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Die Ingelheimer Pfalz im Wandel der Zeiten


Autor: Hartmut Geißler


Das Palatium neben dem Königshof

 

Zur wichtigen Unterscheidung von Königshof mit Königsgut ("curtis" oder "villa" = "Pfalz" im weiteren Sinne) und Regierungsgebäuden (= "palatium" = Palast wie "domus regia" = königliches Haus = "Pfalz" im engeren Sinne) siehe hier.

Zur möglichen Nutzung der Palasträume bei Reichsversammlungen nach Hinkmar von Reims!

"Curtis", "Villa", "Palatium" - diese und ähnliche Bezeichnungen werden in den zeitgenössischen Quellen sehr uneinheitlich verwendet, je nach Perspektive und Zeit (Zotz, Palatium). Schon am Ende des 9. Jahrhunderts nämlich beginnt der Begriff "palatium" aus den Urkunden und Chroniken zu verschwinden, und seit dem Ende des 10. Jahrhunderts wird in Ingelheim nur noch der Ortsname angegeben. Aus diesen Bezeichnungen lassen sich deshalb kaum Belege dafür gewinnen, welche Gebäude Karl und seine Nachfolger jeweils benutzt haben. Denn auch in Ingelheim gab es schon lange einen merowingischen Königshof bei der beachtlichen Remigiuskirche, deren Vorgängerbau bis ins 7. Jahrhundert zurückreicht, mit einer "Piscina", einem Erwachsenen-Taufbecken.

Dieser Königshof dürfte mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch schon einen (einfachen) Versammlungssaal und auf jeden Fall eine Wohnanlage für den König und sein Gefolge gehabt haben. Es spricht nichts dagegen, dass diese Gebäude auch nach dem Bau des neuen Palastes weiter zur Verfügung standen und für Wohnzwecke benutzt wurden. Dort könnte sich auch die Verwaltung des Ingelheimer Königslandes befunden haben.

Dazu passt, dass die Remigiuskirche ganz offenbar für die ottonischen Synoden und Osterfestfeiern benutzt wurde, weil die Saalkirche frühestens erst in salischer Zeit entstanden zu sein scheint.

Das Wissen um diese zwei Schwerpunkte in Ingelheim ging spätestens mit dem Ende der Benutzung des Ingelheimer Königsgutes und des Palastes für Großveranstaltungen im Verlauf des 11. Jahrhunderts verloren, so dass man im Spätmittelalter unter der Ingelheimer "Pfalz" nur mehr die Reste des von Einhard hervorgehobenen ehemaligen Palatiums verstand, erst recht vom 16. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert (siehe Sebastian Münster!). Das Ingelheimer Pfalzverständnis reduzierte sich dadurch auf die ehemaligen Regierungsgebäude bzw. noch weiter nur auf ihre westlichen Gebäude (siehe unten).

Natürlich folgt die Bautätigkeit von Staatsoberhäuptern - damals wie heute - nicht nur den Geboten der Zweckmäßigkeit, sondern ihre Bauten sollen zugleich auch immer Macht und Anspruch der Herrscher repräsentieren. Man vergleiche damit die äußere Erscheinung des Bundeskanzleramtes in Berlin. Als einen solchen vor allem künstlerisch herausragenden Bau apostrophiert den Ingelheimer Palast-Neubau ein enger Mitarbeiter Karls und seines Sohnes Ludwig, Einhard.

Zur Seite über die Bedeutung dieser Erwähnung von Ingelheim durch Einhard.

Einhard unterscheidet dabei die Begriffe "villa" (den schon lange existierenden Königshof) und "palatium" (die neu gebauten Regierungsgebäude für Großveranstaltungen), indem er erwähnt, dass der "Palast" "neben" dem bisherigen Königshof errichtet wurde (in knapp 500 m Entfernung), wohl weil das nicht die Regel war. Den Ort des zweiten Palastneubaues bezeichnet er nur einfach mit dem Ortsnamen Noviomagi, so dass anzunehmen ist, dass die dortigen Neubauten innerhalb des bisherigen Königshofes errichtet wurden, möglicherweise anstelle älterer Vorgängerbauten. Nicht so in Ingelheim, jedenfalls lassen die bisherigen Befunde "einer größeren Siedlung" (Ingelheim am Rhein, S. 309) aus merowingischer Zeit an der Stelle des Palatiums noch keine sicheren Schlüsse zu.

Karl hat den Bau der Ingelheimer Pfalzanlage nur "begonnen" ("inchoavit"), aber selbst nicht mehr fertiggestellt. Einhards unmissverständliche Wortwahl legt das in der Tat nahe. Indirekt mag damit ein Lob für Ludwig beabsichtigt gewesen sein, der die Bauten vollendet haben muss, weil er sie oft benutzte. Insofern ist die Ingelheimer Pfalz eher eine Pfalz Ludwigs des Frommen gewesen als die Karls des Großen. Mit letzterem schmückt sich Ingelheim natürlich lieber.

