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Die Ingelheimer Industrie in der Nazizeit


Autor: Hartmut Geißler
nach Kalogrias ("Unternehmensgeschichten"), Kissener 2011 ("Unter Aufsicht") und Kissener 2015 ("Boehringer Ingelheim")


Kalogrias unterscheidet im Reich drei Phasen von NS-Wirtschaftspolitik nach der Machtergreifung 1933:

a) 1933 bis 1936
Ziele: Unabhängigkeit der deutschen Wirtschaft von ausländischen Märkten, Autarkie; Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch staatliche Arbeitsbeschaffung und Reichsarbeitsdienst; Unterdrückung der Gewerkschaften und Ersetzung durch die DAF, der Einheitsorganisation aller Arbeitnehmer und Arbeitgeber mit ca. 23 Mio Mitgliedern; nicht unternehmerfeindlich, wenige Verstaatlichungen, weiter Marktwirtschaft, aber wirtschaftspolitische Führung durch die NSDAP

b) 1936 bis 1942
Ziele: Kriegsfähigkeit der Wirtschaft durch Vierjahrespläne, stärkere Einengung der unternehmerischen Investitions- und Produktionspolitik

c) 1942-1945
immer stärkere Unterordnung unter die Kriegsziele der NS-Politik, Beschäftigung ausländischer Zwangsarbeiter und Herstellung kriegswirtschaftlicher Güter


Die nationalsozialistische Durchdringung der Ingelheimer Wirtschaft:

„Nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 begannen die Nationalsozialisten mit der Umsetzung ihres Programms. Zu ihren ersten Maßnahmen auf wirtschaftlichem Gebiet gehörten die „Gleichschaltung“ - im Ergebnis die Zerschlagung - der Gewerkschaften und die Etablierung der DAF als einziger Vertretung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

In kürzester Zeit und ohne nennenswerten Widerstand setzte sich die DAF als Organisation zur Ausführung der wirtschaftlichen Vorgaben des NS-Regimes durch.

In Nieder-Ingelheim spielte der Ortsgruppenleiter der NSDAP, der kaufmännische Angestellte und Prokurist der Firma C. H. Boehringer Sohn, Gottlieb Glässel, der zugleich Mitglied der DAF und der NSV war, hierbei eine große Rolle.

Von besonderer Bedeutung war auch der örtliche Leiter der DAF, das NSDAP-Ratsmitglied Eduard Brahm. Der aus der Ukraine stammende Brahm war als Lagerverwalter bei der Firma Maehler & Kaege beschäftigt. Bereits 1930 hatte er sich der NSDAP angeschlossen und war nach der „Machtergreifung“ Gemeinderatsmitglied in Nieder-Ingelheim geworden. Zugleich übernahm er die lokale Leitung der DAF und engagierte sich für die NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude (KdF). Zusammen mit Glässel war er für die Gestaltung und Umsetzung der NS-Wirtschaftspolitik vor Ort verantwortlich.

Im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und zur Überwindung der Wirtschaftsnot profilierte sich die DAF als Speerspitze der NS-Politik. Unter anderem organisierte sie Straßensammlungen und führte Spendenaktionen durch.“  (Kalogrias, S. 274-5)

Auch wenn die Arbeitslosigkeit in Ingelheim erst allmählich abgebaut wurde, besserte sich doch bis 1935 die finanzielle Lage der Gemeinden erheblich.


Ingelheimer Industrie-Unternehmen während der Nazizeit

Die ortsansässigen Unternehmer passten sich relativ problemlos der neuen politischen Situation an, denn eine Opposition oder gar Obstruktion gegen die Ziele und Praxis der NS-Politik hätte sofort zu repressiven Maßnahmen bis hin zur Verhaftung und Enteignung geführt.

NS-Vokabular und NS-Institutionen wurden auf die Wirtschaft übertragen, so dass nun an der Spitze des Unternehmens ein "Betriebsführer" gemäß dem Führerprinzip der NSDAP stand, analog zur "Volksgemeinschaft" wurde von einer "Betriebsgemeinschaft" gesprochen, es gab "Betriebsappelle",  eine "Werkfrauengruppe" wurden gegründet, betriebliche Sozialleistungen wurden zur "Gefolgschaftsfürsorge", bei Boehringer wurde ein "Betriebsvolksbildunsgwart" von der DAF ernannt, ein "KdF-Betriebswart" sorgte für die Urlaubsreisen der Organisation "Kraft durch Freude", ein "Betriebsjugendwart" sollte die arbeitende Jugend im nationalsozialistischen Sinne betreuen.

Kißener hat sich anhand der Boehringer-Werkszeitung mit der Geschichte des größten Ingelheimer Industrieunternehmens während der Nazizeit befasst („Unter Aufsicht“, S. 311 ff.).

