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Hermann Berndes - ein umstrittenes Gedenken

 

Autor: Hartmut Geißler

nach eigenen Recherchen im Landesarchiv Speyer in den Akten des Landgerichtes Mainz, betreffend …
• Strafprozesse der Jahre 1947, 1949 und 1953 gegen die an der Hinrichtung Beteiligten (3 K Ls 9/47 = Best. J 76, Nr. 19/1 – 21/1), zusammen über 900 Blatt
• Zivilprozess (Entschädigungskammer) zur Klage von Frau Berndes 1955 (J 10/5471), ca. 300 Blatt

sowie im Stadtarchiv Ingelheim:
• Unterlagen über Hermann Berndes in Rep. II/438/10, Rep. IV/172, Rep. IV/242/B, Rep. IV/267, Rep. IV/313 und insbesondere in A/31/2013
• Protokolle der Stadtratssitzungen vom 15.01.1947 (Straßennamenbereinigungen) und vom 12.03.2012 (Umbenennung der Hermann-Berndes-Straße)

und unter Benutzung von:

Anno Vey, Ingelheim unter dem Hakenkreuz, 1999, S. 207-215
Hans Georg Meyer, Vom Nationalsozialisten zum Helden der letzten Stunde, 2001
Anno Vey, Kriegsjahre, 2006, S. 145 f. und S. 163-170
Hans Georg Meyer in Meyer-Klausing, 2011, S. 664-680
Heinz Leiwig: Kriegsende März 1945. Mainz und Rheinhessen. Die Befreiung Rheinhessens und des Rhein-Main-Bogens. 5., überarb. Aufl. Mainz 2015
Hartmut Geißler, Hermann Berndes - neue Erkenntnisse, 2015 (mit vielen noch nie publizierten Zeugenaussagen)
Michael Kißener: Boehringer Ingelheim im Nationalsozialismus, 2015

Hinweis zur Forschungsgeschichte: Die Recherchen im Landesarchiv Speyer wurden vom Verfasser erst nach dem Umbenennungsbeschluss von 2012 durchgeführt.

 

Hermann Berndes - Person und Ereignisse

Hermann Berndes wurde am 29. Oktober 1889 als Sohn eines Ober-Ingelheimer Weinhändlers geboren, besuchte die Volks- und die Handelsschule und durchlief eine Ausbildung zum Kaufmann. Nach dem Militärdienst nahm er am Ersten Weltkrieg teil, wurde an der Westfront durch einen Kopfschuss verletzt, so dass er nach seiner Gesundung Ausbildungsoffizier in Hessen wurde.

Nach dem Krieg übernahm er die väterliche Weinhandlung im Neuweg 16.

Da Berndes, wie viele andere Ingelheimer, als ehemaliger Offizier […] von der französischen Besatzungsmacht zeitweise (1923; Gs) ausgewiesen war, lebte und arbeitete er vorübergehend in verschiedenen deutschen Städten. Er baute u.a. ein florierendes Weingeschäft in Dresden auf […] Ständige Weintransporte nach Sachsen erforderten – was damals noch etwas ungewöhnlich war – … einen eigenen Lkw. (Vey, 1999, S. 207)

Er war also einerseits weiter in Deutschland herumgekommen, als viele andere Ingelheimer, aber anderseits auch voll in das gesellschaftliche Leben Ober-Ingelheims integriert, war Mitglied im Karnevalsverein, im Gesangverein Germania und im Schützenverein. Über seine politischen Ansichten vor und nach 1933 ist nichts Näheres bekannt, weil er generell mit politischen Aussagen sehr zurückhaltend war. Vey (Kriegsjahre S. 145) hat von einem Interviewpartner gehörte, er sei "der DNVP nahestehend" gewesen. Mitglied einer Partei oder gar einer Parteikampfgruppe wie der SA war er vor 1933 jedenfalls nicht.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten passte er sich wie alle Gewerbetreibenden dem neuen Regime an. Was er dabei über die Nationalsozialisten dachte, wissen wir nicht. Einige Punkte ihrer Programmatik dürften ihm zugesagt haben, so die Betonung des Nationalen, die Aufrüstung, sicherlich auch die Weinabsatzförderungspolitik - aber das müssen Spekulationen bleiben, da keine Äußerungen von ihm dazu bekannt sind. Zum Vergleich kann man jedoch die Familie Boehringer heranziehen, deren Archive mit vielen Briefen Prof. Kißener ausgewertet hat. Auch die Familie Boehringer hat sich mehr oder weniger dem nationalsozialistischen Regime anpassen müssen. Dr. Ernst Boehringer war persönlich mit Hermann Berndes bekannt und wie er Mitglied des "Stahlhelms".

