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Karl der Große in Ingelheim


Autor: Hartmut Geißler

 

Wann war Karl der Große in Ingelheim?


1. Im Jahre 774 auf dem Rückweg aus Italien von der Eroberung des Langobardenreiches und einem Besuch in Rom und Ravenna, über das Kloster Lorsch und Worms, nur kurz, zusammen mit seiner dritten Gemahlin Hildegard.
Von hier aus setzte er vier „Scharen“ = Heeresabteilungen gegen die Sachsen in Marsch
. Der latinisierte germanische Begriff scara für Schar, Abteilung wird von den Annales r. Fr. bis 785 häufig verwendet, danach nicht mehr. Damals, unter den Eindrücken des längeren Aufenthaltes in Italien, könnte der Entschluss zum Bau einer repräsentativen Palastanlage in Ingelheim gefallen sein, die ihn mit den vielen Bauzitaten aus Italien auch als "König der Langobarden" ausweist. Ingelheim wird in den Annales r. Fr. hierbei noch "locus" (Ort) genannt.

2. Dreizehn Jahre später feierte er Weihnachten 787 und Ostern 788 in Ingelheim in der (damals größeren) Remigiuskirche, obwohl Papst Hadrian ihn zur Feier des Osterfestes nach Rom eingeladen hatte - Karl zog Ingelheim vor, ohne dass wir die Gründe dafür kennen. Beide Feste wurden am selben Ort gefeiert, wie es Brauch war (Brühl S. 40). In den Berichten darüber wird der Ort zweimal "villa" genannt. Unbekannt ist, in welchen Gebäuden Karl mit seiner Familie und seinen Begleitern wohnte und ob er sich in dieser Zeit ununterbrochen hier aufhielt, denn über seine Aktivitäten hier wird nichts weiter überliefert. Eine Urkunde Karls ist aus dieser Zeit bekannt, für das Kloster Farfa in Italien, die am 28. März 788 in Ingelheim ("actum Inghilinhaim villa nostra") ausgefertigt worden sein soll (früheste erhaltene Abschrift allerdings erst aus dem 11. Jh.). Daraus könnte man schließen, dass es das neue Palatium als Ort für Regierungshandlungen noch nicht gab.

Im folgenden Juni allerdings (Zeitpunkt vermutet) fand hier ein dramatisches Ereignis statt, als Herzog Tassilo III. von Bayern, ein Vetter Karls, in einer Art politischen Schauprozesses wegen angeblicher mehrfacher Untreue als Herzog abgesetzt und zu lebenslangem Klosteraufenthalt verurteilt wurde.

Vielfach wird angenommen, dass die Ingelheimer Palastbauten für dieses spektakuläre Ereignis schon (teilweise) fertiggestellt waren, beispielsweise die Aula regia als Ort für eine große Gerichtssitzung. Man würde sich hier einen Vermerk der Annales r.  F. wünschen, wie er zur Überwinterung seines Sohnes Ludwig in Frankfurt 822/23 in Frankfurt eingefügt ist. Ludwig hatte nämlich angeordnet, dass zum Überwintern geeignete Neubauten zu errichten seien. Ein solcher Vermerk für Ingelheim fehlt aber. Vorstellbar ist deshalb auch, dass diese Ereignisse noch in den alten Gebäuden des Königshofes bei der Remigiuskirche stattfanden und dass erst danach der Entschluss zum Bau von neuen und repräsentativeren Palastbauten gefasst wurde.

Weihnachten 788 und Ostern 789 feierte Karl in Aachen. Danach wechseln seine Winterquartiere mehrfach: 789/790 in Worms, 791/792 in Regensburg, 793 in Würzburg. Anschließend wurde Aachen zu seiner regelmäßigen Winterpfalz. Die Ursachen seiner Abwendung von Ingelheim sind unbekannt. Musste er seine Finanzmittel, auch nach dem Gewinn des Awarenschatzes 795, auf Aachen konzentrieren? Denn dort wurde noch lange gebaut, und manche Abtei oder manches Bistum klagte über die drückenden Lasten, die für Aachen geleistet werden mussten (Patzold, S. 59). Oder lag es am Tod seiner Gattin Fastrada am 10. August 794 (Stefan Weinfurter), deren Heimat das Rhein-Main-Gebiet war?

Eine Gesandtschaft aus Konstantinopel, die wohl die Lage nach Karls Kaiserkrönung klären sollte, wurde zu Beginn des Jahres 802 nicht etwa in Ingelheim empfangen, wie es später Ludwig der Fromme wiederholt machte, sondern wahrscheinlich in Aachen. Eine zweite byzantinische Gesandtschaft empfing Karl im Sommer 803 in der Jagd-Pfalz Salz an der fränkischen Saale.  Die Friedensvertragsverhandlungen wegen Venezien fanden 810-812 in Aachen statt, ebenso wie ihr Abschluss unter Ludwig dem Frommen.

3. Ein drittes Mal (791) wird ein Aufenthalt von ihm in Ingelheim aufgrund einer kurzen Bemerkung in der Lebensbeschreibung seines Sohnes Ludwig angenommen (Astronomus, Vita Hludovici cap. 6), bleibt aber in anderen Chroniken unerwähnt ("patri Hludovicus Engelheim occurrit, inde Hrenesburg cum eo abiit" - Ludwig traf sich mit dem Vater in/nach/bei Ingelheim (?), von dort/danach ging er mit ihm nach Regensburg).

