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Römische Straßen und ein Vicus in Ingelheim


Autor: Hartmut Geißler

 

Eine römische "Straße" (Via strata) war tief ausgehoben, geschottert, an wichtigen Stellen auch gepflastert, mit Straßengräben auf beiden Seiten. Sie verlief möglichst gerade, um nicht nur für den Handel, sondern auch für das Militär eine kurze Verbindung zu bilden. Hier als Beispiel die wohl berühmteste noch erhaltene und benutzte Römerstraße, die Via Appia Antica südlich von Rom.

Via Appia südl. von Rom - Foto: wikipedia

 

In Ingelheim wurden drei römische Straßen vermutet bzw. nachgewiesen:

1. Von rechts nach links verläuft die kürzeste der römischen Straßen von Mainz nach Bingen, deren Verlauf in der napoleonischen Zeit erneuert wurde. Dabei sollen Pflasterreste bei Wackernheim gefunden worden sein, die damals der Bautätigkeit Karls der Großen zugeschrieben wurden, die aber wahrscheinlicher schon aus römischer Zeiten stammen. Sie heißt heute in Ingelheim "Mainzer Straße" bzw. "Binger Straße" (Namenswechsel bei der Einmündung der Grundstraße). Länglich umkringelt ist die Lage des Vicus, des Gewerbegebietes, eingezeichnet: im Osten (rechts) etwa auf der Höhe des Kaiserpfalz-Gebietes (nördlich davon) und im Westen etwa bis zur heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße; links von ihr liegt heute das neue Rathaus am neuen Markt (schwarz eingezeichnet).

2. Eine zweite nachgewiesene Straße (nördlich des Bildrandes) führte von Mainz über Budenheim und Heidesheim - etwa parallel zur heutigen Autobahn - nach Bingen mit Fortsetzungen ins Nahetal nach Kreuznach und über den Hunsrück nach Trier bzw. parallel zum Rheintal nach Koblenz und Köln. Sie bestand aus einer festen Geröllschicht von 4 bis 5 Meter Breite und ist in den Gemarkungen Budenheim und Heidesheim sowie an der Ingelheimer Neumühle angeschnitten worden. Die komplizierten Fragen des Verlaufs der verschiedenen römischen Straßen von Mainz nach Bingen diskutiert ausführlich Dotzauer

3. Von Süden entlang der Grundstraße und dann westlich abknickend, am Nieder-Ingelheimer Friedhof entlang, wird eine dritte Straße vermutet (gestrichelte Linie), die die Binger Straße kreuzend mit Pfeil in Richtung Rhein (im Norden) fortgesetzt wird.

Im Kreuzungsbereich beider (vermuteter) Straßen sind einige Rechtecke eingezeichnet, die Siedlungsreste bezeichnen, die dem ehemaligen Vicus zugeschrieben werden. Auf der Spitze stehende Dreiecke markieren Grabfunde aus römischer Zeit, die in der Regel entlang von Straßen errichtet wurden. Ein ganzes Gräberfeld (gepunktetes Oval) wird entlang der vermuteten Nord-Süd-Straße vermutet. Streufunde (drei Kringelchen auf der Spitze stehend) sind nördlich der Mainzer Straße eingezeichnet, und zwar links und rechts der Belzerstraße, sowie weiter östlich mitten im Saalgebiet (Kaiserpfalz).

 

Im Museum wird ein Stein mit Fahrrinne ausgestellt (Foto rechts), wahrscheinlich ein Stück der Pflasterung einer römischen Straße, denn diese hatten durch gleiche Achsbreite der Wagen stets ausgefahrene Rinnen. Er wurde 1962 bei Ausschachtungsarbeiten an der Binger Straße Nr. 118 in der Nähe der Selz gefunden. Links ein Foto vom Ausgrabungsbefund aus dem damaligen Zeitungsbericht, das in der rechten unteren Ecke diesen Stein zeigt:

Ein Vicus war kein Bauerndorf, sondern ein Gewerbemischgebiet von Handwerkern, Händlern und Dienstleistern, in Gebäuden, die giebelseitig zur Straße hin standen. Er könnte in Ingelheim so ähnlich ausgesehen haben wie z. B. der Vicus in Mengen- Ennetach an der Donau in Bayern, der im dortigen Museum so skizziert wird:


Alles in allem muss man sich bisher bei der Lokalisierung und dem Ausmaß eines römischen Vicus in Ingelheim auf vereinzelte Funde und Vermutungen stützen. Man würde sich zu einer genaueren Darstellung z. B. den Fund von Großteilen der Fundamente wünschen. Da die in Frage kommenden Flächen aber mit neuzeitlichen Gebäuden überbaut sind, besteht durchaus die Möglichkeit, dass man später einmal mehr findet und die heutigen Vermutungen präzisieren kann.

Die bisherigen Funde im Ingelheimer Ausstellungskatalog ab S. 58:

- Mauern (zweimal) (Binger Straße 15 und 17 sowie östl. des Friedhofs)

- Baureste (neben dem Weingut Saalwächter)

- zwei Brunnen (Erlanger Park und Binger Straße 17)

- Kulturschichten, Mauer, Estrich (Binger Straße 29)

- Streufunde (achtmal)


Wer anschauliche Beispiele für einen römischen Vicus sucht, der sei hier auf zwei archäologische Parks verwiesen:

a) den deutsch-französischen Kulturpark Bliesbruck/Reinheim
Dort wurden aneinandergereiht gefunden: keltische Hügelgräber, aus römischer Zeit eine große Villenanlage und ein ausgedehnter Vicus mit Thermen

b) den Archäologiepark Belginum an der Hunsrückhöhenstraße, eine Siedlung an der alten Römerstraße Mainz - Trier, die auch durch Ingelheim führte.


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Gs, erstmals: 03.08.05; Stand: 06.02.17