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Die Ingelheimer Landwirtschaft und der Nationalsozialismus


Autor: Hartmut Geißler
nach Vaios Kalogrias: Der Bauer als Prototyp der nordisch-germanischen Rasse - Das landwirtschaftliche Milieu, in: Meyer-Klausing, S. 283-310


1. Fragestellungen und Quellenlage

Die Ingelheimer Orte waren zwischen den beiden Weltkriegen trotz aller Industrialisierung noch stark landwirtschaftlich geprägt, denn 1925 arbeiteten weiterhin 23% der Erwerbstätigen ausschließlich in der Landwirtschaft und zusätzlich 40% nebenberuflich. Das bedeutet, dass ca. zwei Drittel der Ingelheimer Erwerbstätigen noch mehr oder minder bäuerlich tätig waren.

Umso wichtiger erscheint daher die Beantwortung von zwei Fragen:

1. Inwieweit war das Ingelheimer „landwirtschaftliche Milieu“, wie es Kalogrias nennt, für nationalsozialistische Propaganda und Politik empfänglich?
2. Wie haben die Ingelheimer Bauern auf die erzwungene Umstrukturierung der Landwirtschaft reagiert?

Es ist dies eine ähnliche historische Fragestellung wie für die Zeit der napoleonischen Umgestaltung um 1800, und leider müssen auch hier wie damals viele Einzelfragen offen bleiben, weil die von Kalogrias benutzte Hauptquelle diesbezüglich nur wenige Antworten gibt, denn er stützt sich für seine Untersuchung hauptsächlich auf die Zeitungsmeldungen der Ingelheimer Zeitung, die er eine „Schlüsselquelle“ nennt, weil sie „obgleich propagandistisch durch den Nationalsozialismus indoktriniert, die beste Darstellung der Ereignisse und vor allem eine recht vollständige Wiedergabe der Vorgänge auf der Lokalebene ermöglicht.“ (S. 283)

Den Weg mit Interviews von Zeitzeugen (wie Vey, Kriegsjahre) hat er nicht beschritten; ob allerdings die Bereitschaft, jemandem von "Draußen" überhaupt etwas von der Vergangenheit der bäuerlichen Vorfahren während der Nazizeit zu erzählen, jemals besonders groß war, kann bezweifelt werden. Mittlerweile tendiert auch aus Altersgründen die Chance, noch etwas aus persönlichen (oder von den Eltern, Großeltern erzählten) Erlebnissen und Eindrücken der Landwirte aus jener Zeit zu erfahren, gegen Null, wie ich bei eigenen Bemühungen merken musste. Und im Ingelheimer Stadtarchiv haben sich nur wenige Dokumente aus jener Zeit erhalten, so dass man konstatieren muss: Die Ingelheimer Quellenlage zum Thema Landwirtschaft in der Nazizeit ist sehr schlecht.


2. Die Situation der Ingelheimer Landwirtschaft in der Weltwirtschaftskrise seit 1929

Wie allgemein im Reich litt auch die Ingelheimer Landwirtschaft, die strukturell von Kleinbetrieben geprägt war, am Ende der 1920er Jahre unter hohen Steuern, bedrückenden Zinslasten und niedrigen Produktpreisen infolge von nachlassender kaufkräftiger Nachfrage. Insbesondere die hiesigen Winzer waren davon betroffen. Sie schlossen sich daher den vielfältigen Forderungen nach Absatzförderung und Abwehrmaßnahmen gegen Importe an. Aber auch die Produzenten von Obst und Gemüse (Spargel) spürten schmerzlich den Preisverfall durch mangelnde Nachfrage.

Daher beherrschten nach den Zeitungsmeldungen diese Themen die Versammlungen der bäuerlichen Selbstorganisationen:

- des Nieder-Ingelheimer „Obst- und Gartenbauvereins“ (seit 1901)
- der „Obst- und Gemüseverwertungsgenossenschaft Ingelheim und Umgebung“ (ab 1928)
- der beiden „Winzergenossenschaften“ von OI und NI (beide ab 1901)
- und der „Vereinigten freien rheinhessischen Bauernschaft“ (ab 1929)

Dieser letzte Interessenverband betätigte sich auch politisch, so bei der Landwirtschaftskammerwahl 1929 und durch eigene Kandidaten bei der Nieder-Ingelheimer Gemeinderatswahl am 17. November 1929.


3. Die Agrarpolitik der NSDAP und ihre Aufnahme in Ingelheim

Die agrarpolitischen Forderungen dieser Verbände deckten sich weitgehend mit den entsprechenden programmatischen Vorstellungen der NSDAP, die schon im Parteiprogramm von 1920 die „Abschaffung des Bodenzinses“ gefordert hatte.

