Andreas Hartkopf, eine Veteran der großen Armee


Autor: Andreas Saalwächter

Auszüge aus einem Sonderdruck des "Ingelheimer Anzeigers", Nr. 48, 49 und 50, Jahrgang 1922, also aus der Zeit der französischen Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg


Andreas Hartkopf, ein Nieder-Ingelheimer Landwirtssohn, erblickte am 30. November 1790 das Licht der Welt. Seine Geburt, Kindheit und Jünglingszeit beleuchtete kein guter Stern. Als er geboren wurde, brandeten bereits die Wellen der französischen Revolution nach dem Rhein herüber und die erste Kindheit war vom Waffengetöse erfüllt, als Mainz in längeren Kriegen wiederholt seinen Besitzer wechselte...

Das Kirchenbuch der reformierten Gemeinde Nieder-Ingeheim, das die Jahre 1708 bis 1797 umfaßt, enthält auf Blatt 94 folgenden Geburtseintrag: „Novembris den 20ten natus et den 2ten Decembris baptizatus Andreas. – Parentes: Johannes Hartkopf, bürgerlicher Einwohner dahier und Elisabetha Margaretha eius uxor. Testes : Andreas, weyland Johannes Saalwächters gewesenen bürgerlichen Einwohners dahier ehelich lediger Sohn...

In gärender Zeit geboren, in Kriegszeiten aufgewachsen und erzogen, hatte er sich wohl frühzeitig mit dem Gedanken abgefunden, selbst einmal das Gewehr schultern zu müssen. Von dem an sich schon bescheidenen Unterricht der reformierten Schule seines Geburtsortes wird er infolge starker Beeinträchtigung durch die Kriegswirren nicht allzu viel profitiert haben. Seine Lehrer waren der reformierte Pfarrer Joh. Friedrich Bender, dessen Bibliothek in der Familie eines Nachkommen pietätvoll aufbewahrt wird, und der reformierte Schullehrer Johann Friedrich Bölger. Mit achtzehn Jahren stellte sich Hartkopf zur Musterung.

Ein Umschreiben des Präfekten Jeanbon St. André vom 5. März 1808 lud die Konscribirten des Jahres 1809, zu denen Hartkopf gehörte, kantonsweise nach den Bezirkhauptorten Mainz, Alzey, Winnweiler, Kaiserslautern, Zweibrücken, Speyer und Worms. Die jungen Leute des Kantons Ober-Ingelheim hatten sich am 16. März 1808 um 11 Uhr Morgens zu „Mainz im schröderischen Saale, nahe dem Flachs-Markte, Litt. C Nr. 192“ einzufinden. Hier wurde Hartkopf zum 21. französischen Dragoner-Regiment ausgehoben, dessen Depot sich in Straßburg befand. Auf Ostern 1809 hatte er sich in Mainz im sogenannten Mehlmagazin zu stellen.

Da galt es, Abschied zu nehmen von Eltern, Geschwistern und guten Freunden, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Bei guter Zeit wurde aufgebrochen und der Fußmarsch nach Mainz angetreten. Auf der „Steig“ bei Nieder-Ingelheim an der sogenannten „Muhl“ passierte ihm das erste Missgeschick. In einem Schneetreiben entflog ihm die Mütze, die trotz allen Suchens in der Dunkelheit nicht mehr zu finden war. So legte er barhäuptig den Weg nach Mainz zurück, wo er eingekleidet wurde. Gute Freunde haben ihn wohl ein Stück Wegs begleitet.

Es ist mir nicht bekannt, in welcher Weise der Abtransport nach Straßburg erfolgte. Anscheinend ging es linksrheinisch die neue Baseler Straße entlang. In Straßburg begann in raschem Drill eine sechswöchentliche Ausbildung. Die ersten Eindrücke einer größeren fremden Stadt wirkten hier kräftig auf den jungen Rekruten ein, sodaß er noch im hohen Alter gern von dieser Zeit erzählte. Die Besteigung des Münsters, von dessen Plattform schon Goethe die Lande beschaut hatte, war ihm ein unvergessliches Erlebnis. In Straßburg begegnete ihm auch ein elsässischer Namensvetter. Die beiden waren derart erfreut, daß sie den gemeinsamen Familiennamen mit einem Trunke begossen.

