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Die Jahrtausendfeier der Synode von 948 im Jahre 1948


Autor: Hartmut Geißler
nach Zeitungsberichten und Ernst Emmerling

Ottos Monogramm über dem Eingang zur Turnhalle

 

"Ein bedeutendes Ereignis im Jahre 1948 war die Jahrtausendfeier zur Erinnerung an die 948 unter dem deutschen Kaiser Otto dem Großen abgehaltenen Synode in Ingelheim. Der Festschmuck an der Nieder­-Ingelheimer Turnhalle zeigt das SIGNUM DOMINI OTTONIS MAGNI ET INVICTISSIMI IMPERATORIS AUGUSTI (Monogramm des großen und unbesiegten Kaisers des Erhabenen). Insbesondere schloß die wiedergegründete Mainzer Universität ein freundschaftliches Band mit Ingelheim." Aus: Ingelheimer Chronik, S. 222

Ingelheimer Zeitungen berichteten:

"16. April 1948 - "Die abendländische Passion, ein Schauspiel über die Ingelheimer Synode 948" ist ein Festspiel, das Karl Heinz Rühl vom Mainzer Stadttheater für die Feierlichkeiten der tausendsten Wiederkehr der Synode Ottos des Großen schrieb. Es wird auf der Freilichtbühne Ingelheim-Süd aufgeführt. Die Inszenierung wird Prof. Hanns Niedecken- Gebhard (Göttingen) übernehmen.

5. Juni 1948: Aus Anlaß der 1000jährigen Wiederkehr der Synode, die Otto der Große am 7. Juni 948 in der Pfalz zu Ingelheim abhielt, will die Stadt durch ein dreitägiges Fest den Gedanken an dieses glanzvolle historische Ereignis wachhalten. Im Mittelpunkt der geplanten Veranstaltungen, die vom 5. bis 7. Juni 1948 dauern, steht ein Festakt, bei dem der Historiker Professor Dr. Erler, der mit anderen zusammen die Anregung zur Feier dieses Ereignisses gab, über "Die Bedeutung der Synode zu Ingelheim 948 für Staat und Kirche" sprechen wird. Unter Mitwirkung der örtlichen Musik- und Gesangvereine werden die Festveranstaltungen umrahmt und ausgestaltet. Das Festspiel "Die abendländische Passion" soll dreimal gespielt werden. Für die Jugend gibt es eine Aufführung des Märchenspiels "Rumpelstilzchen" durch die Mainzer Puppenspiele Willi Biondino, Ingelheim. Der Auftakt ist die Eröffnung des zoologischen Ingelheimer Museums, Sammlung Carlo Freiherr von Erlanger, Ingelheim-Mitte, Marktplatz 10. Begrüßung durch Dr. Emmerling, Geschichtliche Hinweise durch Herrn Heinrich Saalwächter, Erklärung des Museums durch Professor Dr. von Buddenbrock, Universität Mainz. Auch das historische Museum wird mit einer Ansprache von Professor Dr. Erler, Ingelheim, wiedereröffnet. Anschließend soll die Neugründung des historischen Vereins durch Herrn Heinrich Saalwächter, Ingelheim, vorgenommen werden. Museums-, Stadt- und Kaiserpfalz-Besichtigungen sind vorgesehen.

7. Juni 1948 - Im Geiste eines vereinten Europas. Bürgermeister Dr. Rückert unterstrich in seiner Ansprache anläßlich der Synode-Feier, daß unser Blick auf das große Ereignis vor 1000 Jahren auch helfen könne, in einer geistig und politisch nach neuen Zielen strebenden Zeit diese Ziele zu erreichen. Es gelte, ins Bewußtsein zu bringen, daß jenseits des nationalen Denkens erkannt werden muß, daß das Wohl des einzelnen und seines Volkes nur im Bund mit allen europäischen Völkern gewährleistet ist."

Emmerling bringt in seinen Erinnerungen 1979 weitere Einzelheiten:

Die Initiatoren, insbesondere Professor Erler von der Mainzer Universität, wollten durch die Veranstaltung ganz dezidiert Anstöße zum Ingelheimer Kulturleben geben und dies der Öffentlichkeit auch durch die Eröffnung der beiden Museen sichtbar machen. Sie sahen die Synode als großes Friedenswerk Ottos des Großen, in einem damaligen Europa, das "noch in ungetrübter Einheit von Kirche und Staat" (Emmerling S. 184) gewesen sei. Es scheint, dass man damals unter "Europa" wohl nur das karolingisch -"abendländische" (nicht-kommunistische) Westeuropa verstand. Man suchte, so Emmerling, nach einem "neuen Gesamtempfinden" nach dem totalen Zusammenbruch des nationalsozialistischen Wahns.

