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Legenden um Karl in Ingelheim


Autor: Hartmut Geißler

nach Peter Classen  und den Originalquellen

 

Sowohl Franzosen als auch Deutsche benutzten die Erinnerung an Karl den Großen im 12. Jahrhundert, um ihren königlichen Ahnherren enger mit ihrer eigenen Herrschaft zu verknüpfen und dadurch zu legitimieren. So entstanden in den 1150er Jahren eine Legende über ihn im Kloster St. Denis, wo man eine Byzanzreise Karls erfand, um die Herkunft der kostbaren Reliquien (ein Stück der Dornenkrone, einen Nagel des Kreuzes und einen Splitter vom Kreuz) zu begründen. Schon vorher war in Frankreich das Rolandslied entstanden, das Karl im angeblichen Kampf gegen die Mauren in Spanien rühmte. In Aachen wurde um 1170 eine neue Karlsbiografie geschrieben, die ihn als Heiligen beschreibt (Weinfurter S. 41 ff.).

Um 1170 übersetzte der Kleriker Konrad in Augsburg das französische Rolandslied ins Deutsche und arbeitete es im Sinne der Kreuzzugsideologie um. Auch Roland bekam Insignien, die Barbarossa von einem Engel empfangen haben soll, das Horn Olifant und das Schwert Durenhart - Parallelen zu den Ingelheimer Sagen.

Peter Classen schrieb:
"Allenthalben blüht in der Barbarossazeit die Verehrung Karls des Großen auf; sie spiegelt sich in vielen Schriften nicht nur der gelehrten Welt, sondern auch in der volkssprachlichen Dichtung, und dabei gewinnt Ingelheim eine neue eigentümliche Bedeutung.

Kaiser Friedrichs Kaplan Gottfried von Viterbo ist der erste, der erzählt, Karl sei in Ingelheim geboren, eine Behauptung, die nun durch Jahrhunderte immer öfter wiederholt wird und zum Beweise dienen soll, daß der große Kaiser ein Deutscher war, mithin die Deutschen und nicht die Franzosen seine rechten Nachfolger sind. (Zitat siehe unten) Darüber hinaus wird Ingelheim in vielen Dichtungen geradezu als Haupt- und Residenzstadt Karls des Großen genannt. Erst fast 200 Jahre später unter Karl IV. wird diese Tradition unmittelbar geschichtswirksam für Ingelheim, obwohl sie doch ganz unhistorisch ist. So gewiß der Platz dem großen Franken seinen Aufstieg verdankt, so wenig Recht hat er doch, in irgendeinem Sinne als dessen Residenz zu gelten - nicht nur Aachen, auch Worms, Herstal, Nymwegen und anderen Pfalzen käme dies viel eher zu.

Wie aber ist diese Legende entstanden? Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß sie dem Lokalstolz der Ingelheimer selbst entsprossen ist. Vielmehr begegnet sie erstmalig in der - Geschichte und Sage vermischenden - »Kaiserchronik«, einer epischen Dichtung in mittelhochdeutscher Sprache, die um 1160, also eben in der Zeit des Wiederaufbaus der Pfalz durch Barbarossa, in Regensburg entstand. Der Dichter zählt Ingelheim neben Deutz, Boppard, Andernach, Mainz und Oppenheim zu den von Julius Caesar begründeten Siedlungen; sodann läßt er Karl in Ingelheim residieren und den geflüchteten Papst Leo - des Kaisers Bruder! - dort empfangen, die historische Begegnung zwischen Papst und König von Paderborn nach Ingelheim verlegend.

