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Das gewerbliche Leben zu Ingelheim vom 14. bis 18. Jahrhundert

 

Autor: Hartmut Geißler

mit Zitaten aus Andreas Saalwächters Aufsätzen im Rheinhessischen Beobachter von 1910, Nr. 115 und 116 vom 20. und 21. Mai (= BIG 9, S. 99-104)

 

Das Material für seine Darstellung aus dem Jahre 1910 fand Saalwächter noch in Haderbüchern und anderen Archivalien, die heute nicht mehr existieren.

Er begann: Eine Darstellung des gewerblichen Lebens unserer Heimat muß notwendig beide Ingelheim umfassen, wenn sich ein vollkommenes Bild ergeben soll. Das ansässige Gewerbe ist nämlich infolge der inneren Entwicklung der einzelnen Gemeinden an jedem Orte anders gruppiert. An Seelenzahl nur wenig hinter Ober-Ingelheim zurückstehend, zeigt Nieder-Ingelheim bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein vorwiegend ländliches Gepräge. Dagegen ist Ober-Ingelheim ein ausgesprochenes Landstädtchen. Die Entstehung bestimmter Gewerbe ist dafür ein Beweis. Die zu Nieder-Ingelheim im Jahre 1752 vorkommenden Gewerbe waren noch ganz den einfachen Bedürfnissen der bäuerlichen Bevölkerung angepaßt. Dagegen waren zu Ober-Ingelheim bereits im 14. Jahrhundert Gewerbe vertreten, die entweder wie Goldschmiede und Kürschner einem verfeinerten Lebensgenusse dienten, oder wie Zinngießer, Keßler, Messerschmiede und Wollweber auf einen breiteren Kundenkreis angewiesen waren.

Da sich Ober-Ingelheim seit dem Spätmittelalter zum bevorzugten Wohnsitz des Adels herausgebildet hatte, entstand dort natürlich auch mehr Nachfrage nach Luxusgütern. Auch nach dem Wegzug des Adels behielt Ober-Ingelheim seine Vorzugssituation, wie man an den gutbürgerlichen Barock-Wohnhäusern der Kirchgasse ("An der Burgkirche") ablesen kann, zu der es in Nieder-Ingelheim kein Pendant gab.

An erster Stelle sah Saalwächter das BaugewerbeMaurer, Steinmetze, Zimmerleute, Kleiber (Verputzer), Leiendecker (Schieferdachdecker), Schaubdecker (Strohdecker) und Mühlenbauern… Zwar sind Profanbauten aus dem 15. Jahrhundert nicht mehr in Ingelheim anzutreffen. Die ältesten Häuser reichen höchstens in das 17. Jahrhundert zurück. Bauteile des 16. Jahrhunderts sind nicht selten bei neuen Bauten verwendet. Eine Nachricht von 1435 verrät uns, daß die Ingelheimer Häuser mit Schindeln gedeckt und mit Pferdeköpfen oder Nachbildungen von solchen geschmückt wurden.

Mit der Verarbeitung von Metallen befaßten sich Goldschmiede, Zinn- oder Kannengießer, Keßler, Schlosser, Grob- und Messerschmiede, Spengler und Schwertfeger. Die ständige Anwesenheit eines Grobschmiedes war für die bäuerliche Bevölkerung ein Bedürfnis. Die Gemeinden nahmen deshalb Schmiede in ihren Dienst und stellten ihnen die Werkstatt.

Eine Gemeindeschmiede gab es in Ober-Ingelheim, wahrscheinlich auch zu Nieder-Ingelheim… Wenn man aus der maßgebenden Stelle der Handschrift: ‚uff dem huse vnden an der smette‘, einiges herauslesen darf, lag die Dorfschmiede an der Straße Mainz-Bingen, am Ausgange des Dorfes nach Bingen zu.

Holzarbeiter waren Armbrüster, Faßbinder, Schreiner, Polierer und Wagner.

Für Bekleidung sorgten Lohgerber, Weißgerber, Kürschner, Schneider, Tuchscherer, Schuhmacher und Weber in Leinen und Wolle. Gehaßte Leute waren die Schuhmacher, wenn zu enges Maß genommen war.

