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Der Leinpfad und seine Probleme


Autor: Alexander Burger (BIG 3, 1951, S. 75 - 77)
mit Ergänzungen aus Volk, Mittelrhein, durch Hartmut Geißler

 

Ein durch Pferde flussauf gezogenes Schiff. Die Treidelleine war an einem Mast auf dem Vorderteil des Schiffes befestigt.


Vorbemerkung (Geißler):

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit kann der Treidel-Verkehr an unserem linken Rheinufer nicht sehr bedeutend gewesen sein, denn die Hauptroute aufwärts verlief nach Volk folgendermaßen: Auch wenn es im tief eingeschnittenen Tal des Mittelrheines auf beiden Seiten Treidelwege gab, so bevorzugte man es, wenn man linksrheinisch heraufkam, bei Nieder-Heimbach oder Trechtingshausen auf die rechte Seite zu wechseln, um die Überquerung der Nahemündung zu vermeiden und die Felsen bei Bingen durch das "Binger Loch" zu durchfahren, das rechtsrheinisch lag. Dann zog man die Schiffe weiter auf der steileren und dadurch günstigeren Rheingauseite bis Walluf und wechselte wieder auf die linke Rheinseite, um die Main-Mündung zu umgehen bzw. um nach Mainz zu gelangen.

Gezogen haben sowohl Pferde - eigene ebenso wie geliehene - als auch "Stromer"-Mannschaften.

Das bedeutete, dass auf der linken Rheinseite oberhalb von Trechtingshausen bis Budenheim kaum getreidelt wurde, es sei denn, Schiffe aus Bingen, die nach Mainz wollten. Der Hauptverkehr umging damit auch das flache linksrheinische Ufer bei Ingelheim.

Treidelwege ("Leinpfade") sollten nach einem frühen Erlass des Merowingerkönigs Childerich I von 558 an einer Seite eine Rute breit sein, also etwa 3 bis 5 Meter. (Volk, S. 445, Anm. 133)

Zur Zeit Kaiser Friedrichs I. wurden die Leinpfade am Rhein wie die an anderen Flüssen des Reiches als Teil des königlichen Stromregals betrachtet. Sie gehörten zum Rhein als der libera et regia strata, da eine Schiffahrt auf dem Fluß ohne sie nicht denkbar war. Mit dem Leinpfadrecht war ein besonderes königliches Geleitsrecht gegenüber allen verbunden, die den Uferweg mit ihren Pferden nutzten. Aus Leinpfad- und Geleitsrecht ergab sich andererseits die Verpflichtung, den Uferweg instandzuhalten, der durch die Pferdehufe ganz besonders beansprucht wurde, seine notwendige Breite durch das Freihalten von Bäumen, Büschen und Treibgut zu gewährleisten und die Uferböschung, die von Hochwasser und Eisgang geschädigt wurde, zu befestigen und zu sichern. Dort, wo Nebenflüsse oder Bäche in den Rhein münden, mußte eine Brücke, zumindest aber eine sichere Furt für die Treidelpferde angelegt werden. Zu den Kosten für diese Instandhaltung des Leinpfads, die wohl von den Bewohnern der Rheinuferorte auszuführen waren, wurden die Schiffer und Reisenden durch die Erhebung von Zöllen und Geleitsabgaben herangezogen, auch wenn sich die Abgaben früh verselbständigten und ihre ursprüngliche Zweckbestimmung bald nicht mehr erkennen ließen. (Volk, S. 445)


Burger: Der Leinpfad

Unter Leinpfad verstand und versteht man den Pfad, der längs des Rheines entlangführt und auf dem die Männer oder die Pferde gingen, die das zum Fortbewegen der Schiffe auf Bergfahrt benutzte Seil (die Leine) zogen. Die Darstellung seiner Geschichte, so interessant und so aufschlußreich für die zwischenstaatlichen Beziehungen der Rheinuferstaaten sie auch ist, liegt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit. Die Gemeinden hatten damit nichts zu tun. Die Unterhaltung des Leinpfades war Sache des Staates, oblag denjenigen Fürsten und Herren, welche die Zölle zu erheben berechtigt waren, während die Reinhaltung den einzelnen Privatbesitzern von Grund und Boden zukam.