Oft wird allerdings vermutet, dass der Palast für den langen Aufenthalt Karls 787/788 mit dem Tassilo-Prozess schon teilweise benutzbar gewesen sei. Wir wissen es nicht, obwohl wir uns den Tassiloprozess nur allzu gern in der neuen Aula regia vorstellen möchten. Die Wissenschaft hat darüber verschiedene Meinungen (vgl. die Diskussion bei Rauch, BIG 11). Der monatelange Aufenthalt Karls hier und der anscheinend groß aufgezogene Prozess sprechen vielleicht dafür, obwohl wir andererseits bisher keinerlei Vorstellungen von den älteren Gebäuden des schon existierenden Königshofes haben. 

Für Einhard war Karl wie die römischen Caesaren ein Mehrer des Reiches in Krieg und Frieden und gleichzeitig ein herausragender Bauherr. Er kümmerte sich sogar um die Renovierung von Kirchen anderer Herren und versuchte, durch Schiffe und Wachposten der Normannengefahr in den Flussmündungen der Nordsee Herr zu werden.

Im Kontext tritt die Bedeutung klarer hervor, die Einhard dem Baubeginn der Ingelheimer Pfalz geben wollte: Nach der Basilika in Aachen und der Mainzer Rheinbrücke steht sie bei ihm an dritter Stelle der Bautätigkeit Karls, zusammen mit der gleichfalls begonnenen Pfalz in Nijmegen.

Holger Grewe ordnet sie am Ende der Einleitung zum Ausstellungsbericht „Karl als Bauherr“ folgendermaßen ein:

"Ihre Größe und bauliche Geschlossenheit sowie die Architektur ihrer einzelnen Bauelemente lassen die Absicht erkennen, in einer auf Repräsentation hin angelegten Pfalz unmissverständlich Bezüge zum antiken Kaiserpalast herzustellen." (S. 95 f.)

Insoweit ist die sprachliche Aufwertung der Königspfalz zu einer "Kaiserpfalz", die zwar sachlich falsch ist (alle Pfalzen waren Königsbesitz und hatten mit dem Kaisertitel nichts zu tun), die sich aber wie andernorts in den letzten Jahrzehnten im Sprachgebrauch durchgesetzt hat, vielleicht zu vertreten.

Thron Karls des Großen in Aachen; Foto: Gs

Benutzung und Nachruhm

 

In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens ließ Karl die Pfalz in Aachen zu einer Dauerresidenz ausbauen – darüber berichtet Einhard, abgesehen vom Bau der berühmten Kirche, seltsamerweise nichts.

Für die folgenden Jahrhunderte stellte Hans Schmitz die Bedeutung der Ingelheimer Pfalz in den Zusammenhang aller bekannten Pfalzen des größeren Rhein-Main-Gebietes (BIG 26 von 1976), sowohl was die Aufenthaltshäufigkeit der Herrscher angeht, aus ihren Itineraren erschlossen, als auch was den Rang der dabei durchgeführten Veranstaltungen betrifft.

Die Pfalz in Ingelheim spielt dabei eine durchaus wechselnde Rolle, was Schmitz auf verschiedene Faktoren zurückführt. Sie alle können hier nicht aufgeführt werden, so dass auf die Lektüre dieses sehr materialreichen Ergebnisses der Pfalzenforschung verwiesen werden muss.

Jedenfalls kam der Ingelheimer Pfalz (im weiteren Sinne) für insgesamt ca. 250 Jahre eine herausragende Rolle zu, von etwa 787 bis zum letzten großen Fest des Jahres 1043 in Ingelheim, dem Hochzeitsfest Heinrichs III. Sie erwarb in dieser Zeit einen legendären Ruf. Ihre vom stark befahrenen Rhein gut sichtbare, gewiss weiß verputzte Schauseite des langen Nordflügels muss damals ohne Bäume am Ufer (Treideln!) und ohne Häuser dazwischen gut sichtbar gewesen sein, so dass man wohl oft im Vorbeifahren sagte: "Guck mal, da oben liegt die Pfalz Karls des Großen!"

In ihren zwei Blütezeiten diente das Palatium als Stätte für ...

- Reichsversammlungen, Hoftage
- Gerichtstage
- Gesandtschaftsempfänge

Synoden und Osterfestmessen hingegen fanden unten in der Remigiuskirche beim alten Königshof statt.