Werkszeitungen wurden meist erst von den Nationalsozialisten der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zu Propagandazwecken ins Leben gerufen, unter ihrer Kontrolle und oft auch mit auswärtigen Nationalsozialisten als Redakteuren. Auch bei Boehringer hatte es vor 1933 keine Werkszeitung gegeben, sie wurde dem Unternehmen von der DAF förmlich aufgedrängt.

Solche Zeitungen spiegeln vor allem das wider, was sie innerhalb der Belegschaft verbreiten sollten: die nationalsozialistische „Weltanschauung“, die „Erziehung zur Betriebsgemeinschaft“, die Tätigkeit der NS-Organisationen und während des Krieges natürlich die NS-Kriegspropaganda. Nachrichten aus dem Unternehmen selbst spielten dabei eine eher untergeordnete Rolle.

NS-Werkszeitungen sind deswegen sehr heikle historische Quellen, aus denen man nicht ohne Weiteres entnehmen kann, was die Unternehmensführung und ihre Mitarbeiter wirklich über die Nationalsozialisten dachten. Man muss dazu sozusagen zwischen den Zeilen lesen, Fortgelassenes werten und versteckte Indizien aufspüren.

Kißeners Untersuchung der Boehringer-Werkszeitung erlaubt wohl die Aussage, dass die Unternehmerfamilie zwar national-konservativ eingestellt war, keineswegs aber begeistert nationalsozialistisch oder gar antisemitisch, sondern eher auf eine gewisse Distanz zu den Nazis bedacht, soweit sich dies ermöglichen ließ. Dies wurde auch durch die Untersuchung Kißeners von 2015 bestätigt.

In der obersten Führungsschicht der acht Leitenden Angestellten bei Boehringer fand Kißener 2015, S. 77/78, nur einen einzigen, der in die NSDAP eingetreten war (Wilhelm Dethloff, 1942), obwohl der Nieder-Ingelheimer NSDAP-Ortsgruppenleiter Glässel, selbst Prokurist bei Boehringer, immer wieder darauf drängte, dass mehr Parteigenossen eingestellt werden sollten.

Ökonomisch profitierte die Firma Boehringer von der Kriegswichtigkeit ihrer Arznei-Produkte Sympathol, Lobelin, Aludrin und Coffein, für die 1943 wegen des zunehmenden Bombenkrieges Ausweichproduktionsstätten in Biberach errichtet wurden (Siebler, Mit Menschen ...).


Maehler & Kaege passten sich mit der Aufnahme der Produktion von elektrischem Autozubehör dem Bestreben der NS-Führung an, die auf eine rasche Automobilisierung Deutschlands drängte, und während des Kriegs besaß das Unternehmen eine hohe Bedeutung für die Produktion von kriegswichtigen Gütern. Die Dachpappenfabrik Rhenania an der Rheinstraße profitierte vom Bauboom bei Baracken für den Arbeitsdienst und die Wehrmacht sowie später für ausländische Arbeitskräfte und KZ-Häftlinge. Die Chemische Fabrik Frei-Weinheim, die seit 1933 Aktivkohlen herstellte, bekam große Aufträge zur Herstellung von Gasmaskenkohle. Ebenso stellte die Ingelheimer Maschinenfabrik (Jäneke) neben ihren Pressen auch Teile für Flak-Geschütze her.


Insgesamt verwandelte sich dadurch die Lage der Ingelheimer Industrie von der Arbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise zu einer wachsenden Nachfrage nach Arbeitskräften. Diese konnte während des Krieges nur noch mit vermehrtem Einsatz von Fremdarbeitern, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen gedeckt werden (siehe Beitrag Ruppert-Kelly).


Dass diese staatlich nachgefragte Konjunktur von Rüstungsgütern nur durch eine immer stärkere, bis 1945 versteckte Staatsverschuldung möglich war, konnten damals wohl nur sehr wenige Beobachter erkennen.


Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang bleiben, dass seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten Juden planmäßig aus dem Geschäfts- und Berufsleben verdrängt und schließlich völlig enteignet wurden. Davon profitierten natürlich die lokalen Unternehmen, Kleinstbetriebe, Privatleute und die Gemeinden. Außerdem tauchten arbeitslose Juden nicht mehr in den offiziellen Statistiken auf.


Kalogrias fasst zusammen (S. 282):

„Der Partei gelang es ... in kurzer Zeit, die örtlichen Unternehmen dem eigenen Herrschaftsanspruch unterzuordnen und sie in den Dienst der eigenen Propaganda zu stellen.

Es lassen sich keinerlei Hinweise dafür finden, dass hier Widerstand gegen die Indoktrinierung stattgefunden hätte. Vielmehr agierten die Unternehmerfamilien wohl auf der Grundlage von pragmatischen Erwägungen: Es galt, das Überleben des eigenen Betriebs zu sichern. Allerdings kann auf der Grundlage dieser Anpassungsbereitschaft auch nicht stringent auf eine tiefgreifende nationalsozialistische Überzeugung der einzelnen Firmeninhaber geschlossen werden. Hier bedürfte es weitergehender Untersuchungen.