Ab 1930 stellte sich die NSDAP in einer programmatischen Schrift noch besser auf die Notlage der Bauern ein, um deren Protestpotential für sich zu gewinnen: Dem Landwirt wurde eine herausragende Stellung in der zukünftigen nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zugewiesen, Schutzzölle und Einfuhrbeschränkungen sollten den heimischen Markt schützen, Steuererleichterungen und eine Senkung der Zinssätze wurden versprochen.

Diese Programmatik, die vom 1930 gegründeten „Agrarpolitischen Apparat“ unter Walther Darré verbreitet wurde, fand im Reich offene Ohren bei vielen Bauern, deckte sie sich doch weitgehend mit ihren eigenen Forderungen.

In Ingelheim näherte sich daher auch die „Vereinigte freie rheinhessische Bauernschaft“ immer mehr der NSDAP an, „sie geriet mehr und mehr in das Fahrwasser der nationalsozialistischen Einflusssphäre“, wie es Kalogrias (S. 296) formuliert.

Verständlich, denn während das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf einen Brief des Ingelheimer Obst- und Gartenvereins vom 29.03.1929, in dem Schutzzölle gefordert wurden, pflichtgemäß antwortet, das sei aufgrund der gültigen Zollverträge des Deutschen Reiches nicht möglich, zeigten sich die Nationalsozialisten von solchen juristischen Skrupeln völlig unbeeindruckt und forderten rücksichtslos auch das, was die Bauern forderten. Daher wurde im Frühjahr 1932 (also noch vor der Machtergreifung) ein Kooperationsabkommen der „Bauernschaft“ mit der NSDAP geschlossen. Darré war Gastredner einer Tagung der Bauernschaft im Bingen (IZ, 19.09.1932).

Diese Konstellation erklärt zu einem großen Teil die Tatsache, dass die NSDAP ab 1930 auch im ländlichen Ingelheim immer mehr Wähler fand.


4. Die Gleichschaltung der Ingelheimer landwirtschaftlichen Organisationen

Ohne größere Probleme verlief deswegen auch die Gleichschaltung der landwirtschaftlichen Berufsverbände in Ingelheim: Schnell neugegründete Ortsgruppen des „Reichslandbundes“ ersetzten ab Juli 1933 die bisherigen Verbände, die sich auflösten. Die „Obst- und Gemüseverwertungsgenossenschaft Ingelheim und Umgebung“ wurde im folgenden Jahr 1934 aufgelöst und 1935 der Nieder-Ingelheimer „Obst- und Gartenbauverein“.

Die politische Führung der Bauernschaft ging nun auf die „Ortsbauernführer“ über.

Zitat Kalogrias (S. 300 und 302): „Nach der Gleichschaltung der Bauernvereine gingen ihre Aufgaben auf die von der NSDAP eingesetzten Ortsbauernführer über. Ihr Amt stellte das zentrale Verbindungsglied zwischen der Bauernschaft und der Partei dar. Als neue Kontrollinstanz sollten sie das Vertrauen sowohl der örtlichen NS-Funktionsträger als auch ihrer Berufskollegen genießen und für die konsequente Umsetzung der agrarpolitischen Maßnahmen verantwortlich sein. Die Ortsbauernführer nahmen sogar an den Sitzungen der Gemeinderäte teil, ein Hinweis darauf, wie wichtig ihr Amt war. Später waren sie auch für die Zuweisung von Zwangsarbeitern an die Ingelheimer landwirtschaftlichen Betriebe zuständig.

Eine enge Parteibindung und gesellschaftlicher Einfluss waren dabei zwei entscheidende Auswahlkriterien für die Besetzung der Position. Diese Voraussetzungen befähigten sie, die nationalsozialistischen Vorgaben den lokalen Bedürfnissen anzupassen und mögliche Konflikte über die strikte Einhaltung des agrarpolitischen NS-Kurses abzufangen.

Die NSDAP bemühte sich, vor allem die alte kommunalpolitische Elite für den Posten des Ortsbauernführers zu gewinnen. In Ingelheim waren die Ortsbauernführer aktive NSDAP-Mitglieder und zugleich angesehene Landwirte: In Nieder-Ingelheim übernahm das Amt Jakob Graßmann II und später Heinrich Friedrich Leonhard Schweikhard, in Ober-Ingelheim Fritz Beck II und später Julius Wasem und in Frei-Weinheim Friedrich Kern. Sie alle waren dem Kreisbauernführer Bingen, Hauptmann a. D. Artoff (Bubenheim), untergeordnet. Er wiederum unterstand dem Landesbauernführer Dr. Wagner.“


5. Die NS-Agrarpolitik in ihren Auswirkungen auf Ingelheim

Dies waren im Großen und Ganzen drei Maßnahmenbündel:

a) Die Mobilisierung der Bauern für eine „Erzeugungsschlacht“, um durch Produktionssteigerungen die landwirtschaftliche Autarkie des Deutschen Reiches zu erringen

b) Die Einrichtung von „Erbbauernhöfen“ gemäß dem Reichserbhofgesetz vom 29.09.1933, in einer Größe zwischen 7,5 und 125 ha Betriebsgröße, die nur ungeteilt vererbt werden sollten, nicht verkauft und auch nicht mit Hypotheken belastet werden durften; außerdem mussten ihre Besitzer den „Ariernachweis“ bis zum 1.1.1800 erbringen.

c) Und außerdem die völlige „Arisierung“ der Landwirtschaft, d. h. die Verdrängung aller Juden aus landwirtschaftlichen Tätigkeiten, auch aus dem Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, was in (Ober-) Ingelheim vor allem jüdische Vieh- und Weinhändler betraf.