Hermann Berndes trat wie Julius Liebrecht, der Schwiegersohn von Kommerzienrat Albert Boehringer, nach der Märzwahl 1933 in die NSDAP ein, sein Mitgliedsbuch hat dasselbe Beitrittsdatum, den 1. Mai 1933, mit der Mitgliedsnummer 2.599.968. Im Jahr 1936 oder 1938 traten auch Ernst und Albert Boehringer jr. der NSDAP bei (Kißener 2015, S. 56). Diese NSDAP-Mitgliedschaften wurden offenbar nötig, weil bei Genehmigungsverfahren auch die politische Zuverlässigkeit der Firmen abgefragt werden konnte, wie Kißener am Beispiel Boehringer für Januar 1939 zeigt, als die Industrie- und Handelskammer Hamburg wegen des starken Auslandsgeschäftes von Boehringer nachfragte und mitgeteilt bekam, dass nunmehr alle Firmeninhaber Mitglieder der NSDAP seien (Kißener 2015, S.101/102).

Wahrscheinlich im selben Jahr 1933 wurde Berndes auch Mitglied der in Ingelheim mitgliederstarken nationalistischen Vereinigung „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ (Vey, Hakenkreuz, S. 208),  offizielle Dokumente darüber gibt es nicht mehr. Im Verlauf der Jahre 1933 und 1934 wurde diese Organisation zwangsweise in die SA eingegliedert. Der eigentlichen SA jedoch gehörte Berndes nicht an.

Als Vorstandsmitglied des Schützenvereins wurde er bei dessen Sitzung zur "Gleichschaltung" am 3. August 1933 zum "2. Führer" ernannt. 1935 wurde er in dieser Funktion nochmals bestätigt, verschwand aber dann aus den Protokollen des Schützenvereins.

Als Mitglied  des Ober-Ingelheimer Gemeinderates (noch nicht des ersten nach der Gleichschaltung vom April 1933, sondern erst im völlig von der NSDAP beherrschten zweiten Gemeinderat) wirkte er vom 25. August 1933 bis zur Vereinigung der drei Ingelheimer Orte zur "Stadt Ingelheim" 1939 mit (Ballmann in Meyer/Klausing); dem Stadtrat der zum 1. April 1939 vereinigten Stadt gehörte er aber nicht mehr an. Die genauen Gründe dafür sind unbekannt, aber ein Zeuge sagte 1955 aus, dass der NSDAP-Parteivorsitzende Glässel ihn als "untragbar" bezeichnet haben soll (Geißler, S. 31). Diese Zeugenaussage lässt vermuten, dass er nach 1938 der NSDAP nicht mehr verlässlich genug erschien. An seinem erneuten Militärdienst in Koblenz und seiner damit verbundenen Abwesenheit (siehe unten) kann es nicht gelegen haben, denn als der Ingelheimer Stadtrat seine Arbeit aufnahm, wusste man hier natürlich noch nichts davon, dass Hitler am 1. September einen Krieg beginnen würde.

Als Mitglied des Ober-Ingelheimer Gemeinderates stimmte Berndes dessen rassistischen Beschlüssen zu, die die Diskriminierung der Ingelheimer Juden und ihre Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben zum Ziel hatten. Er war auch Mitglied einer Untersuchungskommission, die 1933 über eine angebliche Unterschlagung von Otto Wedekind (SPD-Vorsitzender bis 1933) befinden sollte. Allerdings sagte Otto Wedekind 1955 als Zeuge nichts zu Berndes' Aktivität in jener Kommission aus und gab sogar zu Protokoll, dass er nicht gewusst habe, ob Berndes überhaupt der NSDAP angehört habe. Er habe nicht für die NSDAP geworben und ihm sei auch nicht bekannt, dass Berndes sich feindselig gegenüber Juden verhalten habe (Geißler, S. 22 f.).

