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Kommerzienrat Dr. h. c. Albert Boehringer

* 1861 Stuttgart … † 1939 Ingelheim

Autorin: Margarete Köhler (2000)
Überarbeitet und ergänzt von Hartmut Geißler (2009/2011)


Die Herstellung chemischer und pharmazeutischer Produkte hat in der Familie Boehringer eine bis 1817 zurückreichende Tradition. Das erste Unternehmen gründete Christian Friedrich Boehringer, der Großvater Alberts, zusammen mit einem Kollegen in Stuttgart.

In der nächsten Generation verlegte Christoph Heinrich (C. H. B.), der Vater Alberts, das Unternehmen nach Mannheim. Ernst, der ältere Sohn Christoph Heinrichs, übernahm es 1882.

Der jüngere Albert praktizierte nach der Reifeprüfung zunächst in zwei Apotheken und wandte sich dann dem Studium der Chemie in München zu. Es war sein Ziel, sich durch den Erwerb einer Fabrik in der Chemie-Branche selbständig zu machen.

Sein Bruder Ernst vermittelte ihn deshalb an den verkaufswilligen Mainzer Fabrikanten Philipp Adam Schneider, von dem Albert 1885 eine kleine Weinsteinfabrik in der Binger Straße von Nieder-Ingelheim samt Verfahrensrecht erwerben konnte.

Sofort begann er, sie so zu vergrößern und zu modernisieren, dass die Produktpalette erweitert werden konnte. Wenn der Jungunternehmer auch von einem erfahrenen Buchhalter aus dem Mannheimer Betrieb kaufmännisch gut beraten wurde, so hatte er doch wegen der dünnen Kapitaldecke harte Anfangsjahre zu durchkämpfen. Wie er dankbar anerkannte, half ihm seine Mutter mehrmals aus finanziellen Engpässen.

Als die Mannheimer Firma nach dem plötzlichen Tod seines Bruders Ernst auf fremde Namensträger ("Engelhorn") überging, änderte Albert die Bezeichnung seines eigenen inzwischen erfolgreichen Unternehmens 1892 in "C. H. Boehringer Sohn" um.

Sein zweites geschütztes Firmenzeichen, eine Rekonstruktionsansicht des Ingelheimer Saales, wohl beeinflusst von der Abbildung des Saales in Sebastian Münsters Cosmografie, kreisförmig mit "C. H. B. S. Ingelheim" umschriftet, ließ er 1905 eintragen. Später (1924) wurde eine Rekonstruktionsansicht des Heidesheimer Tores zum Firmenlogo, das bis heute die Ingelheimer Pfalz in der ganzen Welt vertritt.

Als weitsichtiger Kaufmann nahm er im gleichen Jahr nicht nur die Produktion von Milchsäure auf, sondern ließ klugerweise auch anwendungsbezogene Forschung in seiner Firma betreiben. Dank der hierdurch erschlossenen Absatzmöglichkeiten prosperierte das junge Unternehmen in außerordentlichem Maße. Das nächste Ziel, die Herstellung pharmazeutischer Chemikalien, war 1905 erreicht.

Albert Boehringers Erfolgskonzept zeichnete sich u. a. dadurch aus, dass er der betriebsinternen Forschungsarbeit hohe Priorität einräumte und darauf bedacht war, in seiner hauseigenen wissenschaftlichen Abteilung fähige Spezialisten zu beschäftigen. Nach den Berichten seiner Mitarbeiter pflegte der Chef einen patriarchalischen Führungsstil. Als echter Schwabe schätzte er Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Pflichtbewusstsein bei seinem Personal als unverzichtbare Kardinaltugenden ein und ging mit gutem Beispiel voran.

Noch heute erzählt man sich amüsante Anekdoten darüber, wie er - allgegenwärtig - Kontrolle ausübte und Bummelanten ohne Ansehen der Person bestrafte.

Er genoss nicht nur im Hause respektvolle Anerkennung, seine Verdienste um die Chemie und die industrielle Praxis erfuhren auch angemessene öffentliche Würdigung dadurch, dass ihm kurz nach seinem fünfzigsten Geburtstag der Titel eines Kommerzienrates verliehen wurde.