Die Auseinandersetzungen, die sich um ihn durch die Jahrhunderte zogen, standen in engster Verbindung mit den nicht abreißenden Streitigkeiten, die um die Kontrolle der Schiffahrt auf dem Rhein und die damit verbundenen Zolleinnahmen geführt wurden.

Solange die Bergschiffahrt nur durch Menschenkraft oder mit Zugpferden betrieben werden konnte, kam dem Leinpfad natürlich eine besonders hohe Bedeutung zu. Seine gute oder schlechte Erhaltung bedeutete Erleichterung oder Erschwerung der Schiffahrt, was zu egoistischen Zwecken einzelner das Ufer beherrschenden Herren immer wieder ausgenutzt wurde. Manche Konferenz wurde darum abgehalten und viel Tinte verschrieben, aber auch hier machte sich das Fehlen einer Zentralgewalt immer mehr fühlbar, die mit starker Hand die nur zu oft gegeneinander strebenden Interessen der Territorialherren auf den gemeinsamen Nenner des Gemeinwohls hätte bringen können.

Ein Leinpfad bei Ingelheim ist schon im 12. Jahrhundert ausdrücklich urkundlich erwähnt. Natürlich ist er aber wesentlich älter. Denn an dem Tage, an dem das erste größere Schiff von starken Männerfäusten zu Berg gezogen wurde, begannen die Treidler den Weg zu bahnen, der später als Leinpfad ein Teil des Rheinfahrdienstes wurde. Man kann mit vollem Recht sagen: zu bahnen.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein gehen die Klagen über schlechten Zustand des Leinpfades an einzelnen Stellen, daß er mit Geheck und Dornen verwachsen sei, so daß den ziehenden Menschen ihre an sich schon recht mühsame Arbeit noch erheblich erschwert werde. Zwischenstaatlich hatte man ja Vorkehrungen getroffen, die der Unterhaltung eines guten Uferweges dienen sollten. Die Konferenz zu Bacharach (am 20. Mai 1717) hatte zwischen den Uferstaaten Vereinbarungen nach verschiedenen Richtungen hin gebracht und dabei auch den Leinpfad nicht vergessen, für dessen Unterhaltung von allen Teilnehmern einzuhaltende Bestimmungen getroffen wurden. Aber allem, vielleicht wirklich gut gemeintem Streben setzte sich auch hier dasselbe Hindernis entgegen, das wir, die Unterhaltung der Rheindämme störend, wirken sehen. Denn auch hier waren Eigentümer des Grundes, über den der Leinpfad zog, private Besitzer.

Jedesmal, und das war vor allem nach den großen Überschwemmungen der Fall, wenn der Leinpfad aufgerissen, mit Steinen bedeckt oder mit vom Wasser angeschwemmtem Holz übersät war, wenn also seine Instandsetzung nicht zu umgehen war, setzte ein Verhandeln und Unterhandeln mit den Privatbesitzern ein, bis diese endlich sich bereit finden ließen, das oft nur wenige Meter betragende Stück, das ihr Eigentum war, über das sie aber auch recht eifersüchtig wachten, wieder einigermaßen instand zu setzen.

Die Aufsicht über den Leinpfad auf der Ingelheimer Uferstrecke hatte zuletzt in der kurpfälzischen Zeit der in Frei-Weinheim wohnende Förster. Ein Bericht von ihm an das Oberamt vom 9. August 1784 gibt Aufschluß über den damaligen Zustand des Leinpfades, aber auch über manche Schwierigkeit, die sich seiner Instandsetzung in den Weg stellte.