Außerdem fungierte er mehrfach als Wahlvorsteher bei den Volksabstimmungen und „Wahlen“ der nächsten Jahre. Er war Obmann der nationalsozialistischen Kriegsopfer­versorgung, Ortsgruppe Ober-Ingelheim, und gehörte auch dem Kuratorium für die Höhere Bürgerschule an, das seit jeher erfolgreiche Ober-Ingelheimer Gewerbetreibende in seinen Reihen hatte.

Daraus kann man einerseits ableiten, dass er von der Parteileitung für ausreichend verlässlich gehalten wurde; andererseits versicherten viele Zeugen 1955, dass er sich persönlich politisch völlig zurückgehalten habe (Geißler, S. 20-25).

Ein Amt in der Orts- oder Stadtverwaltung sowie in der Partei hatte Berndes nie.

Von der Partei verwendet wurde 1938 im Zuge der sog. Reichskristallnacht sein Lastwagen, und zwar zum Transport von NSDAP-Funktionären und SA-Männern, die damit am Nachmittag des 10. November nach Sprendlingen, Wallertheim und Jugenheim fuhren, um auch dort jüdische Geschäfte zu verwüsten und Juden zu misshandeln. Selbst mitgefahren ist er nicht und hat seinen Sohn als Fahrer nach dessen Zeugenaussage zur Zurückhaltung ermahnt (Geißler, S. 28f.). Denn schließlich hatte die Familie Berndes von ihrem Haus im Neuweg aus die Zerstörung der unterhalb gelegenen Ingelheimer Synagoge einen Tag zuvor mit ansehen können bzw. müssen. Dass sich die NSDAP des Öfteren PKWs und LKWs von Parteigenossen auslieh, kam häufiger vor. Hätte er sich in diesem Fall weigern müssen oder können?

Die Ober-Ingelheimerin Elisabeth Christ sagte 1955 zu Berndes' Verhalten gegenüber Juden aus:

Ich wohne in der Schulstr. Nr. 15. In der Nähe befindet sich das Anwesen der Familie Kahn-Löb (Juden), bestehend aus Kellerei und Wohnhaus. Ich glaube, dass es im Jahre 1937 war, als die Firma Berndes die Kellerei mietete. Ich sah auch Herrn Berndes dort ein- und ausgehen. Als bei den allgemeinen Ausschreitungen gegen Juden im November 1938 auch die Wohnung der Familie Kahn-Löb demoliert wurde, gewährte ihnen Herr Berndes im Büro in der Kellerei für einige Tage Unterkunft, bis die Wohnung wieder hergerichtet war. Wie ich von der Familie Kahn-Löb, mit denen ich freundschaftlich bis zu ihrer Deportation verkehrte, gehört habe, wurde sie von Herrn Berndes öfter mit Lebensmittel[n], vor allem aber mit Wein unterstützt.

Ähnliches sagten zwei weitere Zeugen 1955 aus, darunter der jüdische Metzger Heinrich Strauss, der gleichfalls sein Geschäft hatte aufgeben müssen, nach Theresienstadt verschleppt wurde, von dort 1945 aber wieder nach Ingelheim zurückkehrte:

Herr Berndes hat immer von uns sein Fleisch gekauft und zwar bis zum Jahre 1937. Ich kann nichts Schlechtes über Herrn Berndes sagen. Ich kann auch nichts darüber sagen, ob Herr Berndes der NSDAP angehört hat oder nat. soz. eingestellt war. (Geißler, S. 26 f.).

Es ist nicht bekannt, dass sich Hermann Berndes bei den "Zwangsarisierungen" an jüdischem Eigentum bereichert hätte, obwohl 1938/39 mehrere jüdische Weinhandlungen in Ingelheim enteignet wurden bzw. weit unter Wert verkauft werden mussten.

