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Das angebliche Ingelheimer Turnier von 1337

 

Autor: Hartmut Geißler

unter Verwendung von Krieg, Ritterliche Vergangenheitskonstruktionen, und

Krause/Pfaffenbichler (Hgg.), Turnier



Links ein "Gestech" aus: Kottenkamp/ Reibisch: Der Rittersaal, Stuttgart 1842 (wikipedia)

Im Jahre 1337 soll die "Ritterschaft am Rhein" ein großes Turnier - damals männlich "der Thurnier" - im Ingelheimer "Saal" organisiert haben, dem Gebiet der früheren Pfalz, und zwar ab dem Sonntag nach Allerheiligen, also ab dem 4. November. Die eigentlichen Wettkämpfe sollen am folgenden Mittwoch und Donnerstag stattgefunden haben. Dieses Turnier folgte also dem Muster der Vier-Lande-Turniere (s. u.)

Dies jedenfalls berichtet detailliert das bekannte Turnierbuch von Rüxner aus dem 16. Jahrhundert, das dieses Turnier als sein achtzehntes aufführt, und zwar im Umfeld von Turnieren in Städten wie Würzburg, Regensburg, Schweinfurt, Ravensburg, Bamberg, Esslingen und Schaffhausen.

Nach den darin aufgeführten Namen hätten insgesamt 205 Adlige aktiv teilgenommen, nämlich 9 Fürsten, 16 Grafen, 16 Herren, 34 Ritter und 130 Edle. Edelknechte und Ritter aus Ingelheim selbst werden von Rüxner als Teilnehmer nicht erwähnt, obwohl zwei Ingelheimer "Ritter" aus jener Zeit bekannt sind, Emercho und Billung.


Kann das Turnier in Ingelheim stattgefunden
haben?

Die Angaben von Rüxner (oder Rixner, wie er sich selbst auch schrieb) über die frühen Turniere sind schon von Zeitgenossen (z. B. dem Schweizer Tschudi) massiv angezweifelt worden. Der Wiener Waffenhistoriker Wendelin Boeheim nannte ihn einen "Faselhans" und sein "berüchtigtes Turnierbuch" als "eine Sammlung von unverschämten Lügen" (Krause/PFaffenbichler S. 23). In der Mainzer Stadtbücherei befindet sich ein schmales Büchlein, gedruckt 1766, mit einem "Discurs, ob Georg Rixners ..." 

Titelseite
Auseinandersetzungen mit Rüxners Angaben


Roth von Schreckenstein nennt 1871 Rüxners Turnierbeschreibungen in seiner Geschichte der ehemaligen freien Reichsritterschaft sehr eindringlich "Fabeln" und "Märchen", die dem zeitgenössischen Adel zuliebe erdichtet worden seien (Band 1, S. 133 ff.).

Allgemein geht man heute davon aus, dass die Sitte der Turniere erst im späten 11. Jahrhundert in Nordfrankreich entstanden ist, sich nach 1100 auch in Deutschland verbreitet hat und dass deshalb die frühen Turniere von Rüxner völlig frei erfunden worden sind. Das erste nachweisliche Massenturnier in Deutschland hat 1127 in Würzburg stattgefunden (Goetz, S. 197).

Das lässt leider auch die Rückführung derer "von Ingelheim" in diese frühe Zeit obsolet werden, denn deren Existenz wird allein aus Rüxners Turnierangaben abgeleitet, so dass die Genealogie von Rudolf Echter ihre Stammreihe mit einem "Heinrich von Ingelheim" beginnt, der am 1. Ritterturnier, das Rüxner erwähnt, im Jahre 933 (!) in Magdeburg (am Sonntag nach dem Dreikönigstag, also im Januar) als "Pfalzgraf und Ritter" teilgenommen habe, ebenso im Jahre 948. Ein "Johann von Ingelheim" soll nach Rüxners Turnierbuch Turnierkönig (Turniersieger) auf Turnieren in Nürnberg (1197) und Worms (1206) gewesen sein.

 

Was spricht sachlich gegen dieses Turnier in Ingelheim?

"Im Laufe des 13. Jahrhunderts hat sich das Turnier zu einer gesellschaftlichen Veranstaltung entwickelt, zu einem höfischen Fest, das der Selbstdarstellung der ritterlich-höfischen Gesellschaft dient." (Rösener, S. 329).