Wichtige Zweige des Ingelheimer Gewerbes vertraten die Müller, Bäcker und Metzger. Die Mühlen waren durchweg im Besitze von Edelleuten, die sie an Berufsmüller verpachteten. Ähnliche Verhältnisse zeigt das Bäckergewerbe. Die Backhäuser besaßen vorwiegend vermögende Leute, die sie gegen Zins an Berufsbäcker überließen… Zu Nieder-Ingelheim war 1386 der Edelknecht Heinrich von Ravensburg Eigentümer eines Backhauses. Philipp von Ingelheim (wahrscheinlich der namensgleiche Vater des Philipp, der bei 1431 Bulgéville fiel) und seine Schwägerin besaßen ein solches in Ober-Ingelheim, das 1400 einem Bäckerpaar in Zins gegeben wurde. Auch die Familie des Schultheißen Henne von Wiesbaden besaß 1400 ein verpachtetes Backhaus zu Ober-Ingelheim.

Die Backhäuser der Adelsfamilien waren aber nicht konkurrenzlos, namentlich zu Ober-Ingelheim. Hier sind Backhäuser nachweisbar: 1412 am Markt, 1418 in der Hammergasse, 1517 und 1523 in der Altengasse. Zu Nieder-Ingelheim ist längere Zeit nur von einer Bäckerei die Rede. Sie lag auf dem Böhl und gehörte wahrscheinlich Heinrich von Ravensburg. Der Bäcker „off dem bohil“ ist in den urkundlichen Zeugnissen des 14. und 15. Jahrhunderts eine oftgenannte Persönlichkeit. Um die ständige Anwesenheit eines Bäckers zu sichern, errichteten die Gemeinden eigene Backhäuser, zu deren Benutzung die Bürger bei Strafe verpflichtet waren… Gemeindebäcker gab es bestimmt 1663 zu Nieder-Ingelheim, 1669 zu Ober-Ingelheim. Ersterer hieß Hartkopf, letzterer Sommer, der in der Altegasse wohnte.

Den Transport an Waren und Menschen besorgten zu jener Zeit, wo es noch keine Posten und Eisenbahnen gab, Flößer, Fährleute und Kärrcher. Der Rheinstrom war die natürliche Handelsstraße, Frei-Weinheim der Hafen des Ingelheimer Grundes. Schiffleute und Fischer waren zu Frei-Weinheim und am Heidenfahr heimisch. Aus den Fluten des Rheins wurde 1386 Gold gewaschen.

Höckerinnen, Kaufleute und Krämer ernährten sich vom Handel. Bader, Barbiere und Hebammen befaßten sich mit Körperpflege, Heilkunde und Geburtshilfe. Durch Jahrhunderte sind Musiker: Lautenschläger, Pfeifer und Trommler in Ingelheim anzutreffen.

Mehr oder weniger ausgesprochene landwirtschaftliche Nebengewerbe betrieben die Gärtner, Mähder und Branntweinbrenner. Die Viehzucht beschäftigte Viehtreiber und Kastrierer.

Der Zusammenschluß der Ingelheimer Handwerker zu Zünften ist vor dem 17. Jahrhundert nicht nachweisbar, aber bestimmt anzunehmen. Schon im 15. Jahrhundert erfolgte zu Ingelheim die Ausbildung der Lehrlinge nach bestimmten Regeln des Handwerks… Der Zusammenschluß der einzelnen Handwerkergruppen des Ingelheimer Grundes zu staatlich beaufsichtigten Zünften war zu Ende des 17. Jahrhunderts vollzogen. Die landesherrlich bestätigten Satzungen der einzelnen Zünfte scheinen leider verloren… Die einzelnen Zünfte hatten für ihre Zusammenkünfte bestimmte Lokale als Zunftstuben, die das Zunftschild schmückte. Das Zunftschild der Zimmerzunft, das einst in der Ringgasse zu Ober-Ingelheim aushing, ist noch erhalten. Im Jahre 1745 war das Haus des Wirtes Peter Weitzel zu Ober-Ingelheim die Zunftstube der Ingelheimer Müllerzunft. Ihre Zunftmeister waren damals Georg Friedrich Speth zu Nieder-Ingelheim und Friedrich Roos zu Wackernheim.

 

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Gs, erstmals: 26.06.16; Stand: 27.02.17