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Der Judenfriedhof im Nieder-Ingelheimer Saal neben der Aula Regia


Autor und Fotos: Hartmut Geißler
unter Heranziehung der diesbezüglichen Archivalien im Ingelheimer Stadtarchiv: Rep II/1244, Rep. III, 12, 13, 14, 19, 21, 25, 138, 150.1, 161

sowie von
Meyer/Mentgen S. 515 ff.,
Clemen 1890 S. 66,
der Informationstafel des Friedhofes
und http://www.alemannia-judaica.de/ingelheim_friedhof.htm (31.08.11)


"Der älteste lokalisierte jüdische "Todtenhof im Saal" in Nieder-Ingelheim (Straße "Im Saal" im Bereich der westlichen Außenmauer der Kaiserpfalz/"Aula Regia") wurde vermutlich seit etwa 1688 belegt. In der NS-Zeit wurden die Grabsteine zum Friedhof an der Hugo-Loersch-Straße gebracht. 2002 wurden sie wieder auf dem alten Friedhofsgrundstück aufgestellt, darunter auch der älteste erhaltene Grabstein von 1726."  (alemannia-judaica) Der jüngste von Klaus Dürsch entzifferte Grabstein stammt aus dem Jahre 1830 (Veith Uri Mayer).

Auf der Informationstafel heißt es, dass er "frühestens um 1700 angelegt" worden sei, "in einer Zeit, als der Pfalzbezirk schon lange nicht mehr als Aufenthaltsort von Königen und Kaisern genutzt wurde", und auch nicht mehr als burgähnliche Festungsanlage wie bis in den 30jährigen Krieg hinein.

Der Friedhof im Saal wurde bis etwa 1840 benutzt, nachdem die jüdische Gemeinde 1836 ein neues Friedhofsgelände in der Ober-Ingelheimer Hugo-Lörsch-Straße erworben hatte.

Im Dezember 1888 einigte sich die Gemeinde Nieder-Ingelheim mit der jüdischen Gemeinde, dass das Gelände in Erinnerung an Karl den Großen zu einer Grünanlage umgestaltet werden durfte. Dabei wurde ausdrücklich die Schonung der vorhandenen Gräber zugesagt und eine Niveau-Erhöhung der Gräber ausgeschlossen. Ausgrabungen in der Aula regia hatten aber zuvor schon im August 1888 stattgefunden und fanden weiter im April 1889 durch Prof. Clemen und von 1909-1914 durch Prof. Rauch statt.

Von 1926 an ergaben sich (wie schon zeitweise im 19. Jh.) Konflikte um diesen ehemaligen Friedhof, weil die weltliche Gemeinde Nieder-Ingelheim seine dauernd nötige Pflege nicht übernehmen wollte, ohne das Gelände als Eigentum überschrieben zu bekommen. Man einigte sich schließlich auf eine Kostenbeteiligung der jüdischen Gemeinde. Erst 1934, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, konnte sich die weltliche Gemeinde Nieder-Ingelheim mit ihrem Bestreben, das Grundstück zu erwerben, nach der Drohung mit einem förmlichen Enteignungsverfahren durchsetzen (3. Oktober 1934). Die Verhandlungen dazu fanden am 16. Oktober 1934 statt, die Eigentumsübertragung bestätigte des Amtsgericht in Bingen am 23. April 1935: "Fl. I Nr. 820 Todtenhof im Saal, 513 qm". Nach dem Gemeinderatssitzungsprotokoll ging man damals davon aus, dass es in der Aula regia keine Gräber mehr gab.

Seitdem ist die Stadt Ingelheim als Rechtsnachfolgerin von Nieder-Ingelheim Besitzerin sowohl des schmalen Streifens als auch des südlichen Teiles der Aula regia, die beide zu der Flur 820 gehörten.

Die Informationstafel enthält dazu folgende Skizze, die aus Unterlagen des Deutschen Burgen-Archiv in Braubach stammt:

Ganz links ist der Wehrgraben eingezeichnet, über den im Eingangsbereich des Saales (unten links) eine Brücke führte. Das ist die Stelle, an der heute die Straße "Im Saal" von der "Natalie-von-Harder-Straße" abzweigt. Sie durchquerte dann die beiden Mauern und setzt sich heute bis zu ihrer Mündung in die Heidesheimer Straße fort. Von ihr führt der jetzige Zugang zu dem Friedhof durch ein Eisentor (Schlüssel im Museum!). 

Dunkelgrau ist der Bereich des ehemaligen Friedhofs eingefärbt, der sich an der westlichen Außenmauer der Aula Regia entlang zieht, die in die innere Wehrmauer integriert wurde, hellgrau der Bereich bei der Apsis der Aula regia.

Im Zuge der Ausgrabungsarbeiten im Pfalzbereich und der Neugestaltung des Zuganges zur Aula Regia wurde der Friedhof getrennt davon wiederhergestellt und die Grabsteine wurden im Jahre 2002 wieder aus Ober-Ingelheim zurücktransportiert und hier aufgestellt, 23 von den ursprünglich 25 verzeichneten Gräbern von 1935. Der wiederhergestellte Friedhofsbereich lässt sich von Norden wie von Süden nur als langer Schlauch fotografieren, wobei im Nordbereich (1. Bild unten) diejenigen Grabsteine aufgestellt wurden, die keiner Grabstelle mehr zuzuordnen sind:

 

 

 

 

 

 

Diese Grabsteine stehen im hinteren Bereich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blick vom Eingang her; beide Hausmauern bestehen z. T. aus altem Gestein: links aus dem letzten Teil der äußeren Zwingermauer und rechts aus der Wehrmauer, die die Außenmauer der Aula Regia mit verwendet hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So wie dieser Grabstein sind alle anderen Grabsteine dieses Friedhofes aus dem 18. und 19. Jahrhundert nur mit hebräischen Buchstaben beschriftet.

 

Zum jüdischen Friedhof in Ober-Ingelheim

Zum jüdischen Friedhof in Großwinternheim

Zur Geschichte der Ingelheimer Juden bis 1933

 

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Gs, erstmals 24.10.10; Stand: 27.02.17