Zu dieser Episode darf ich erwähnen, daß die jetzt in beiden Ingelheim sehr verbreitete Familie Hartkopf aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Elsaß stammt, wo sie im 17. Jahrhundert bei Hagenau unter dem Namen Hertkopf vorkommt. Die Matrikel der Universität Heidelberg enthält diesen Namen. Der erste Träger des Ingelheimer Namens muß nach dem dreißigjährigen Krieg eingewandert sein. Georg Hartkopf war 1662 Gemeindebäcker zu Nieder-Ingelheim und seine Nachkommen trieben noch hundert Jahre später das Bäckerhandwerk. – Bekanntlich tauchen nach jedem Kriege als gewaltiger Völkerbewegung neue Namen auf. Beispiele für die französische Zeit sind in beiden Ingelheim die Namen Bour, Jouaux und Protin, in Partenheim der Name Monnard.

Die militärische Ausbildung dauerte in Straßburg – wie bereits gesagt – sechs Wochen, wurde dann in Augsburg fortgesetzt und in Tirol beendet. Einzelheiten über die militärische Bestimmung des Truppenteils sind mir nicht bekannt. Von Tirol ging es nach Mainz zurück und von da nach Spanien. Auf dem Marsche von Mainz muß Hartkopf mit seinem Truppenteil über Frankfurt am Main gekommen sein. Ich hörte, daß er nahe der alten Mainbrücke, die nun auch dem Abbruch verfallen ist, bei einem Bäckermeister einquartiert war. Zum Ausmarsche nach Spanien wurde die große Pariser Straße ab Mainz über Alzey, Kirchheimbolanden, Kaiserslautern, Homburg, Saarbrücken, Metz, Verdun und Chalons benutzt.

In der Nähe seiner Heimat hatte Hartkopf das Glück, zu einem Besuche seiner Angehörigen in Nieder-Ingelheim beurlaubt zu werden. Es war nur ein Urlaub auf wenige Stunden. Das Pferd mußte er freilich bei der Truppe zurücklassen, die er auf Schusters Rappen auf dem Wege über Engelstadt wieder einholte. Es muß das – genauere Daten fehlen – zu Ende des Jahres 1809 geschehen sein.

Von nun an blieb Hartkopf, wie so viele seiner Kameraden, fünf Jahre lang für die Heimat verschollen. Das Regiment stand bereits seit dem Jahre 1808 in einem aufreibenden Kampfe mit spanischen regulären und irregulären Truppen, denen die Engländer verbündet waren. In mörderischem Kleinkrieg mit der aufständischen spanischen Bevölkerung, den sogenannten Guerillas, entstanden der Truppe schwere Verluste. Auch Hartkopf wurde bei einem nächtlichen Überfall dieser verwegenen ortskundigen Freischärler schwer verwundet. Als berittener Posten geriet er ins Handgemenge mit einem feindlichen Reiter, der ihm mit der bewimpelten Lanze einen Stich in den rechten Arm beibrachte. Zwar vermochte Hartkopf die weitren Angriffe des Spaniers abzuwehren. Es wäre aber trotzdem um ihn geschehen gewesen, wenn nicht rasche Hilfe seinen Angreifer getötet hätte. Der getroffene Arm zitterte zeitlebens, so beim Essen. Auch an den zitterigen Schriftzügen sind die Folgen der Verwundung zu bemerken.

In Spanien war es wiederum die Stadt Madrid mit ihren Schlössern, Plätzen und Denkmälern, die von ihm fleißig betrachtet wurden und nachhaltige Einrücke hinterließen. Besonders merkwürdig muß es ihm aber als einem Angehörigen des reformierten Bekenntnisses vorgekommen sein, daß auch die Reformierten den Fronleichnamstag mitfeiern mußten. Die Reformierten sollen übrigens nach Erzählung des Alten bei der katholischen Bevölkerung Spaniens recht beliebt gewesen sein. Im spanischen Feldzuge kam Hartkopf bis an’s Meer.

Das Regiment wurde im Juni 1813 nach Frankreich zurückbeordert und überschritt am 25. Juni die spanisch-französische Grenze. Es hatte bei Troyes am 23. Februar 1814 ein ernsthaftes Gefecht mit den Kosaken und beteiligte sich am 7. März 1814 bei Craonne als Teil der Brigade Rigaud an dem Kampfe gegen die preußische Kavallerie von Witzingerode. Am 9. März war es bei Laon, am 18. März bei Reims, am 30. März bei 1814 bei Paris in der Ebene von Saint–Denis im Gefecht. Der Stern des Kaisers, den der junge Dragoner auf seinen Kriegsfahrten gesehen hatte, war im Erlöschen.