Ab 1939 bis zu den Ereignissen von 1945 sind keine Ingelheimer Aktivitäten von Hermann Berndes mehr bekannt. Er war in dieser Zeit auch meistens abwesend, weil er wieder zum Militär eingezogen worden war und in Koblenz Dienst tat. Nach Vey wurde er von dort mit 55 Jahren im Herbst 1944 als Hauptmann der Reserve aus dem aktiven Militärdienst entlassen.

 

Hermann Berndes als Kommandant des Volkssturmes

In Ingelheim wurde er am 30. Oktober 1944 als ranghöchster Reserveoffizier zum örtlichen Kommandanten des „Volkssturmes“ ernannt (als „Bataillonsführer“). 

Der Volkssturm als Miliz der Partei war am 25. September 1944 geschaffen worden, er stellte den verzweifelten Versuch der NS-Führung dar, mit Jugendlichen von 16/17 Jahren und alten Männern bis 60 Jahre den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten. Er war nicht der Wehrmacht unterstellt, sondern der Partei. Näheres zum Ingelheimer Volkssturm bei Vey, Kriegsjahre S. 147 ff.

Nach einigen mehr oder weniger regelmäßigen Wehrübungen musste der Volkssturm drei letztlich völlig untaugliche Panzersperren aus Baumstämmen errichten, eine in der Binger Straße auf Boehringer-Gelände (Richtung Gau-Algesheim), eine im Neuweg (Richtung Großwinternheim) und eine in der oberen Mainzer Straße bei der Einmündung der Steingasse (Richtung Wackernheim). Dort sollten also Jugendliche und alte Männer Ingelheim mit Panzerfäusten gegen vorrückende amerikanische Panzer verteidigen. Man fühlt sich an Bernhard Wickis Film "Die Brücke" von 1959 erinnert.

Im März 1945 näherte sich die 90. US-Division unter General Patton vom Hunsrück her Ingelheim, so dass die oberen Ingelheimer NSDAP-Funktionäre mit Schiffen über den Rhein flohen. Anno Vey beschreibt die Situation:

Den meisten in Ingelheim Verbliebenen war bewusst, dass jeder Widerstand zwecklos und dass bei Kampfhandlungen in ihrer bislang von Kriegsschäden weitestgehend verschonten Stadt mit Zerstörungen und weiteren sinnlosen Menschenopfern zu rechnen sei. Deshalb zeigten sich beim örtlichen Volks­sturm immer mehr Auflösungserscheinungen, in deren Folge zahlreiche Volkssturmmänner u.a. Holzbalken für die Panzersperren zerstörten, Panzerfäuste vergruben ... bzw. zunehmend nicht zum Dienst erschienen und sich versteckt hielten. Kämpfen dagegen wollten einige junge, örtliche HJ-Führer, die sich in den Besitz von zum Teil veralteten Waffen gebracht hatten. Wegen des desolaten Zustandes des örtlichen Volkssturms hatten zuvor eini­ge ältere, engagierte Ingelheimer SA-Männer beim Kreiskommandanten des Volkssturms Koch (Heidesheim) versucht, Berndes als örtlichen Volkssturmführer abzulösen und ihn durch den 10 Jahre älteren SA-Führer und Kreisfeuerwehrführer Fer­dinand Trapp ersetzen zu lassen... (Vey, Kriegsjahre S. 163)

Als die Führung des Ingelheimer Volkssturmes am Freitag, dem 16. März, im "Haus Burggarten", dem Sitz der Ober-Ingelheimer Volkssturmführung, zusammentrat, um die Lage zu beraten, erfuhr Berndes vom Kompanieführer Brehm, ohne zuvor offiziell davon benachrichtigt worden zu sein, dass die Parteikreisleitung mittlerweile einen anderen als Volkssturm-Kommandanten eingesetzt hatte, und zwar Ferdinand Trapp. Dieser hatte sich in der Separatistenzeit 1923 als Kämpfer gegen die Separatisten hervorgetan. Er trat schon 1930 der NSDAP bei, war somit ein "alter Kämpfer", wurde Mitglied der SA, später deren Hauptsturmführer, und ab 1943 Ortsgruppenleiter der NSDAP in Ingelheim-Mitte, also in Nieder-Ingelheim. Für Dr. Löwe war Trapp im Urteil von 1947 als "Parteifanatiker" bekannt.

