Wilhelm Fries

 

Autor: Hartmut Geißler
nach: Dürsch in: Meyer-Klausing, S. 649-663

Wilhelm Fries wurde am 29. November 1898 in Nieder-Ingelheim geboren. Da sein Vater schon starb, als er erst zwei Jahre alt war, zog seine Mutter ihn und seine Schwester in sehr bescheidenen Verhältnissen groß und konnte ihn auch nicht auf eine höhere Schule schicken. Nach einer kaufmännischen Lehre arbeitete er bei verschiedenen Firmen, seit 1919 fast 40 Jahre lang bei Boehringer in Ingelheim, vor dem Krieg als Leiter der Transportabteilung und Handlungsbevollmächtigter in der Säureabteilung. Ab 1948 wurde er Prokurist in der damaligen Boehringer-Tochter Cela Ingelheim.

Zeit seines Lebens war Fries ein überzeugter und engagierter Katholik und seit 1930 arbeitete er auch in der Nieder-Ingelheim Zentrumspartei mit und wurde Mitglied des Gemeinderates. Nach dem Einmarsch der Amerikaner war er es, der aufgrund seiner guten Englisch-Kenntnisse zu den Übergabeverhandlungen am 20. März 1945 mit hinzugezogen wurde. Auch beim Wiederaufbau einer demokratischen Gemeindeverwaltung nach der Nazizeit beteiligte er sich wieder, und beinahe wäre er 1946 vom Gemeinderat des vereinigten Ingelheim auch zum Bürgermeister gewählt worden, wenn nicht der Gegenkandidat der SPD, Dr. Georg Rückert, außer den Stimmen der SPD auch diejenigen der „Freien Liste“ bekommen hätte (Stimmenverhältnis 12:11).

Kurz nachdem der damalige Bürgermeister Heinz Kühn ihn für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hatte, starb Wilhelm Fries am 21. März 1959 während eines Besuchs aus der Partnerstadt Stevenage.

Dürsch fasst die Beschreibung seines Lebens während der Nazizeit in folgendem Urteil zusammen (S. 662 f.):

"Obgleich er (Fries) keine öffentliche Funktion innerhalb der lokalen Kirchenorganisationen oder der katholischen Vereine innehatte, geriet er mit dem NS-Regime in Konflikt. Sein Unwille, seine Kritik an Hitler und der NSDAP zu verbergen, trug ihm die Überwachung durch die Gestapo ein. Es lässt sich nicht mehr klären, gegen welche Aspekte der nationalsozialistischen Ideologie oder der NS-Organisationen sich Fries im Einzelnen richtete. Aber seine Person blieb in enger Weise mit einem katholischen Umfeld in Berührung. Er war durch sein politisches Engagement für die Zentrumspartei, aber auch durch die Gottesdienstbesuche und die Messdienerschaft seiner Söhne mit der katholischen Kirche verbunden. Dass er seinen Kindern die Mitgliedschaft in der HJ untersagte, passt durchaus ins Bild eines überzeugten Katholiken. Seine Motivation für das Eintreten gegen den Nationalsozialismus ist sicherlich in hohem Maße seinen katholischen Glaubensvorstellungen und seinen engen Verbindungen zum lokalen katholischen Milieu zuzuschreiben. Die wenigen erhaltenen schriftlichen Quellen dokumentieren, dass er auch nach der Auflösung der Zentrumspartei eine Schlüsselstellung im katholischen Ingelheim innehatte.

Die Gestapo ahnte das, konnte es ihm aber nicht nachweisen. Eben wegen dieser Führungsrolle wurde er aber im Rahmen der „Aktion Gitter“ (auch: „Aktion Gewitter“), die sich im Zusammengang mit dem Attentatsversuch der Widerstandsgruppe 20. Juli 1944 gegen ehemalige Mitglieder der demokratischen Parteien richtete, verhaftet. Fries kann mit seinem Wirken in das Umfeld des katholischen „Widerstands“ eingeordnet werden. Nach Kriegsende übernahm er zahlreiche Ämter und diente als Vermittler bei Konflikten zwischen den alliierten Besatzungsmächten, den lokalen Behörden, der Bevölkerung und seinem Arbeitgeber. Beim Aufbau der demokratischen Strukturen auf kommunaler Ebene und auf Kreisebene sollte er ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen; zudem war er Mitbegründer der Ingelheimer CDU und der CDU auf Kreisebene. Nach Kriegsende hatte sich Fries somit als eine der wenigen zentralen Persönlichkeiten erwiesen, die auch auf politischer Ebene glaubwürdig den Neuanfang in Ingelheim verkörperten."

 

Gs, erstmals 29.11.13; Stand: 22.02.17