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Theophanu - die Kaiserin aus Byzanz in Ingelheim

 

Autoren: Dr. Nicole Nieraad-Schalke und Hartmut Geißler

Ottos Politik gegenüber Italien und Byzanz

Im Jahre 962 knüpfte Otto I. an die Kaiserkrönung Karls des Großen (800) an und ließ sich gleichfalls in Rom zum Kaiser krönen, am 2. Februar, durch den erst 24 Jahre alten Papst Johannes XII. im (alten) Petersdom. Elf Tage später stellte er ihm eine Prunkurkunde in goldener Schrift aus, das "Ottonianum", in der er ihm und allen folgenden Päpsten den darin aufgeführten Besitz des später sog. Kirchenstaates zusicherte. Von nun an traten auch Otto und seine Nachfolger als Schutzherren der Päpste auf. Andererseits nutzte Otto seine Macht auch dazu, den selben Papst am 4. Dezember 963 auf einer Synode abzusetzen.

Weil es in Süditalien (Apulien und Kalabrien), das zum byzantinischen Reich gehörte, immer wieder zu politischen und militärischen Auseinandersetzungen mit den Griechen kam, bemühte sich Otto, durch eine Hochzeit zwischen einer byzantinischen Prinzessin und seinem Sohn Otto (II., König 973-983) die Gleichrangigkeit beider Kaiserreiche und seine Ansprüche in Süditalien zu festigen. Aber erst im dritten Anlauf gelangte er 971 an sein Ziel: Durch diplomatische Verhandlungen wurde die Heirat seines noch jungen Sohnes mit einer ihm unbekannten Prinzessin aus dem Herrscherhaus in Konstantinopel vereinbart.

Eine unromantische Hochzeit

Sie hieß Theophanu, auf Griechisch Theophano, lebte von 960 bis 991 und war eine Nichte des armenischen Feldherren Johannes I. Tzimiskes, der 969 nach der Ermordung des byzantinischen Kaisers Nikephoras Phokas mithilfe von dessen Frau die Herrschaft an sich gerissen, die Prinzen und Prinzessinnen seiner Vorgänger aber anerkannt hatte.

Theophanu wuchs deshalb am byzantinischen Hof auf, in den prachtvollen Palästen bei der Hagia Sophia, der größten Kirche der Christenheit, in einer Welt des Luxus, aber auch voller Mord und Intrigen. Die Verheiratung von Prinzessinnen spielte eine wichtige Rolle in der Politik, daher erhielt die junge Theophanu wahrscheinlich schon Ansätze einer Ausbildung in Latein und in Diplomatie.

Ein großes Gefolge von griechischen Künstlern, Architekten und Kunsthandwerkern begleitete die erst 12-jährige Braut auf ihrer Schiffsreise von Konstantinopel nach Rom. Dort angekommen, erregte ihre Identität Verwunderung, denn die Regierung Ottos I. hatte eigentlich eine Tochter des oströmischen Kaisers erwartet, keine Nichte. Aber Otto I. willigte dennoch in die Hochzeit seines Sohnes ein, vielleicht fasziniert von Theophanus kostbarer Mitgift: Ladungen von Gold-, Silber- und Kristallgeschirr, Perlen- und Emailschmuck, Seidenstoffe, Elfenbein, edelsteingeschmückte Bücher, Parfüms, Schminktiegel, Schachspiele aus Halbedelsteinen, Reliquien und andere Luxusgüter.

Noch in Rom wurde das von Zeitgenossen als „schön“ beschriebene Mädchen am 14. April 972 mit dem auch erst 16-jährigen Otto II. vermählt und anschließend von Papst Johannes XIII. zur Kaiserin gekrönt. Eine künstlerisch herausragende Abschrift ihres Heiratsvertrages befindet sich im Niedersächsischen Staatsarchiv Wolfenbüttel, ein hochwertiges Faksimile im Museum bei der Kaiserpfalz Ingelheim. Im Anschluss an die Hochzeit ritt Theophanu zusammen mit der gesamten königlichen Familie sowie einem großen Gefolge auf holpriger Reise nach Norden, ins unbekannte Deutschland.