Förster Dietrich berichtet, daß auf Frei-Weinheimer Gebiet dem vom Oberamt erlassenen Befehl, den Leinpfad zu säubern, sogleich „von denen anstoßenden Herren Chevalier und privat persohnen“ nachgekommen. Nun habe aber auch die kurfürstliche Hofkammer dort „ein ganz geringes stücklein mit Weyden Köpf“. Dieses sei früher verpachtet gewesen, jetzt aber wolle es, weil es gänzlich ruiniert sei, keiner haben. Gerade dieses Stück aber mache den Schiffern „wegen da befindlichen stumpfen sehr viel Verhinderung und Kosten“. Wer, so fragt der Förster, habe nun dieses Stück zu reinigen und wer habe die Kosten dafür zu tragen? Ferner, so fährt er fort, „befindet sich noch ein Distrikt Klauer an dem Heringsloch und neuen Graben Nieder-Ingelheimer Gemarkung und dasiegen Bürgern gehörig, alldorten ist das mehreste von Riestern und anderm stark gehölz zu räumen, obzwarn ich nun die Obrigkeit zu Nieder-Ingelheim sogleich die anzeig davon gemacht dieselbe auch denen eigenthümern anbefohlen diesen Leinpfad nach angaben (von) mir, dem einschlagenden Forstbedienden, zu räumen, so ist aber bis dato der Befehl nicht befolget worden“.

Auch aus späteren Jahren kommen dieselben Klagen vor. Es konnten sogar Versteigerungen von Holzwerk, das beim Räumen des Leinpfades abfiel, vorgenommen werden. Man spricht jetzt von dem für die Bergschiffahrt sehr gefährlichen „und beinahe nicht mehr zu begehenden Leinpfad unterhalb dem Orte Weinheim, sowie auch auf der jungen Au und dem alten Sand“ und verweist von der Regierung her darauf, daß die Räumungsarbeiten unverzüglich zu erfolgen hätten die Regelung der Vergütung für diese, den privaten Grundbesitzern zu kommende Arbeiten müsse abgewartet werden, dürfe aber keineswegs zu einem Hinausziehen derselben führen.

Ebenso wie beim Rheindamm wurden die Schwierigkeiten, die bei der Reinhaltung des Leinpfades zu überwinden waren, erst beseitigt, als der Staat den Grund und Boden übernahm. Nur mit einem Unterschied: während der Damm auch weiterhin seine bedeutungsvolle Stellung als Schutz der heimischen Gemarkung vor Eisgang und Hochwasser beibehielt, wurde der Leinpfad mit dem Aufkommen der Dampfschiffahrt nach und nach immer mehr seiner ursprünglichen Bedeutung entzogen.


Die Straße "Leinpfad" in Frei-Weinheim, die relativ weit ab vom Rhein liegt (etwa 1,2 km, gleich nördlich der Konrad-Adenauer-Straße), trägt nach Saalwächter, BIG 13, S. 124, diesen Namen, weil dieser Weg früher ein Teil des Rückweges der geliehenen Lein-Pferde war, die auf dem eigentlichen Leinpfad am Ufer als Gegenverkehr gestört hätten. Leinpferde, die von Bingen nach Worms gezogen hatten, wurden sogar sehr viel weiter im Hinterland zurückgeführt, den direkten Weg von Worms ungefähr entlang der heutigen A 61 nach Bingen, mit Station in Flonheim.

Seit den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das Treideln und Rudern der Boote allmählich von der neuen Dampfschifffahrt abgelöst, so dass die Leinpfade nicht mehr baumfrei bleiben mussten und im 20. Jh. bepflanzt werden konnten. Die Hybridpappeln am Frei-Weinheimer Leinpfad, die nach dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt worden sind, mussten in den letzten Jahren zunehmend gefällt werden, weil sie nach einer Mitteilung des Wasser- und Schifffahrtsamtes Bingen (AZ, 17.10.13) die Grenze ihrer durchschnittlichen Lebenserwartung erreicht haben.

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Gs, erstmals 12.03.06; Stand: 05.03.17