Die Ingelheimer Industrie profitierte aber in ganz erheblichem Maße von dem wirtschaftspolitischen Kurs des NS-Regimes. Der nationalsozialistische Protektionismus für alle kriegswichtigen Betriebe verhalf zahlreichen namhaften Ingelheimer Betrieben schließlich zu Großaufträgen und stattlichen Gewinnen.“

Zu Boehringer Ingelheim fasste Kißener 2015 zusammen (aus: S. 249-251):

Die Führung von C.H. Boehringer Sohn erlebte … den Beginn des „Dritten Reiches“ in der für viele deutsche Unternehmer typischen Distanziertheit und sie passte sich wie diese in den folgenden Jahren an die neuen Verhältnisse an, da das Privateigentum erhalten blieb und Aussicht bestand, auch unter der NS-Führung das Unternehmen gewinnbringend fortzuführen. Zu dieser Anpassung gehörte auch der Parteibeitritt, den Julius Liebrecht schon 1933, Albert Jr. und Ernst Boehringer um 1937 vollzogen, um das Unternehmen vor der Einflussnahme der Partei möglichst abzuschirmen und Geschäftsinteressen abzusichern. Das gelang auch insofern, als die Direktoren mit einer Ausnahme nicht in die NSDAP eintreten mussten, nur auf der mittleren Führungsebene war schließlich der formale Nazifizierungsgrad höher...

Gewiss haben Ernst und Albert Boehringer Jr. genauso wie Julius Liebrecht die außenpolitischen „Erfolge“ des NS-Regimes, insbesondere die Aufrüstung, die Remilitarisierung des Rheinlandes und den Anschluss Österreichs begrüßt, aber zu keinem Zeitpunkt lässt sich jene Nähe zu NS-Funktionsträgern finden, wie sie für das Hoechster Werk der I.G. Farbenindustrie beschrieben worden ist, wo sogar die Tochter des NSDAP-Gauleiters Jakob Sprenger arbeitete. Auch besondere Verbindungen zu den Spitzen des NS-Staates … oder gar die Einbeziehung von NS-Funktionären in die Führungsgremien der Firma, wie sie für die Degussa nachgewiesen wurde, sind nicht bekannt. Selbst besonderen Ämtern in der Wirtschaftsverwaltung des NS-Staates ging man nachweislich aus dem Weg. Kein Mitglied der Führung von Boehringer Ingelheim trug beispielsweise den Titel eines „Wehrwirtschaftsführers“, den sogar das Nicht-Parteimitglied Hans Constantin Paulssen führte.

Vielmehr übte sich die Unternehmensführung in ihrer traditionellen politischen und öffentlichen Zurückhaltung, wo es nur ging, schon um weiteren öffentlichen Diffamierungen, wie sie Julius Liebrecht wegen seines Einkaufes bei einem jüdischen Metzger hatte erleben müssen, künftighin zu entgehen. Solche Nachstellungen sind nicht als Beleg für „Widerständigkeit“ im engeren Sinne zu werten, sie sind vielmehr ein Hinweis auf den Konformitätsdruck, dem sich auch Unternehmer ausgesetzt sahen, aus dem aber keine grundsätzliche, gar politische Widerständigkeit erwuchs.

Die Angehörigen der Familie Boehringer gehörten trotz vielfältiger Kontakte zu Mitgliedern des deutschen Widerstands vom 20. Juli 1944 nicht zu den ganz wenigen Unternehmern in Widerstandskreisen.

Wollte man eine Typologie unternehmerischen Verhaltens in der NS-Zeit erstellen, wie dies einmal ansatzweise Bräutigam/Schuster/Welek versucht haben, so wäre die Führungsebene von C.H. Boehringer Sohn wohl am ehesten jener dort umschriebenen Gruppe zuzuordnen, die sich zwischen Anpassung und partieller Resistenz bewegte.

Allein hinsichtlich des Umgangs mit jüdischen und vermutlich auch mit politisch verfolgten Mitarbeitern suchte die Unternehmensleitung die ideologischen Vorgaben insgeheim zu unterlaufen, indem man den Verfolgten Hilfe zukommen ließ, wo es nur ging, und versuchte, jüdische Mitarbeiter, solange es möglich war, zu halten. Damit unterschied sich Boehringer Ingelheim zum Beispiel deutlich von dem Verhalten der meisten auf deutschem Boden tätigen Schweizer Pharmafirmen, die sich dem antisemitischen Druck fügten und sehr schnell insbesondere aus Führungsetagen Juden entfernten, um nicht als jüdischer Betrieb angesehen zu werden.

 

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Gs, erstmals: 12.12.11; Stand: 23.02.17