Weil Trapp trotz Aufforderung nicht zur Klärung des Kommandowechsels im Haus Burggarten erschienen war, begab sich Hermann Berndes schließlich selbst mit seinen Volkssturmführern gegen 23 Uhr zur Gaststätte Frey (heute Boehringer-Parkplatz an der Selz und Binger Straße), der Befehlsstelle des Volkssturmes in Nieder-Ingelheim, wo sie Trapp fanden, und zwar nach Zeugenaussagen stark angetrunken. Berndes weigerte sich zurückzutreten, obwohl er in dieser Situation eine gute Möglichkeit dazu gehabt hätte.

Der Zeuge Dr. Thiele sagte dazu 1955 aus: Berndes befürchtete, dass gerade Trapp, der gern trinkt, evtl. im Rausch Befehle erteilt, die für Ingelheim unabsehbare Folgen haben könnten. 

Dr. Thiele betonte ferner, dass alle Anwesenden, auch die NSDAP-Ortsgruppenleiter Glässel und Lehrer Wilhelm Immerheiser, der Lagebeurteilung von Berndes und seinem Stab zugestimmt hätten, dass Ingelheim mit den völlig unzureichenden Mitteln des Volkssturmes nicht zu verteidigen sei. Andere Zeugen erinnerten sich an ein mehrheitliches Abstimmungsergebnis. Daraufhin, so Dr. Thiele, hätten die beiden Ortsgruppenleiter geäußert, dass sie sich dann gleichfalls über den Rhein absetzen müssten, was sie auch taten.

Am folgenden Morgen des 17. März diktierte Hermann Berndes dem Stadtsekretär Berle den folgenden „Aufruf an die Bevölkerung der Stadt Ingelheim am Rhein“, der vervielfältigt und an mehreren Stellen der Stadt ausgehängt wurde:

Schicksalsschwere Stunden stehen uns bevor, die wir nur dann einigermaßen gut überstehen können, wenn jeder Ruhe und Besonnenheit bewahrt. So muss vor allen Dingen jeder mithelfen, unverantwortliche Elemente und insbesondere Jugendliche daran zu hindern, sich zu Handlungen hinreißen zu lassen, deren Folgen für das Weiterbestehen unseres Hei­matortes von unübersehbarer Bedeutung wären. Wer Personen kennt oder erfährt, dass sich solche in den Besitz von Waffen gebracht haben, hat sich unverzüglich zu melden und, sofern möglich, die Waffen selbst abzunehmen. Diese sind im Haus Burggarten abzuliefern, wo selbst auch eventuelle Meldungen zu erstatten sind. Ingelheim am Rhein, 17. März 1945
Der Kampfkommandant: Hermann Berndes
 

Den Ober-Ingelheimer Volkssturmmännern, die vor dem Haus Burggarten angetreten waren, erklärte Berndes, dass die Waffen abzuliefern und die Panzersperren zu öffnen seien, was auch überwiegend geschah. Der Volkssturm von Nieder-Ingelheim ließ sich gar nicht mehr zusammenrufen.

Aufgrund falscher Gerüchte erwartete man zu jenem Zeitpunkt den Einmarsch der Amerikaner schon sehr bald, vielleicht für den nächsten Tag; aber sie kamen erst drei Tage später, am 20. März.

Diese Verzögerung wurde Hermann Berndes zum Verhängnis. Denn den Appell von Berndes las der  Oberleutnant Paul Bertram, der mit einem Motorrad von Mainz, das die Wehrmacht als "festen Platz" verteidigen sollte, nach Gau-Algesheim zur Aufklärung geschickt worden war, und meldete den Auruf sofort telefonisch nach Mainz. Daraufhin schickte der Mainzer Kommandant Oberst Weiß den Major Otto Karl Kraffert nach Ingelheim, der im Namen der Wehrmacht die Befehlsgewalt als Kampfkommandant an sich zog und einen gegenteiligen Aufruf zur Verteidigung aushängen ließ, der aber kaum noch befolgt wurde.