Und Barber/Barker schreiben: "Im 14. Jahrhundert scheinen sich deutsche Turniere in zwei unterschiedliche Stränge geteilt zu haben: auf der einen Seite in Verbindung mit aristokratischen und imperialen Anlässen, dynastischen Hochzeiten, kaiserlichen Taufen, Reichstagen, auf der anderen Seite in Verbindung mit regulären, oft jährlichen, von den Städten organisierten Ereignissen. Der Unterschied mag realer gewesen sein, als es den Anschein hat, denn häufig furnierte der regionale Adel auf dem Marktplatz, während die Bürgermeister und Kaufleute zuschauten. Auf der aristokratischen Seite beging 1310 Kaiser Heinrich VII. in Speyer die Vermählung seines Sohnes Johann mit Elisabeth von Böhmen mit prächtigen Feiern, gefolgt von einem Turnier, bei dem die böhmischen Ritter die Bewunderung der Zuschauer damit erregten,dass sie mit längeren und dickeren Lanzen kämpften, als die rheinischen Ritter gewöhnt waren." (S. 77-78)

Beides kann auf den Saal im Ingelheim des 14. Jahrhunderts nicht zutreffen.

Während Zeltstädte für Festgäste, wie sie bei den großen Reichsfesten in der Blütezeit der Ingelheimer Pfalz vom 9. bis zum 11. Jahrhundert üblich waren und auch noch 1184 beim berühmten Pfingstfest Barbarossas mit 20.000 Rittern auf der Mainz Maarau, kann man sich das im 14. Jahrhundert nicht mehr vorstellen.

Während aber am Ende des 12. Jahrhunderts ein Turnier in Ingelheim noch möglich gewesen ist, entsprachen im 14. Jahrhundert die Beherbergungsmöglichkeiten im Ingelheimer Königsgut nicht mehr dem gewachsenen Komfortbedürfnis, das dazu führte, dass seit dem Ende des 13. Jahrhunderts Turniere in Städten stattfanden.

Im allmählich verfallenden und vielfach umgebauten und umgewidmeten Ingelheimer "Saal", der ehemaligen Pfalz, fehlte jedoch 1337 jegliche standesgemäße Kulisse für ein Hauptturnier mit Umzügen, Banketten, Trinkgelagen, Musik- und Tanzdarbietungen, es fehlten die städtischen Zuschauer, repräsentative Häuser für die mitreisenden Frauen, der Ballsaal für den Festtanz, es fehlte an ausreichenden Sicherheitskräften - dies alles konnte die Reichsburg bzw. konnten die Ingelheimer Dörfer nicht bieten. Die vielen Hunderte, ja Tausende von Gästen - mit ihren Frauen, Knappen und dem sonstigen Gefolge - sowie die anderweitigen Zuschauer hätten irgendwo in (Nieder-) Ingelheim untergebracht worden sein müssen; aber die Zeit der großen Osterfeste unter den Ottonen in Ingelheim war längst vergangen.

Rüxners Einleitung nennt als Treffpunkt für die Teilnehmer eine "Herberg". Weder im Saal selbst, wo die Regierungsbauten Karls des Großen schon seit dem 11. Jahrhundert zu anderen Zwecken der dort wohnenden Burgmannen umgebaut waren, noch im Dorf Nieder-Ingelheim gab es solche Unterkunftsmöglichkeiten. Wenn man diese Ingelheimer Situation beispielsweise mit dem Turnieraufwand vergleicht, der zur selben Zeit vom böhmischen König Johann I. aus dem Hause Luxemburg (1310-1346), dem Vater Karls IV., auf den Plätzen von Prag, aber auch sonst in seinem Reich überall betrieben wurde (Macek, S. 376 ff.; Barber/Barker S. 78-80), dann wird die Annahme eines hochkarätig besetzten Turniers aus allen vier Ritter-Landen Südwestdeutschlands in Ingelheim absolut unwahrscheinlich.

Die Organisationsform - die der "Vier-Lande-Turniere" - spricht gleichfalls dagegen, denn solche Turniere, die von der Ritterschaft der "Vier Lande" organisiert wurden, aus Franken, Schwaben, am Rheinstrom und Bayern, fanden erst von 1479 an (Würzburg) statt, also eineinhalb Jahrhunderte später. Es passt zu dieser Annahme, dass die meisten als Fürsten und Grafen genannten Teilnehmer im Jahr 1337 schlichtweg nicht nachweisbar sind.

Rüxner muss also auch dieses Turnier erfunden haben.

Sebastian Münster hat in den ersten Auflagen seiner Cosmographie das angebliche Ingelheimer Turnier in der Beschreibung Ingelheims zwar übernommen, in der Aufzählung der Namen (der Fürsten und Grafen) und den Teilnehmerzahlen Rüxner genau folgend. In späteren Auflagen wurden diese Angaben nicht mehr bei der Beschreibung Ingelheims, sondern an anderer Stelle, nämlich in einer Zusammenstellung aller von Rüxner dargestellten Turniere, wiederholt.

Classen übergeht das fragliche Turnier in seiner Darstellung des mittelalterlichen Ingelheim mit lautem Stillschweigen.

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Gs, erstmals 27.06.06; Stand: 14.11.20