Kalogrias, S. 302: Die Ortsbauernführer waren „für die positive Vermittlung der nationalsozialistischen agrarpolitischen Maßnahmen an die Bevölkerung verantwortlich. So sprach Ortsbauernführer Beck am 8. Januar 1935 über die Aufgaben und Ziele der Bauern in der „Erzeugungsschlacht“ unter Berücksichtigung der Ingelheimer Verhältnisse. „Nicht einseitige Konkurrenz-Spitzenleistung einzelner Betriebe“, so führte er aus, „sondern gleichmäßige, vor allem an den Bedarf der eigenen Wirtschaft angepasste Ertragssteigerung bei gleichbleibender Anbaufläche“ sei das Ziel.

Die Orts- und Kreisbauernführer sorgten zugleich für den Ausschluss der Juden aus der Landwirtschaft. Den „Erbhofbauern“ war es verboten, „Nichtarier“ zu beschäftigen. Bereits 1934 wurden die „Volljuden“ in die „Landhilfe“ nicht mehr mit einbezogen.“

Und: „In den nächsten Jahren wurde der volle Ausschluss der Juden aus dem Winzergewerbe erreicht. Nachdem im Mai 1938 die ersten Schilder mit der Aufschrift "Juden sind hier unerwünscht" in den Schaufenstern der Ober-Ingelheimer Geschäfte aufgetaucht waren, verließen im Herbst 1938 einige jüdische Weinhändler Ober-Ingelheim ... Ende Oktober wurden diejenigen Personen, die immer noch mit jüdischen Weinkommissionären Handel trieben, dazu aufgefordert, sich an nichtjüdisch-stämmige Weinhändler und Kommissionäre zu wenden.

Die Ingelheimer Zeitung schrieb triumphierend: "Einer nach dem anderen rückt ab, so dass der Zeitpunkt nicht mehr fern liegen wird, wo wir melden können: Auch Ober-Ingelheim ist judenfrei!" Leider sind keine Einzelheiten über die Reaktion der Ingelheimer Winzer bekannt.“ (Kalogrias, S. 305)

Weitere Details dazu finden sich bei Meyer/Mentgen.

Zur nationalsozialistischen Festkultur (Erntedankfest und Rotweinfest) siehe Steinbauer

Eine interessante Maßnahme zur Förderung des einheimischen Weinabsatzes ergab sich durch die „Weinpatenaktion“, die der „Reichsbauernführer“ zusammen mit dem deutschen Gemeindetag 1935 in Leben gerufen hatte. Danach sollten sich alle Städte über 20.000 Einwohner Weinbauorte als „Patengemeinden“ suchen und von diesen Wein beziehen.

Ober-Ingelheim als Patenort und Weinquelle nahmen die Städte Gleiwitz und Cottbus, später noch Apolda, Erlangen, Hersfeld, Dessau, Rheinhausen und Herford.

- Nieder-Ingelheim nahmen Finow, Eberswalde, München-Gladbach (heute "Mönchengladbach") und Oldenburg als Patenort.

Zudem veranstaltete die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ überall im Reich „Rheinische Abende“, um die deutschen Rheinweine besser bekannt zu machen. Im Februar 1936 meldete die Ingelheimer Zeitung eine besonders große Nachfrage nach (Ober-) Ingelheimer Rotwein.

Konnten die Ingelheimer Winzer mit dieser NS-Agrarpolitik unzufrieden sein?


d) Auch die Milcherzeugung in Ingelheim – das gab es einmal! – wurde nun zentralisiert, indem sich alle Milcherzeuger in Genossenschaften organisieren mussten, über die der gesamte Milchabsatz laufen musste und die auch die Milchpreise festsetzten; der Direktverkauf von Frischmilch ab Hof wurde verboten.


6. Die Ingelheimer Landwirtschaft im Krieg

Wie die Industrie litt auch die Landwirtschaft wegen der vielen zum Krieg einberufenen Männer unter Arbeitskräftemangel. Schüler und Studenten reichten nun nicht mehr wie in der Vorkriegszeit aus, um durch „Landdienst“ im Rahmen der Hitlerjugend die Erntearbeiten mit zu erledigen, so dass nun ausländische „Fremdarbeiter“ angeworben oder dazu gezwungen wurden. Hinzu kamen noch die Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen. Dazu siehe ausführlich bei Vey.

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Gs, erstmals: 06.01.12; Stand: 23.02.17