Auf Befehl des Kommandanten des Brückenkopfes Mainz wird folgendes bekanntgegeben: Entgegen dem Aufruf des Kampfkommandanten Berndes an die Bevölkerung der Stadt Ingelheim am 17. März 1945 wird die Stadt Ingelheim beim Annähern des Feindes mit allen zur Verfü­gung stehenden Mitteln verteidigt, genau wie jedes andere Fleck­chen deutscher Erde. Die Bevölkerung wird hiermit aufgefordert, der Wehrmacht jede nur erdenkliche Unterstützung zu leisten. Wer sich dieser Verpflich­tung entzieht, gilt als Verräter und wird die Folgen hieraus ziehen müssen. 17. März; im Auftrag des Kampfkommandanten: der Bürgermeister (in Vertretung: Vollstädt)

Heinrich Vollstädt war einer der wenigen noch in Ingelheim gebliebenen NS-Funktionäre und Dritter Beigeordneter der Stadtverwaltung.

Kraffert richtete für sich eine Befehlsstelle in den Räumen der Polizeistelle Nieder-Ingelheim im Feuerwehrgerätehaus (heute Museum) ein, und dorthin ließ er Berndes und die Kompanieführer des Ingelheimer Volkssturmes kommen, wobei sich Berndes zu seiner alleinigen Verantwortung für den Aufruf bekannte. Kraffert ließ ihn daraufhin verhaften. Ein Versuch von Berndes, sich mit seiner Pistole zu erschießen, und auch ein Fluchtversuch durch das Kellerfenster misslangen. Kraffert ließ ihn mit einem requirierten PKW nach Budenheim bringen, damit er vor ein Standgericht der Wehrmacht gestellt würde. Zu den teilweise umstrittenen Einzelheiten, die sich aus Zeugenaussagen der Strafprozesse nach dem Kriege ergaben, siehe Vey (Kriegsjahre) und Meyer (Gefolgschaft).

Am späten Abend traf der bei Vey gleichfalls als "fanatisch" bezeichnete Beauftragte für den Volkssturm im Gau, Kurt Schädlich (33 Jahre alt), in Ingelheim ein. Dieser übernahm nun das Verfahren gegen Berndes anstelle der Wehrmacht und veranlasste noch in der Nacht das Zurückholen von Berndes durch Männer der Waffen-SS nach Ingelheim, mit einem anderen requirierten PKW. Nachdem er sich telefonisch vom NSDAP-Gauleiter Sprenger in Frankfurt die Genehmigung oder den Auftrag geholt hatte, Berndes hinrichten zu lassen, wurde Hermann Berndes in seiner Offiziersuniform am frühen Sonntagmorgen des 18. März um 3:57 Uhr von zwei Hilfspolizisten aufgehängt, auf dem Platz vor dem Rathaus, damals Adolf-Hitler-Platz, heute François-Lachenal-Platz, an der vordersten oberen Kastanie an der Mainzer Straße.

Seine letzten Worte sollen gewesen sein: Ich sterbe, weil ich meine Heimat geliebt habe. 

Dieser Satz stand auch auf dem Grabstein für beide Eheleute Berndes in Ober-Ingelheim, der schon vor längerer Zeit abgeräumt wurde.

Grabstein der Eheleute Berndes (Foto aus dem Stadtarchiv)

Für die Ingelheimer war diese Ermordung von Hermann Berndes ein einzigartiges und besonders erschütterndes Ereignis. Ähnliche Hinrichtungen, nach Aufrufen zum Widerstandsverzicht beim Einmarsch amerikanischer Truppen, sind in unserem Raum aber mehrfach vorgekommen, wie z. B. in Mainz-Hechtsheim unter demselben Kurt Schädlich (Leiwig, S. 23-24).