Im 10. Jahrhunderts hatten manche Adlige sogar eigene Anwesen und Versorgungsrechte im Ingelheimer Königsland, um bei den häufigen Treffen mit den Königen nicht nur in Zelten untergebracht zu sein. Dies illustriert eine Urkunde Ottos III. von 994, in der dem Markgrafen Hugo von Tuscien (aus der Toskana!) ein Bauplatz von 62 Fuß Länge "infra/intra curtem et palatium nostrum Inglinheim" (= unterhalb/innerhalb des Königshofes bzw. unseres Palastes in Ingelheim) übertragen wurde Der Bischof von Straßburg wird in derselben Urkunde als Nachbar dieses Grundstückes erwähnt. Außerdem wurden Hugo die Einkünfte aus einem "mansus" eines Bernhard übertragen, also ein Domänengut.

Andere Bistümer und Abteien hatten ohnehin Grundbesitz in der Umgebung, wo sie unterkommen konnten. Andreas Saalwächter erwähnt für Ingelheim

- einen Hof des Bischofs von Worms mit Weingarten und Backhaus in Ober-Ingelheim
- den dortigen Hof des Klosters Hersfeld
- die Besitzungen des Würzburger Bischofs in Nieder-Ingelheim
- diejenigen des Abtes von Fulda in Wackernheim
- und den großen Gutshof "Pfaffenhofen" des Klosters St. Maximin in Trier bei Schwabenheim

Von Aachen kennt man solche Wohnungen bei der Pfalz schon aus der Zeit Karls des Großen, als z. B. Einhard dort ein eigenes Haus besaß. Einen "Mansionarius" (Quartiermeister), der für die Quartierverteilung der vielen Gäste zuständig war, kennt man zwar für Aachen, für Ingelheim aber nicht, obwohl es eine solche Funktion spätestens seit der Zeit Ludwigs des Frommen aufgrund der häufigen Benutzung von vielen Gästen gegeben haben muss; sei denn, dass diese Aufgabe von einem Mansionarius erledigt wurde, der mit dem König mitzog und generell für die Vorausplanung aller Unterkünfte zuständig war (Brühl, S. 80 f.)

 

Verfall und Umwidmung des Palastes:
Burganlage (Ingelheimer "Saal") und Pilgerstation

 

Schon in der Salierzeit, spätestens unter Heinrich IV., begann ein Bedeutungsverlust der ländlichen Ingelheimer Pfalz, die wie andere ländliche Pfalzen immer seltener für Großveranstaltungen benutzt wurde. Die in der späten Stauferzeit üblich gewordenen "Willebriefe" der wichtigsten Reichsfürsten zu königlichem Handeln zeigen an, dass diese persönlich wohl immer seltener an den könglichen Hof kamen, sodass man keine Räumlichkeiten mehr für größere Adelsversammlungen brauchte.

Wohl deswegen wurde der durch Nichtbenutzung verfallene Ingelheimer Palast spätestens seit der Stauferzeit zu einer Burganlage umgebaut, die - immer weiter ausgebaut - zweimal (1460 und 1504) Angriffe erfolgreich abwehren konnte, bis sie im 17. Jahrhundert veraltet war und ihre Reste wohl im Pfälzer Erfolgekrieg von den Franzosen unbrauchbar gemacht wurden.

Vom 14. bis zum 16. Jahrhundert (Aufhebung durch die Reformation) gab es ein Augustiner-Chorherren-Stift in diesem "Saal" (= Königshof), dessen vier tschechischen Mönche die slawischsprechenden Pilger aus dem Osten (auf dem Weg zur Verehrung des Hl. Karl in Aachen) betreuten und versorgten und ihnen u. a. den Raum zeigten, wo das Geburtsbett Karls des Großen gestanden habe.

Über den Zustand des  Ingelheimer Saales im Jahre 1619 berichtete Laurentius Engelhart in Heidelberg:

"In dem Flecken Nieder Ingelheim dem Ambt Oppenheim angehörig, Zwischen Mentz unnd Bingen an der Landtstraßen an einer großen höhe, von welcher der gantze bezirckh zu übersehen, liegend, welches vor zeiten ein treflich, berühmbt unnd herrlich orth gewesen, stehet der Kayserliche Saal am ende des fleckhens gegen Maintz, von Kaysern Carolo Magno erbauwet, darvon jetzundt nur allein noch eine ringmauwer in welcher die fauthej (Fauthei = Sitz des Kurpfälzishen Fauths, des Vogtes) unnd wenig bauwern wohnungen übrig. Dieser Kaysers Saal hat ein hohe zimblich feste mauwer mit vielen wunderbahrlichen eckhen unndt rundelern (Rondellen = runde Wehrtürme), auch etliche starckhe thürn (= Türme), mit einem ofnen unbedeckten gang, so theils unthen abgangen, auch uf der einen seiten ein Zwinger Mauer mit etlichen rundelern, auß welchen zu sehen, dass die Zwingermauer vor der zeit umb das gantze werkh gegangen, so nun mehr verfallen. Außen darumb gehet ein tiefer graben uf 50 schuch (50x31 cm = 15,50 m) weit, unndt gegen den fleckhen 30 schuch (9,30 m) tief ohne wasser." (Planthae, S. 18b)