Im Jahre 1815 kam Hartkopf über Landau, wohl von Straßburg her, wieder zu den Seinen. Eine Reiterpistole – eine zweite hatte er unterwegs weggeworfen – war sein Kriegsandenken.

Einige Bemerkungen über die kameradschaftlichen Beziehungen innerhalb des Regiments sollen diesem Bilde nicht fehlen. Dieselben sollen bei aller Verschiedenheit des landsmannschaftlich sehr gemischten Ersatzes die denkbar besten gewesen sein. Das Departement vom Donnersberg, also die Bezirke Mainz, Speyer, Kaiserslautern und Zweibrücken stellten zu dem 21. Dragoner-Regiment bei der außerordentlichen Aushebung der Jahre 1806-1809 erstmalig 22 Mann, denen bei der Supplementärziehung von 1806 bis 1810 weitere 158 Mann folgten. In gutem Gedächtnisse blieben dem Alten die im Regimente dienenden Flamen, die ihm nach Wesensart und Sprache verwandt waren. Zwei gute Freunde fand er in seinen Waffengefährten Johannes Bretz I. aus Volxheim in Rheinhessen und Friedrich Grammes aus Meddersheim bei Meisenheim in der späteren Landgrafschaft Hessen-Homburg. Beide scheinen mit Hartkopf 1809 eingerückt zu sein. Vielleicht war Grammes der Dienstältere. Er war 1809 in Österreich, 1810-13 in Spanien und Portugal, 1814 in Frankreich. Er wurde bei Medina zweimal verwundet. Ab und zu gab es ein Wiedersehen unter den drei Freunden, wenn der Kreuznacher Jahrmarkt besucht wurde. Besonders Hartkopf ließ es sich nicht nehmen, von Kreuznach aus einen Abstecher nach Volxheim zu machen.

Im hohen Alter von 84 Jahren ist er am 9. November 1874 als einer der letzten Veteranen Napoleons gestorben. Der Kriegerverein und die Turngemeinde zu Nieder-Ingelheim begleiteten ihn zu Grabe.

Am Ende seines Artikels gibt Saalwächters seinem Bedauern Ausdruck, dass der Versuch dieses Lebensbildes von Andreas Hartkopf auf sehr dürftigen Quellen beruht: auf Erzählungen im Familienkreise, die natürlich im Laufe der Jahrzehnte nicht an Zuverlässigkeit gewonnen haben, auf wenigen Auskünften des französischen Kriegsministeriums und auf einer einzigen gedruckten französischen Veröffentlichung über die Geschichte dieses 21. Dragoner-Regiments. Insbesondere stellt er mit großem Bedauern fest, dass Hartkopf keinerlei autobiografische Notizen hinterlassen habe - eine Situation, wie sie anscheinend in ganz Rheinhessen und auch der bayrischen Rheinpfalz vielfach zu beobachten ist. Auch ein Bild von ihm gibt es nicht. Man kann dies vielleicht daraus erklären, dass das Konskriptionssystem der französischen Armee den etwas wohlhabenderen und daher vielleicht auch gebildeteren Schichten die Möglichkeit einräumte, ihre Söhne durch Ersatzleute vom Kriegsdienst freizukaufen. Hartkopf stammte wie die meisten seiner Kameraden in der "großen Armee" Napoleons aus einfachen Verhältnissen. (Gs.)

Erlebnisberichte aus der Pfalz hat Kermann, Pfälzer Veteranen, veröffentlicht.

Etwas besser sind die Schicksale der nassauischen Rheinbundtruppen erforscht, die von der anderen Rheinseite aus ebenfalls nach Spanien geschickt worden sind. Dies waren nach Guntram Müller-Schellenberg insgesamt 6.659 Mann, von denen mehr als die Hälfte ausfielen, nämlich 3.937 Mann, dies aber nicht nur durch Tod, sondern auch durch Desertion, Gefangenschaft oder Verwundung. Das Ausmaß der Desertionen unter den nassauischen Wehrpflichtigen gibt er mit ca. 10 Prozent an, während es in den linksrheinischen, ehemals deutschen Departements nur ca. 3 Prozent gewesen seien.


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Gs, erstmals: 12.02.06; Stand: 08.02.17