In den Annales Regni Francorum wird für diese Zeit nur festgehalten, dass Karl von Worms nach Regensburg zog, zu einem Feldzug gegen die Awaren, wohin ihn sein Sohn begleitete. Wenn man berücksichtigt, dass der junge Ludwig (13 Jahre) schon zehn Jahre lang als Unterkönig in Aquitanien eingesetzt war, dann könnte er (bzw. seine Berater und Vormünder) von dort Heerscharen für den Awarenfeldzug an den Rhein geführt haben, die aber vielleicht aus logistischen Gründen nicht auch noch nach Worms kommen sollten, sondern nach Ingelheim, das sich dazu sehr gut eignete. Diese Heeresgruppe könnte auf einer eigenen Route den Main aufwärts in Richtung Regensburg gezogen sein, um sich dort mit dem Hauptkontingent zu vereinigen. Auch bei anderen Feldzügen ließ Karl die verschiedenen Heeresgruppen auf unterschiedlichen Wegen zum Ziel ziehen.

So gesehen, hätte das Zusammentreffen von Vater und Sohn in Ingelheim keinen privaten Charakter gehabt, sondern Karl wollte sich möglicherweise selbst von der Qualität dieser Truppen überzeugen und das Vorgehen eines getrennten Marsches besprechen. Dass dieses nebensächliche Ereignis in anderen Chroniken keinen Niederschlag fand, wäre dann nicht besonders verwunderlich. So gesehen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Karl der Große 791 tatsächlich einmal kurz zu einer Heerschau in Ingelheim war.

Im Jahre 795 begann Karl einen weiteren Feldzug gegen die Sachsen nach einer Versammlung ("placitum") in Kostheim gegenüber von Mainz - warum nicht von Ingelheim aus? (Annales regni Francorum zu 795). In Kostheim ist er auch schon 790 mit zwei Urkundenausstellungen nachweisbar.

4. Auch 807 soll Kaiser Karl ("Karolus imperator") wieder einmal in Ingelheim gewesen sein, nach einem fragwürdigen Vermerk der Chronik von Moissac/Südfrankreich, die aber nur in einer einzigen Handschrift aus dem 11. Jh. erhalten ist. Die anderen Chroniken berichten zwar ausführlich über Karls damalige Regierungstätigkeit in Aachen, jedoch nichts über einen (gewiss strapaziösen) Ritt nach Ingelheim.
"Kaiser Karl"
soll nach dieser kurzen Notiz nach Ingelheim "gezogen" sein und hier "seine" Versammlung von Bischöfen, Grafen und anderen Getreuen "ad Ingelaeim palatio" abgehalten haben; wieso "seine" Versammlung? Es heißt dann, dass er den Vasallen aufgetragen habe, Gerechtigkeit in dessen/seinem ("eius") Reich zu üben. Danach habe er ihnen die Erlaubnis gegeben, in ihre Besitzungen zurück zu ziehen und dort ruhig zu bleiben, und ihnen aufgetragen, dass sie Gott danken sollten für den Frieden und ihre Eintracht. Es folgt noch der Satz: "Und dieses Jahr blieb ohne Krieg." Ich verstehe den Sinnzusammenhang so, dass die routinemäßig zum jährlichen Feldzug hier versammelten Vasallen dieses Jahr ausnahmsweise keinen Kriegszug gegen die Slawen unternehmen mussten/durften und deshalb nach Hause geschickt wurden.

Die Jahreseinträge davor und danach beginnen alle mit "Karolus imperator", es wird darin aber immer wieder auch sein vielfach mit Feldzügen beauftragter Sohn Karl als "Karolus rex" erwähnt. Eine Verwechslung des Vaters mit dem gleichnamigen Sohn für das Jahr 807 in dieser Chronik-Abschrift erscheint deshalb möglich, weil auch das "zog" und das "seine" - auf den Sohn Karl bezogen - erst einen Sinn bekämen. Dazu passt auch, dass der Poeta Saxo ausdrücklich betont, dass Karl nach 806 keine eigenen Kriegszüge mehr unternommen habe. Karl der jüngere war nach Weinfurter (S. 171 ff.) möglicherweise homophil, was erklären könnte, dass die Annales regni Francorum so spärlich über ihn berichten. Die Annales Mettenses posteriores verwenden zur Bezeichnung der handelnden Personen dieser Jahre für Karl den Großen normalerweise Rex, aber abweichend davon für ihr letztes Jahr 805 den Titel Imperator, weil in diesem Jahr eine Unterscheidung von seinem gleichnamigen Sohn Karolus Rex nötig war. Das Problem der Verwechslung war also bekannt.

Eine Urkunde im Namen Karls vom 7. August 807 über einen Besitztausch des Würzburger Bischofs, die im Original erhalten ist (Kopie im Museum bei der Kaiserpfalz), wird mit dieser Versammlung in Verbindung gebracht. Als Ort der Verhandlung dieser Angelegenheit  wird unter actum das "palatium" von "Inghilinhaim" angegeben. Diese Zeile ist (nachträglich?) mit blasserer Tinte geschrieben. Stützt diese Urkunde die Glaubwürdigkeit eines Aufenthaltes Kaiser Karls in Ingelheim in diesem Jahr? Als Schreiber wird einmalig ein Aldricus in Vertretung von Ercambald, dem bekannten Leiter des karolingischen Scriptoriums, genannt. Zur Praxis der karolingischen Urkundenausstellung mit und ohne Anwesenheit des Königs siehe McKitterick S. 173 ff. und Zotz in Staab, S. 81-91. Ein eindeutiger Beweis für eine Anwesenheit des Vaters, des Kaisers Karl, ist diese Urkunde jedenfalls nicht. "Data" und "actum" können hier auseinander fallen (siehe Itinerar).


Gs, erstmals: 10.10.2015; Stand: 01.04.2018