Das neuen Zoologische Museum mit der Sammlung aus den Expeditionen Carlo von Erlangers wurde am ersten Festtag, dem 5. Juni 1949, in zwei neuen Schauschränken im ehemaligen Tanzsaal des Jung'schen Anwesens am Nieder-Ingelheimer Rathausplatz eröffnet (das Haus links neben der Pestalozzi-Schule), seine Exponate waren vom Mainzer Konservator Stadelmann restauriert worden.

Höhepunkt des ersten Tages sei die erste Aufführung des Freilichtspieles auf der Bühne hinter der Burgkirche gewesen, "Die Abendländische Passion", eine Gemeinschaftsproduktion von Prof. Erler, der das historischen Material geliefert hatte, von Prof. Niedecken mit seiner praktischen Theatererfahrung und dem Mainzer Schauspieler Karl Heinz Rühl, der es in dichterische Form gebracht habe, und dem Mainzer Theater sowie Ingelheimer Laienschauspielern.

Alle Bühnenhäuser der Umgebung seien zerstört gewesen, die Zuschauer sehr theaterhungrig, das Wetter hervorragend - es wurde ein voller Erfolg. Nur zwei weitere Aufführungen an den beiden folgenden Abenden habe es noch gegeben, weil man dann die geliehenen Kostüme habe zurückgeben müssen.

Am zweiten Festtag, einem Sonntag, dem 6. Juni, fanden in allen Kirchen Festgottesdienste statt, und das Historische Museum wurde in der ehemaligen Kinderschule hinter dem (Nieder-) Ingelheimer Rathaus ("Haus Mett") wieder eröffnet; ausgestellt waren die geretteten Objekte, hauptsächlich Bodenfunde und Steindenkmäler der Kaiserpfalz.

Prof. Erler hielt die Eröffnungsansprache. Anschließend wurde unter Leitung von Heinrich Saalwächter der Historische Verein nach einer Phase der Stilllegung in der Nazizeit wieder gegründet.

Der Hauptfestakt dieses Tages begann um 15 Uhr im (Nieder-) Ingelheimer Rathaus, musikalisch umrahmt vom Collegium Musicum der Mainzer Universität. Er wurde durch Lautsprecher auf den Rathausplatz übertragen. Ansprachen hielten der Kultus- und Justizminister Süsterhenn der Landesregierung, Prof. Erler mit dem Festvortrag über "die Bedeutung der Ingelheimer Synode 948", Ministerialdirektor Viehweg aus Wiesbaden ("aus der amerikanischen Zone"), Superintendent Becker und der Mainzer Oberbürgermeister Dr. Kraus. Interessanterweise sprach kein Vertreter der französischen Besatzungsmacht bei dieser Gelegenheit, obwohl das Ereignis, dessen gedacht wurde, eine französische Beteiligung durchaus nahegelegt hätte.

Es folgten Führungen durch die Museen und die Pfalz sowie Konzerte durch die Vereine an verschiedenen Stellen der Stadt. Am dritten Tag gab es noch eine Führung Emmerlings durch Ober-Ingelheim sowie das Märchenspiel der Mainzer Puppenspiele Willi Biondino und die dritte Freilichtaufführung.

Emmerling weist auf die Festschrift hin ("gehaltvoll", aber "auf schlechtem Papier", im Stadtarchiv erhalten) und auf einen Sonderstempel der Post, der bis Ende 1949 gültig blieb.

Zum Schluss seiner Erinnerung veranschaulicht er die damaligen Lebensbedingungen an der Frage der Verköstigung der auswärtigen Gäste. Es gab keine Gaststätte, also kümmerte sich Dr. Rückert u.a. um den Superintendenten Becker, während Emmerlings Familie die folgenden Gäste am runden Tisch bewirtete: den katholischen Theologen Prof. Reatz, zugleich Rektor der Mainzer Universität, Prof. Behrens, Direktor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz, den Zoologen Prof. von Buddenbrock, Prof. Erler, Prorektor der Mainzer Uni, Dr. Nessler vom Stadtarchiv Ludwigshafen und Dr. Sprater, den Leiter des Historischen Museums der Pfalz in Speyer. Auf dem Tisch stand eine große Terrine Spargeleintopf - es war Spargelzeit in Ingelheim - und etwas Wein. Der Nachmittagskaffee stammte aus einem CARE-Paket der Tante von Frau Emmerling aus Kolumbien.

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Gs, erstmals: 22.03.06; Stand: 02.02.17