Otto II. und Theophanu, Elfenbeintafel unbekannter Herkunft und Verwendung

 

Die im byzantinischen Stil hergestellte Elfenbeinplatte (18,5 x 10,6 cm) gibt einige Rätsel auf, die in der Forschung schon verschiedentlich und kontrovers behandelt wurden. Sie ähnelt stark einer Platte, die den Kaiser Romanos II. und seine Gattin Eudokia darstellen soll (in der Pariser Nationalbibliothek). Siehe Warneke, Studienarbeit, auf der die folgenden Ausführungen basieren.

Wer darauf dargestellt ist, das wurde offenbar nachträglich (und wenig kunstvoll) durch Beschriftungen mit griechischen und lateinischen Buchstaben verdeutlicht.

Oben steht links und rechts des Kopfes der großen Figur, die hinter dem Kopf einen Nimbus hat: IC = Jesus und XC = Christos, wobei Kürzungen durch einen Strich darüber angezeigt werden.

Darunter links: OTTO, IMP = IMPERATOR (Kaiser) Pman = Romanorum, AC = Augustus sowie ein Kreuz, das möglicherweise darauf hinweist, dass zum Zeitpunkt der Anfertigung Otto schon gestorben war (983).
Und rechts: ΘΕΟ|ΦΑΝΩ = Theophano, IMP = Imperator oder Imperatrix (Kaiserin), AC (Augustus oder Augusta); sowohl die männliche als auch die weibliche Form sind in Urkunden nachweisbar.

Es sollen also Kaiser Otto II. und und seine kaiserliche Gattin Theophanu abgebildet sein, auf deren (himmlische? so Warneke) Kronen Jesus seine Hände gelegt hat. Diese segnende (?) Geste dürfte nicht den punktuellen Akt der Krönung in Rom meinen, sondern die Herrschaft der beiden, die von Jesus gewährt und gesegnet wird.

Alle drei Personen stehen auf Schemeln unter einem Baldachin mit gedrehten Säulen, die Christusfigur in der Mitte ist erheblich größer als das Kaiserpaar, das gleich groß (!) dargestellt wird. Vor Ottos Schemel kniet eine Männerfigur mit Bart, wohl der Auftraggeber der Tafel, der mit einer Hand ein Bein des Christus-Schemels umfasst, eine typische Darstellung der byzantinischen Proskynese.

Zwischen Jesus und Otto ist eine dritte, stark abgekürzte Beschriftung untergebracht; sie lautet nach Warneke (ergänzt): KYPIE BOHƟI | TΩ | ΣΩ | ΔOUΛΩ | IΩANNH |AX(?) | αμημ - Herr, hilf deinem Diener Johannes. Amen.

Gemeint sein soll damit Johannes Philagathos aus Rossano in Kalabrien als Stifter: Zunächst war er Notar der Kaiserin Theophanu. Von 980 bis 982 und dann von 991 bis 992 war er kaiserlicher Kanzler für Italien. Seit 982 war er Abt von Nonantola (Provinz Modena; Gs) und seit 988 zugleich Erzbischof von Piacenza (archiepiscopus - in griechischer Schrift abgekürzt ax; Gs). Johannes war zudem seit 982 Lehrer Ottos III. Für die Brautwerbung wurde er 994 nach Byzanz geschickt. Nach seiner Heimkehr wurde er zum Gegenpapst erhoben (997 - 998) (Warneke, S. 11).

Näher kann an dieser Stelle auf die kontroversen Interpretationen der Tafel nicht eingegangen werden. Wichtig ist hier nur die Tatsache, dass darauf Theophanu, die so oft in Ingelheim war, gleichrangig mit ihrem Manne dargestellt und ausdrücklich aus Kaiserin bezeichnet wird.