Volkssturmmänner und HJ-Mitglieder, die sich an diesem Sonntag vor dem Winzerkeller versammeln mussten, marschierten auf dem Marsch nach Budenheim, wo sie auf die andere Rheinseite übergesetzt wurden, am Vormittag an der Leiche vorbei, der ein Schild umgehängt worden war, auf dem geschrieben stand: "So stirbt jeder, der sein Vaterland verrät." Sie marschierten anschließend über den Rabenkopf durch Heidesheim und die dortige Werner-Best-Allee hinunter, die gleichfalls nach einem prominenten Nationalsozialisten benannt war. Als diese Straße im Mai 1945 ebenfalls umbenannt wurde, gab man ihr den Namen "Berndesallee".

Zwei Tage später, am 20. März, marschierten die Amerikaner weitgehend kampflos in Ingelheim ein und beendeten die nationalsozialistische Terrorherrschaft.

Sie setzten am 15. April Georg Schick, der in der NS-Zeit als Sozialdemokrat aus dem Staatsdienst in Erbach/Odenwald entlassen worden war, zum Bürgermeister ein. Im Juni 1945 wurde er Landrat des Kreises Bingen und später des Kreises Worms. Er veröffentlichte zwei Tage nach seiner Einsetzung einen ersten und für unser heutiges Empfinden doch sehr pathetischen Aufruf an die Ingelheimer, in dem es unter dem Eindruck der durchlittenen letzten Monate und Jahre einleitend hieß:

An die Einwohnerschaft der Stadt Ingelheim a. Rh. Auf Grund meiner Ernennung durch den Herrn Bezirkskommandanten der amerikanischen Besatzungsarmee zum Bürgermeister der Stadt Ingelheim habe ich am 15. April 1945 die Geschäfte übernommen, nachdem die Spitzen der Behörden beim Herannahen amerikanischer Truppen in der schmählichsten und feigsten Art und Weise sich entfernten. Die Stadt und insbesondere die Einwohnerschaft haben sie ihrem harten Schicksal überlassen. Ja, sie gingen zuvor sogar noch soweit, dass sie einen angesehenen und für seine Vaterstadt hochverdien­ten Bürger, Herrn Weinhändler Hermann Berndes, zu Tode folterten. Er war ein aufrichtiger deutscher Mann, der seine Mitbürger vor den Schrecken des Krieges bewahren wollte. Hermann Berndes gab sein Leben für alle Einwoh­ner der Stadt Ingelheim. Er ist der Märtyrer der Stadt Ingelheim geworden und bleibt allen unvergessen. Das bewies die unendliche Wehklage und Trauer aller Mitbürger von Ingelheim um diesen ehrenwerten Mann. Der schwergeprüften Witwe und ihren Angehörigen wendet sich meine und aller Einwohner tiefge­fühlteste Teilnahme zu, die uns zu einer besonderen späteren Ehrung des hochgeachteten Mannes der Stadt Ingelheim verpflichtet.

Mit Datum 21. Mai 1945 wurden auf seine Anordnung hin die nach Adolf-Hitler und Horst Wessel benannten Straßen in Ingelheim unbenannt, und die betreffende Straße in Ober-Ingelheim (vor 1933 Friedrich-Ebert-Straße, dann Adolf-Hitler-Straße) erhielt nun zum Andenken an die verantwortungsvolle Tat und die Ermordung von Hermann Berndes den Namen Hermann-Berndes-Straße.

Als Anfang 1947 alle Doppelbenennungen von Straßen des 1939 vereinigten Ingelheim unter dem von den Nationalsozialisten aus Ober-Ingelheim vertriebenen Bürgermeister Dr. Georg Rückert (SPD) durch den neu gewählten Stadtrat beseitigt wurden, gab es keinerlei Diskussionen über die Hermann-Berndes-Straße, auch nicht durch die kommunistischen Stadtratsmitglieder, im Gegensatz zu anderen Straßen (z.B. der Boehringerstraße). Ihr früherer Name (nach Friedrich Ebert) wurde nun der Selzstraße in Nieder-Ingelheim gegeben. Das lässt nur eine Interpretation zu: Der damalige Stadtrat sah keinen Grund, die Umbenennung durch Georg Schick wieder rückgängig zu machen.