Also: Zur Zeit seiner Inspektion (1619) gab es nur noch eine Ringmauer mit wenigen Gebäuden (Fauthei und einige Bauernhäuser, die Kirche erwähnt er nicht), einige Türme sowie Reste einer Zwingermauer. Der Burggraben war wasserlos.

Aus Schöpflins Illustration zu Dissertatio; Repro: Gs

 

 

Als Beispiel für den Verfall seit dem 17. Jahrhundert mag die Illustration des Straßburger Gelehrten Schoepflin 1766 in seiner Abhandlung über die alte Kaiserpfalz dienen (Bild anklicken oder hier).

 

Die Ingelheimer "Kaiserpfalz" als Touristenmagnet


Heute hat sich das Gelände des ehemalige Palastes, der "Saal", zu einer immer bedeutenderen Touristenattraktion entwickelt, in der es sich zudem sehr gut wohnen lässt. 1992 erließ die Stadt Ingelheim eine Rechtsverordnung, die das Saalgebiet als Denkmalzone ausweist, mit den Zielen...

"die Erhaltung und Pflege der aufs engste und untrennbar miteinander verbundenen Reste der karolingischen bzw. ottonischen Pfalzanlage einschließlich ihrer in Boden und Häusern erhaltenen Reste."

Darauf fußend verabschiedete der Stadtrat 1998 das "Konzept zur Untersuchung, Erhaltung und touristischen Erschließung der Kasierpfalz", auf dem die gesamte Darbietung der Pfalzanlage bis heute beruht.

Logo des Kaiserpfalz-Weges

Näheres bei: http://www.kaiserpfalz-ingelheim.de/

Im November 2011 zeichnete die Stiftung "Lebendige Stadt" Ingelheim gemeinsam mit Hiddenhausen durch ein Preisgeld von 10.000 € aus für eine "unverwechselbare Stadt", und zwar für seine "beispiellose Balance zwischen Denkmalpflege und Stadtsanierung" des Saalgebietes.

Kaiserpfalz Historischer Rundweg mit Stationen, mit freundlicher Genehmigung der Forschungsstelle


Der Rundweg ist bisher eingeteilt in vier Epochen:

a) die karolingische mit dem Schwerpunkt Aula regia,
b) die ottonische mit dem Schwerpunkt Saalkirche - diese Konzeption muss wahrscheinlich nach der Neudatierung des Kirchenbaues geändert werden
c) und die staufische mit dem Schwerpunkt Wehrmauern am "Heidesheimer Tor"
d) die "Pfalz der Bürger", zutreffender der "Saal" der Bürger, d.h. die bäuerliche Besiedlung seit dem Spätmittelalter, die im Ausstellungshaus am Heidesheimer Tor dokumentiert wird.


Bilder aus der Pfalz (von oben nach unten, alle von Gs):

a) Blick in die Aula regia über die Apsis hinweg zum querliegenden Präsentationsgebäude mit Computeranimation (Richtung Rheingau); auf dem Rasen werden bei Freilichtveranstaltungen Stühle aufgestellt

b) Blick in die Aula regia von Norden; im Süden die Apsis, rechts daneben Reste der Wehrmauer, die die westliche Außenmauer mitbenutzt und dadurch erhalten hat; Reste der östlichen Wehrmauer sind bis in größere Höhe durch das sie benutzende Haus erhalten geblieben

c) Blick außen an der Apsis hinab auf das karolingische Bodenniveau mit einem Brunnen und einem überdachten Kachelofen aus staufischer Zeit

d) Blick auf das Heidesheimer Tor von innen mit angedeuteten (roten) Säulenstümpfen

e) Blick auf die Eingangshalle des Heidesheimer Tores mit angedeuteten Pfeilerstümpfen und einer 2018 hineingelegten Nachahmung des dortigen Mosaikfußbodens

f) Blick in die karolingische Wasserleitung kurz vor der Brunnenstube oder dem Setzbecken, früher "Karlsbad" genannt; in die größere, trockengefallene Wasserleitung wurde in staufischer Zeit eine Tonröhrenwasserleitung gelegt

 

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Gs, erstmals: 01.08.05; Stand: 23.04.21