Dreimal Lehrer Nahm

 

Autor: Hartut Geißler
aus: Geißler, Volksschulgeschichte, BIG 56, S. 195-198


In Nieder-Ingelheim gab es wie in Ober-Ingelheim eine Art Lehrerdynastie, in der der Beruf jeweils vom Vater auf den Sohn weitergegeben wurde, hier in drei Generationen hintereinander "Lehrer Nahm.


Jakob Nahm

Der erste katholische Lehrer dieses Namens in Nieder-Ingelheim war Jakob Nahm, der von ca. 1760 bis 1820 lebte und von 1784 bis zu seinem Tod unterrichtete. Vor dem Antritt seiner Stelle in Nieder-Ingelheim war er Lehrer in Mutterstadt und Griesfeld.

Über ihn berichtete Pfarrer Baumgarten (für die Schulaufsicht zuständig)1816 sehr vorsichtig nach Mainz: Die intellektuelle und moralische Bildung des Lehrers ist hinreichend zum Lehramt, wie es von jeher bei uns bestand. Er bekleidet sein Amt seit 33 Jahren und ist zu Mannheim geprüft und als Lehrer angestellt worden nach der Norm, die in Kurpfälzischen Landen üblich war.

Er hatte zehn Kinder, darunter einen Sohn mit Namen Nikolaus (1796-1858), und zwar von seiner zweiten Frau Anna Maria Haeck aus Großwinternheim. Dieser lernte den Beruf von seinem Vater, also noch nicht im Seminar.


Nikolaus Nahm

Baumgarten über ihn:
Der einzige Schulkandidat ist der Sohn des Schullehrers, ein Mann von 20 Jahren und guten sittlichen Betragens, versteht Lesen, Schreiben, Rechnen und Orgelspielen, wie es zum bisher üblichen Lehramt erforderlich wurde, hat übrigens wohl Fähigkeiten, noch mehreres zu lernen, wenn nur der Vater bei vieljähriger Diensttätigkeit etwas mehr auf ihn verwenden könnte. Er ist voriges Jahr zu Mainz einmal geprüft worden.

Nach dem Tod seines Vaters übernahm Nikolaus am 16. Mai 1820 dessen Stelle und leitete später wiederum seinen Sohn Peter Anton (1822-1887) an, der ihm (mit weiteren sechs Kindern) 1822 von seiner Frau Margaretha Steiner aus Sörgenloch geboren wurde, wo Nikolaus vor der Stelle in Nieder-Ingelheim unterrichtet hatte.

Der Schulvorstand zeigte sich in seinem obligatorischen Bericht an die Provinzregierung vom 2. Februar 1824 sehr zufrieden mit der Tätigkeit von Nikolaus Nahm im Winterhalbjahr:

Indem wir Hohen Regierung über den Zustand hiesiger kath. Schule Bericht erstatten sollen, können wir vor allem nicht umhin, unserer gänzlichen Zufriedenheit [mit] den Leistungen des kath. Schullehrers zu bezeugen, indem derselbe sich nicht allein begnügt, die bestimmte Zeit an den bestimmten Tagen mit dem Unterricht zuzubringen, sondern aus besonderem Eifer, um seine Zöglinge weiter in den zu lehrenden Gegenständen zu bringen, sehr häufig bis in die Nacht hinein seinen Unterricht fortsetzt, nicht scheuend das Ungemach des so lange fortgesetzten Unterrichts nach dem hie und da geäußerten Unwillen der Eltern über das längere Verhalten (Verweilen?) in der Schule…


Einen Schulbericht zum Sommerhalbjahr 1827 konnte der Vorstand übrigens nicht abliefern:
Kein Bericht möglich, weil im Sommer selten mehr als 8 bis 10 Schüler die Schule besuchen; die Eltern der anderen schicken sie pflichtvergessen nicht zur Schule.

Diesem Elternverhalten in den ersten Jahrzehnten, ihre Kinder im Sommer nicht zur Schule zu schicken, begegnete die Regierung später mit großer Strenge (s. Schulversäumnisse).


Peter Anton Nahm

Für das Jahr 1843 informiert eine Statistik aus dem Schulbericht über die Art und Weise, wie der Sohn Peter Anton Nahm seine 97 Kinder in drei Abteilungen (von alt nach jung herunter gezählt) unterrichtete, und zwar…

• die erste Abteilung mit dem 9. u. 10. (Lebens-) Jahr (45 Kinder)
• die zweite Abteilung mit dem 7. u. 8. Jahr (34 Kinder) und
• die dritte Abteilung mit dem 6. u. 7. Jahr (18 Kinder)

Er unterrichtete die Kinder in den Fächern Religion, Sprache, Rechnen, Lesen, Formenanschauung (Geometrie) und Gesang.