Die Kaiserchronik ist der Ausgangspunkt, von dem aus die Legende von Ingelheim als der Residenz Karls des Großen weiter wuchert. Der ausgeprägt bayerische Charakter der Kaiserchronik erklärt vielleicht die Rolle Ingelheims. Denn in Ingelheim hatte Karl der Große mit dem Prozeß gegen Tassilo 788 über das Geschick Bayerns entschieden; von dort war er gleich darauf nach Regensburg gezogen, um die Herzogsstadt an der Donau in Besitz zu nehmen. Wenn auch der Chronist die Unterwerfung Tassilos übergeht, so war doch im Bewußtsein der Bayern wohl kaum ein Ereignis der Regierung Karls des Großen so lebendig wie dieses, und darum verband man mit der Gestalt des Frankenkaisers unwillkürlich die Vorstellung von der Residenz in Ingelheim. Einmal in die Überlieferung eingetreten, konnte diese Lokalisierung dann in der Sage weiterwuchern, auch außerhalb Bayerns." (Classen S. 124 f.)

Gottfried von Viterbo, Hofkaplan bei Friedrich I., dichtete in den 1180er Jahren in lateinischen Hexametern und Pentametern über die königlichen Vorgänger Friedrichs I.:

  Pipinus moritur, consurgit Karlus acer,
Natus in Ingeleheim, cui Berta fit Ungara mater
  Pipinusque pater: cronica vera patent.

Übersetzung (Geißler):
Pippin stirbt, und aufsteigt der tapfere Karl, geboren in Ingelheim, dem die Ungarin Berta zur Mutter wurde und Pippin zum Vater: Wahre Chroniken stehen offen (Chroniken sagen die Wahrheit?). 

Die Verse einer anonymen Kaiserchronik (V, 379-386) über die angeblich römische Gründung von Ingelheim durch C. Iulius Caesar lauten wie folgt:

Juljus worbte dô bî Rîne
die sedelhove sîne:
Diuze ain stat guote,
Bocbarte der ze huote;
Andernâche ain stat guote,
Ingelnhaim der ze huote;
Magenze ain stat guote,
Oppenhaim ir ze huote...

Julius [ Caesar] baute da am Rhein
die Siedelhöfe sein:
Deutz [= Köln-Deutz], eine gute Stadt,
Boppard, dieser zur Hut [Bewachung];
Andernach, eine gute Stadt,
Ingelheim, dieser zur Hut;
Mainz, eine gute Stadt,
Oppenheim, ihr zur Hut...

In diesem langen Epos voller Versatzstücke aus Religion und Geschichte reiht der namentlich unbekannte Dichter Ingelheim unter bedeutende römische Gründungen ein und weist der staufischen Burganlage Ingelheims - völlig unhistorisch - eine Schutzfunktion schon in römischer Zeit für Andernach zu, ebenso wie Oppenheim für Mainz.

Auch wenn das aus historischer Sicht frei erfunden ist, zeigt es doch die Bedeutung, die man im fernen Regensburg der staufischen Zeit noch immer mit "Ingelheim" verband.

Der ehemalige Abt des Klosters Sponheim, Johannes Trithemius, erzählt noch um 1500 im Chronicon Hirsaugiense, dass es in dem Augustiner-Chorherrenstift im Saal, das 1354 von König Karl IV. für slawischsprachige Pilger eingerichtet worden war, nicht nur eine Mensa für Bedürftige, sondern auch eine kleine Bibliothek gegeben habe. In dieser gebe es einen Altar, der an der Stelle errichtet wurde, wo das Geburtsbett Karls des Großen gestanden haben soll.  Im selben Raum soll Karl auch das Glaubensschwert von dem Engel empfangen haben. Die Volksethymologie, die "Ingelheim" von "Angleheim" ableitete, von "angelorum domus" = "Heim der Engel", ist viel älter; sie wird schon in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts durch Richer von Reims in seiner Chronik des Bistums Reims erwähnt (Hist. II 69). 

Schließlich berichtet noch Johann Goswin Widder in seiner Pfalzbeschreibung von 1787, Band III, S. 312, dass im OBER-Ingelheimer Rathaus ein Turniersattel gezeigt werde, den schon Kaiser Karl der Große benutzt habe.

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Gs, erstmals: 20.03.06; Stand: 10.07.17