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Oberhofurteil Ober-Ingelheim 11. Mai 1437 in einem Kreuznacher Rechtsstreit


Autor: Hartmut Geißler
aus Loersch, S. 16/17 Nr. 19. Kreuznach, 1437, Mai 11, I, Bl. 43.


"Actum sabbato post ascensionis, anno xxx vijo.

Die scheffene von Cr.
Dis ist ansprach und antwort

Clasen von Rudesheim und Heinrice Spengelers, als vor gerichte zu Cr. gelut hait, darumb die scheffen daselbs usgeheischen hant. Zu wissen das Clais von Rudesheim Heinrich Spengelers zugesprochen, so wie er an den pherner und heren Johannen Hilgern kommen si und habe gesagt, Clais habe ein hus umb sinen son kauft gehabt und das habe er getain mit faren [Bösartigkeit; Gs] und ufsatz [Betrug; Gs] und in wuchers wise, und sie sollen ine underrichten, daz er den kauf abestellen wulle, und wulle er den kauf nit abestellen, so sollen sie ime daz sacrament verbieden; dun sie des nit, so wulle er sie gen Basel heischen und daz Heinrich solichs getan gehabt hait, schade Clasen nach erkenteniss des gerichtes, und hait ime des ein antwort geheischen.

Darof hait Heinrich ein schrift gelesen und vorter gesagt, daz wolle er zu einer antwort geben, also ludend: Und als ich mins junchern Hermans und juncher Meinharts inne disen sachen nit genissen mochte gen Clasen obgenant, da bin ich gangen zu mime heren dem pherner, zu her Johan Hilger und heren Peter Kloppelen, und hain ine die sache erzalt und von Clasen und junfrauwe Gretgin geclagt clegeliche, das sie mir und den minen unser hus vorbehalten, daz dunke mich ein ufsetziger [betrügerischer; Gs] alfanz [Possen; Gs] und ein boser wucher sin, und hain sie gebeden, wilcher von ine des obgenanten Clasen und junfrauw Gretgins bichter ["bichter" bei Loersch; Schreib- oder Druckfehler statt "Richter"? - Gs] si, das er es durch gots willen duwe als ein selenbewerner [Seelenbeschützer; Gs] der vorgenanten Clasen und jungfrauw Gretgins und wulle sie underwisen, mir und minen cleinen weisen, die nit en hant anders dann ich ine geben, unser hus und erbe obgenant lassen und daz gelt davon hinder gericht zu nehmen, als verre sie recht darzu haben; wullen sie sich aber nit lassen wisen und die zwei jare zu und inne zu haben nach der losunge, so truwe ich, sie versten, daz es ein boser wille, ein ufsetziger alfanz und ein boser wucher si und Clais und jungfrauw Gretgin daruber zu underwisen. In solichem willen und ufsatz, so rade ich, das sie ine sagen, ich habe gesagt, ich wulle es vorbringen inne dem heiligen concilio zu Basel von dem, der ine unsern heren got gebe, und finde es sich an dem concilio, | das er rechte dar habe getain, ine unsern heren got zu geben in solichem vorgeschreben willen und ufsatz, so wulle ich es dabi lassen, finde es aber unrecht getan und straflich, so wulle ich darzu raden und helfen so verre ich iemer mag, das der, der ine unsern heren got geben habe in solichem vorgeschreben willen und ufsatz min und der miner erbe zwei jare nach der losungen [Auslösung; Gs] zu besitzen wieder unsern willen, gestraft werde als verre er darinne zu strafen si, und des wulle ich nit lassen und habe daz versprochen zu dun bi dem eide, den ich der stat Cr. getan habe; doch sie wullen ine unsern heren got geben uf ire concientz, daz sie ine sprach dun, ob sie des kosten oder schaden liden werden sie davon zu entheben, und meinen, sie sullen es billichen dun. - Und waz ine Clas daruber anlange si er unschuldig.

Darzu hait Clais in siner nachreden gesagt: ‚Scholteiss! Ich wil die unscholt nit verboden, dan als sin antwort mit etlichen me puncten nach lude siner schrift inhelt, des erkennen ich nit und stellen vorter zu rechte, wie er das bibringen sulle?' Darzu hait Heinrich gesagt: er hoffe, er habe wol geantwort. Dargegen hait Clais gerette: er sage darwider nit, daz er nit geantwort habe, dan er habe etliche stucke inne siner verschrebener antwort lassen luden, der er nit gestee, und stelle zu rechte, wie Heinriche es bibringen sulle, daz das also si.

Sententiatum: Diewil Heinrich viel puncte erkant hat und for daz uberge gebotden hat ein unschult, die doch Clais nit verbotten wolte, wie er etliche puncte in siner entwert berort, die er nit bekenne, bibringen solle, und unterscheidet doch nit, wie und welch puncte er nit bekenne und bibringen solle, so sal Heinrich bi siner unschulde verliben.

Item umb den kosten. Sententiatum: Dut Heinrich die unschult, so darf er den kosten nit bezalen; aber tede er die unschult nit, so sal er den kosten bezallen. Nota. Clas Hepe und Fulmann von Kirberg, scheffene zu Cr., promiserunt ut in forma 1).

1) dies Urteil steht ausgestrichen Bl. 42 mit der Randbemerkung hic non est locus."


Erläuterungen:

1. Nach dem stets lateinisch geschriebenen Tagesdatum (hier: Samstag nach Himmelfahrt des Jahres [1]437) erfolgt
2. die Angabe der Schöffen, die den Ingelheimer Oberhof anrufen (hier: Die Schöffen von Kreuznach; von dort kamen die weitaus meisten Anfragen in Ingelheim nach der Zusammenstellung bei Loersch, S. XXXVI-VII).
3. Im ersten Absatz wird kurz der Prozessverlauf bisher in Kreuznach dargestellt: Ein Heinrich Spengler hat einen Clas von Rüdesheim [wahrscheinlich das R. bei Kreuznach; Gs] angeklagt wegen eines wucherischen Hauskaufes durch Clas, den er rückgängig machen solle; andernfalls sollte das Gericht ihm die Teilhabe am Sakrament verbieten [sozusagen exkommunizieren]. Falls das Gericht diesem Antrag nicht folge, wollte Heinrich sie beim Konzil von Basel (!) vorladen. Dies schade nach Ansicht des Kreuznacher Gerichtes dem Clas v. R. und deshalb habe es diesen Fall dem Ingelheimer Gericht vorgelegt, also nicht wegen des Streites um das Haus selbst.
4. Darauf hat der Kläger Heinrich seine Anklagepunkte aus einer Schrift vorgelesen.
5. Clas hat darauf geantwortet, dass er nicht anerkenne, dass Heinrich nun mehr Anklagepunkte vortrage, von denen er aber nicht alle eingestehe.
6. Urteil des Oberhofs: Heinrich bleibe unschuldig, weil er erstens Clas für seine Übertretung ("ubergé") einen Reinigungseid leisten ("unschult gebodten") wolle, den dieser nicht abgelehnt habe, und weil dieser nicht angegeben habe, welche Punkte in seiner Anklageschrift Heinrich zusätzlich beweisen sollte.
7. Zu den Kosten des Verfahrens: Wenn Heinrich den Reinigungseid leiste, dann brauche er auch keine Gerichtskosten zu zahlen, wenn nicht, dann doch.
8. Zwei Schöffen aus Kreuznach (Clas Hepe und Fulmann von Kirberg) bestätigen die Richtigkeit der Mitschrift ("ut in forma").

 

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Gs, erstmals: 01.01.09; Stand: 27.02.17