 

Zur historischen Beurteilung von Hermann Berndes

War Hermann Berndes ein aktiver Nationalsozialist, der der Verbreitung des Nationalsozialismus "Vorschub geleistet" hat?

Mit dieser Frage musste sich im Jahr 1955 die Entschädigungskammer des Landgerichts in Mainz wegen einer Klage der verwitweten Frau Berndes befassen. Ihr Antrag auf eine Entschädigungsrente nach dem Bundesergänzungsgesetz zur Entschädigung der Opfer nationalsozialistischen Verfolgung (BEG) von 1953 war zunächst vom zuständigen Landesamt mit der Begründung abgelehnt worden, Hermann Berndes sei ein aktiver Nationalsozialist gewesen, weswegen seiner Witwe eine solche Rente nicht zustünde.

Nachdem aber alle Zeugen, auch die vom Landesamt für diesen Prozess benannten, ausnahmslos ausgesagt hatten, dass es keine Anhaltspunkte dafür gegeben habe, dass Berndes den Nationalsozialismus aktiv gefördert habe ("Vorschub geleistet" - so die Gesetzesformulierung), auch wenn er Mitglied der NSDAP gewesen sei, beschloss das Gericht, dass Frau Berndes diese Rente nicht vorzuenthalten sei:

"Da die Kammer den Standpunkt vertritt, dass in vorliegendem Falle bereits die Widerstandshandlung als solche für ausreichend anzusehen ist, um das lediglich geringfügige Vorschubleisten auszugleichen, […] so steht der Klägerin […] ein Anspruch auf Rente zu, da ihr Ehemann verfolgt worden ist, nachdem er sich aufgrund eigener Gewissensentscheidung unter Gefährdung seiner Person aktiv gegen die sittlich, auch durch den Krieg nicht gerechtfertigte Vernichtung von Menschenleben eingesetzt hatte."

(Entschädigungskammer, Urteilsbegründung am 21. Juli 1955 S. 24 = 201 rot)

Juristisch verklausuliert bedeutete dies, dass das Gericht die Tat von Hermann Berndes höher wertete als seine NSDAP-Mitgliedschaft, oder in heutiger Ausdrucksweise: Das Gericht sah in ihm keinen aktiven Nationalsozialisten. Auch die beiden höheren Instanzen, das Oberlandesgericht in Koblenz (Berufung durch das Landesamt) und der Bundesgerichtshof in Karlsruhe (Revisionsbegehren durch das Landesamt) sahen die Sachlage und die Anwendung des Rechtes ebenso und bestätigten das Mainzer Urteil.

Noch 1995 brachte die Stadt Ingelheim im Rahmen einer Aktion zur Erklärung von Straßennamen unter den Schildern der Hermann-Berndes-Straße ein Zusatzschild mit folgendem Text an: "Er ließ am 18. März 1945 sein Leben, um seine Mitbürger und seine Heimatstadt vor den Schrecken des Krieges zu bewahren." Dieser historisch etwas schiefe Text, der ein Zitat aus dem Schick-Aufruf von 1945 enthält, wurde vom Ältestenrat des Stadtrates nach langer Diskussion beschlossen.


Die Umbenennung im Jahr 2012

Im Jahre 2012 jedoch erhob das Ingelheimer "Bündnis gegen Rassismus und Gewalt" (In-Rage) die Forderung, die Hermann-Berndes-Stra­ße in Renate-Wertheim-Straße umzubenennen, weil Berndes zwölf Jahre aktives Mitglied der NSDAP gewesen sei und sich nie davon distanziert habe. Renate Wertheim, geboren am 20. März 1935, wurde 1942 mit den letzten aus Ingelheim deportierten Juden als Siebenjährige verschleppt und ermordet.

Der Stadtrat schloss sich dieser Initiative an und benannte am 12. März 2012 mehrheitlich die Hermann-Berndes-Straße in Hunsrückstraße um. Nach Renate Wertheim wurde bisher keine Straße benannt.

 

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Gs, erstmals: 08.01.14; Stand: 19.04.17