Klencke (Ϯ 1634), Drost zu Schlüsselburg, dessen Sohn Johann Adam Klenck(e) (*1616 – Ϯ 1679) anscheinend 1651 und 1659 Lehninhaber der ehemaligen Klosterhöfe zu Sporkenheim und Ober-Ingelheim war. (Ellwanger)

Er könnte mit den Klenckes in die Pfalz gekommen sein, um das Erbe des anscheinend kinderlos verstorbenen Bruders anzutreten, vermutet Ellwanger. Nach einer Urkunde  von 1601 (StA Darmstadt, Best. RKR, 6 Buchst. F.) soll er (Arnold Freitag zum Walle) den Pfalzgrafen Johann von Zweibrücken wegen der Rückzahlung eines ihm vom Oberamtmann Dietrich Freitag zu Oppenheim ausgeliehenen Kapitals von 8000 fl in Anspruch genommen haben (Ellwanger). Das Fürstentum Pfalz-Zweibrücken war damals stark verschuldet.

Die Familie derer von Freytag besitzt bis heute ihr Gut in Estorf.


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Gs, erstmals: 19.09.11; Stand: 07.03.17