 

Theophanu in Ingelheim

Die erste gemeinsame Reise führte das junge Paar 972 auch nach Ingelheim, wo ihr Schwiegervater Otto I. eine Synode abhielt und das junge Thronfolgerpaar gewiss erste Repräsentationspflichten wahrnehmen musste. Ottos 16- oder 17-jähriger Sohn jedenfalls saß zusammen mit seinem Vater der Synode vor, wie aus der Formulierung "imperatorum" ("der Kaiser" im Genitiv Plural bei der Beschreibung einer Verhandlung in der Vita Oudalrichs des Gerhard von Augsburg) hervorgeht.

Die Ingelheimer Pfalz war unter den Ottonen eine der bevorzugten Osterpfalzen in Franken, in denen das öffentliche Auftreten des Königspaares im vollen Krönungsornat Macht und Reichtum demonstrierte. Pfalzgebäude wurden renoviert, und die Saalkirche wurde für die Festtagsmessen erbaut. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurden sechs Reichssynoden in Ingelheim abgehalten: 948, 958, 972, 980, 993 und 996.

Bereits 973 starb Otto I. Byzantinischen Gepflogenheiten folgend, erhob sein Sohn und Nachfolger Otto II. Theophanu von der consors imperii (Teilhaberin der Herrschaft) zur coimperatix (Mitkaiserin). Im Alter zwischen 17 und 20 Jahren brachte Theophanu drei Mädchen und dann den ersehnten Sohn Otto (III., 980-1002) zur Welt.

Aber schon 983 starb auch Otto II. und hinterließ diesen erst dreijährigen Thronfolger, dessen Regierung über das „Römische Reich“ Theophanu im Norden und seine Großmutter Adelheid von Burgund (931-999) im Süden übernahmen. Durch eine kluge Politik gelang es ihnen, dem kleinen Otto die Thronfolge zu sichern.

Mit ihrem Mann könnte Theophanu nach dem ersten Besuch 972 noch in den Jahren 976, 977 und 980 in Ingelheim gewesen sein, und nach dessen Tod fast jährlich mit ihrem jungen Sohn in den Jahren 984, 985, 987, 988 und 989, also insgesamt etwa acht Mal. Wahrscheinlich ließen sich deshalb sogar adelige Mitglieder aus Theophanus byzantinischem Gefolge in Ingelheim dauerhaft nieder, worauf die im Jahre 2012 wieder entdeckten Gräber im Glockenturm von St. Remigius hindeuten.

Theophanu regierte mit Diplomatie anstatt mit Kriegsgewalt und beriet sich oft mit dem Mainzer Erzbischof Willigis (940-1011), weshalb sie immer wieder Ingelheim aufsuchte. In einer Urkunde aus Ravenna vom 1. April 990 wurde in byzantinischer Tradition ihr Name in eine männliche Form verwandelt und sie als Kaiser (nicht als Kaiserin) bezeichnet: Theophanius gratia divina imperator augustus („Theophanius, durch göttliche Gnade erhabener Kaiser“). Diese Wortwahl blieb jedoch ein Einzelfall, denn in anderen Urkunden mit ihrem Namen werden dieser und ihre Titel in der weiblichen Form verwendet (Warneke, S. 14).

Wegen französischer Thronstreitigkeiten reiste Theophanu 991 mit ihrem elfjährigen Sohn nach Nimwegen und starb dort am 15. Juni mit 31 Jahren an unbekannter Ursache. Ihre Beisetzung fand nach eigenem Wunsch nicht neben ihrem Mann im Petersdom in Rom statt, sondern in einer Benediktinerabtei in Köln - geweiht St. Pantaleon, einem ihrer byzantinischen Lieblingsheiligen.

Trotz ihrer kurzen Regierungszeit übten Theophanu und ihre Umgebung einen erheblichen kulturellen Einfluss im ostfränkischen Reich aus. Sie verstärkte im Westen die Bedeutung hellenistischer Kunst und antiker Bildung, griechischer Sprache und Gelehrsamkeit, aufwändig-prächtiger Mode und byzantinischer Sitten. Auch ihr Sohn Otto III. kleidete sich griechisch und umgab sich mit einem Hofstaat nach byzantinischem Vorbild.

 

Gs und N-S, erstmals: 13.09.2017; Stand; 16.09.2017