Zeit 1. Abteilung 2. Abteilung 3. Abteilung
Sommerhalbjahr 18 Wochenstunden 18 Wochenstunden 6 Wochenstunden
Winterhalbjahr 30 Wochenstunden 30 Wochenstunden 21 Wochenstunden
Sommer 6-9 Uhr Abteilung 1 und 2
Winter 8-11 und 1-4 Uhr Abteilung 1 und 2
Sommer 9-10 Uhr Abteilung 3
Winter 8-10 und 1-3 Uhr Abteilung 3


Im Sommerhalbjahr wurde mit Rücksicht auf die Arbeiten in der Landwirtschaft weniger Unterricht gegeben als im Winterhalbjahr, wo auch der Nachmittag dazu benutzt wurde. Die älteren Kinder konnten demnach im Sommer schon um 10 Uhr nach Hause gehen, um dort zu helfen.

Aus der Schulstatistik von 1847 geht hervor, dass Nikolaus Nahm als "erster" Lehrer die erste Klasse, also die 66 älteren Kinder (11-13 Jahre alt), unterrichtete, während der fünfundzwanzigjährige Sohn Peter Anton ihn als zweiter Lehrer bei den 110 jüngeren Kindern unterstützte.


"Schulinventar" von 1853 des Vaters Nikolaus Nahm
(Sachausstattung seiner Schülergruppe von damals 64 Schülern)

Nr. Bezeichnung der Gegenstände Bemerkungen
1 Eilf (sic!) Stück Schulbänke 10 Stück 23 Jahre und 1 Ex. 5 Jahre alt
2 Einen Kateder (sic!)
3 Zwei Wandtafeln mit Stative desgleichen 23 Jahre alt
4 Einen Lehrstuhl
5 Einen Säulofen mit ???
6 Kohlenkasten mit Löffel
7 Wandkarte v. Europa, Deutschland und Palästina Sind mitunter 15-20 Jahre im Gebrauch
8 Zwei Seralien (?) für Bücher und dergleichen aufzubewahren.
9 Einen Stubenbesen
10 Siebenzehn Exemplar der großen bibl. Geschichter von Chistopher Schmitt Sieben Exempl. müßten frisch eingebunden werden
11 Zwei Exl. Katechismus Noch gut erhalten
12 Das Lesebuch von Hepp, 61 Exempl. Ein zweiter Einband ist nöthig.
13 Deutsche Geschichte von Liebler 9 Exempl. In braucbarem Zustande


Solche Inventarverzeichnisse mussten Lehrer regelmäßig abliefern, damit sie einerseits durch diese Kontrolle gezwungen waren, schonend mit dem Unterrichtsmaterial umzugehen, und damit der Kirchgemeinde als Schulträgerin frühzeitig Finanzbedarf für Reparaturen (z.B. Buchbinden) oder Ersatz signalisiert wurde.

Karg waren also die Unterrichtsräume in der Jahrhundertmitte eingerichtet:

Auf den elf Schulbänken war Platz für je 4 Schüler, also zusammen für 44 Schüler. Der Lehrer hatte einen Stuhl und ein erhöhtes Katheder. Geheizt wurde der Raum durch einen Säulenofen mit Kohlen aus einem Kohlenkasten, für die Asche gab es einen Aschenkasten. Die Eltern mussten für die Heizungskosten aufkommen ("Holzgeld"). Zum Kehren gab es einen Besen, denn Lehrer und Schüler waren selbst für die Sauberkeit des Raumes verantwortlich.

Zwei Wandtafeln standen auf Stativen im Raum, für die es sicherlich Kreide gab. Zur Aufbewahrung von Büchern gab es zwei "Serialien" (Regale, Schränke?). Die Lehrbücher bestanden aus 4 Lehrwerken, einer Biblischen Geschichte, Katechismen, Lesebüchern und einer Deutschen Geschichte. Lehrbücher für Mathematik, Geometrie und Naturwissenschaften fehlten völlig. An Kartenmaterial gab es alte Wandkarten von Deutschland, Europa und Palästina (für die Biblische Geschichte).

Querschnitt durch einen Schulsaal 1825

Querschnitt durch einen Unterrichtsraum aus dem Plan für die zweite evangelische Schule in OI aus dem Jahre 1825


Nikolaus Nahm
erhielt 1853 das Silberne Kreuz Philipps des Großmütigen, wurde 1858 mit ca. 62 Jahren pensioniert, vielleicht weil er schon krank war, denn er verstarb noch im selben Jahr.

Offenbar machte auch sein Sohn Peter Anton seine Sache gut, jedenfalls erhielt er am 2. Juli 1860 als Nachfolger seines Vaters die zweite katholische Schulstelle. Pensioniert wurde er 1880. Er hatte mit seiner Frau Barbara, geb. Schmalenberger aus Dieburg, nur noch drei Kinder.

Weder Nikolaus noch Peter Anton Nahm haben also ein Lehrerseminar besucht, sondern beide wurden von ihren Vätern angelernt, in Mannheim bzw. Mainz einmal geprüft, und die rheinhessische Provinzregierung in Mainz akzeptierte dies.

 

 

Die erste Schulstelle hatte 1864 (genaue Dienstjahre - ca. 1837 bis 1883 - unbekannt) Lehrer Anton Grooß inne, dessen von der Stadt gepflegtes Grabmal sich an der Südmauer des Nieder-Ingelheimer Friedhofes befindet (Foto: Gs).

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Gs, erstmals: 12.02.17; Stand:13.02.17