Naturverbundenheit und Freude an der Jagd - eine Vorliebe, die er mit dem Freiherrn von Erlanger gemeinsam hatte - brachten ihm in der spärlichen Freizeit Entspannung und Ausgleich. Im Umgang mit den Betriebsangehörigen zeichnete er sich durch menschliche Anteilnahme und Verantwortungsbewusstsein aus.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurden bei Boehringer Bäder eingerichtet, Wohnungen gebaut und werksseitig Maßnahmen der finanziellen Unfall- und Krankenfürsorge getroffen. Ein 1915 begründeter Unterstützungsfonds für alte Arbeiter und die Hinterbliebenen von Kriegsgefallenen gehen auf seine Initiative zurück.

Als gesetzliche Urlaubsansprüche noch lange nicht in Sicht waren, erhielten die Betriebsangehörigen des Hauses Boehringer nach zehnjähriger Betriebszugehörigkeit einen bezahlten zweiwöchigen Urlaub und Reisekosten. Einzige Auflage war, dass die zweckentsprechende Verwendung durch eine Ansichtskarte an den Chef belegt werden musste.

Den Ersten Weltkrieg brachte der Kommerzienrat als Leiter einer Sanitätseinheit im Felde zu. In der französischen Besatzungszeit war nach dem Kriege Aufbauarbeit unter erschwerten Bedingungen zu leisten. Sein unternehmerisches, fachliches und soziales Engagement blieb nicht unbeachtet.

Albert Boehringer erhielt an seinem 60. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde der Gemeinde Nieder-Ingelheim sowie der Stadt München und wurde zum Ehrendoktor der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg ernannt. In der Zeit des "passiven Widerstands" im Rheinland, im Jahre 1923, blieb ihm und seinem Sohn Albert, wie vielen anderen Prominenten, die Ausweisung durch die Besatzungsbehörden nicht erspart.

Diese Maßnahme tat seiner unternehmerischen Dynamik keinen Abbruch. Er nutzte die Zeit, um ein Zweigwerk in Hamburg-Moorfleet aufzubauen. In der Weltstadt war der urwüchsige Schwabe zu seinem Verdruss genötigt, seinen Lebens- und Arbeitsstil hanseatischen Gepflogenheiten anzupassen. Mit Freude kehrte er deshalb 1931 wieder in seine geliebte Wahlheimat Ingelheim zurück.

Ab 1919 bzw. 1927 hatte er seine beiden Söhne Albert und Dr. Ernst Boehringer (verheiratet mit Ruth, geb. Dyckerhoff) sowie 1920 seinen Schwiegersohn Julius Liebrecht (verheiratet mit Ilse Boehringer, 1894 - 1974) mit in die Leitung der OHG genommen.

Seine beachtliche Lebensleistung fand in Kreisen der Wirtschafts- und Naturwissenschaft allgemein Anerkennung. So wurde ihm 1926 eine weitere akademische Ehrung durch die Ludwig-Maximilians-Universität München zuteil.

Bis zu seinem 70. Lebensjahr leitete er zusammen mit seinen Söhnen das Unternehmen. Wenn auch die nächste Generation mit am Ruder stand, so blieb doch der Kommerzienrat bis zuletzt "Vater des Betriebs".

Im März 1939 ist Albert Boehringer sen. in Ingelheim - kurz vor der Stadtwerdung und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges - verstorben. Neben dem Unternehmen, das seinen Namen trägt, erinnert noch die Commerzienrat-Boehringer-Anlage mit einem von ihm gestifteten Gefallenen-Ehrenmal an die markante Unternehmerpersönlichkeit.

Ruth Boehringer, geb. Dyckerhoff, 1906-2007

 

 

 

 

 

 

Neben Albert Boehringer senior wurde auch sein Sohn Albert junior (1890-1960), seine Schwiegertochter Ruth Boehringer, geb. Dyckerhoff, (1906-2007), Dr. Robert Boehringer (1884-1974), der zeitweise das Ingelheimer Unternehmen leitete, und seine Enkelin Ulrike von Baumbach zu Ingelheimer Ehrenbürgern ernannt.


Die Verbundenheit der Familie Boehringer mit Ingelheim zeigt sich auch in dem Rondell des Familiengrabes auf dem Nieder-Ingelheimer Friedhof, hier der Eingang in die Grabstätte und die Grabplatte von Albert Boehringer sen. und seiner Frau Helene.

Literatur

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Gs, erstmals: 21.06.09; Stand: 27.02.17