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Mittelalterliche Quellen und moderne Expertisen zur Herkunft der Ingelheimer Säulen


Autor: Hartmut Geißler


Sebastian Münster erwähnt in seiner Beschreibung Ingelheims, Kaiser Karl habe Säulen aus Ravenna holen lassen und folgt damit wohl Einhard, der in seiner Biographie Karls (c. 26, 1) solches für die Basilika (hier die Kirche) von Aachen berichtet :

"... basilicam Aquisgrani extruxit auroque et argento et luminaribus atque ex aere solido cancellis et ianuis adornavit. Ad cuius structuram cum columnas et marmora aliunde habere non posset, Roma atque Ravenna devehenda curavit."

Übersetzung (Geißler):
"... baute er die Basilika in Aachen und verschönerte sie mit Gold, Silber, Leuchtern und mit Fenstergittern und Türen aus massiver Bronze. Weil er zu deren Bau Säulen und Marmor nicht von woanders bekommen konnte, ließ er sie aus Rom und Ravenna holen."

Einhard begründete den komplizierten und gewiss auch teuren Transport aus Italien unmissverständlich damit, dass Karl das gewünschte Material nicht in der Umgebung finden konnte, eben nicht in römischen Ruinen an Rhein und Mosel. Andernfalls wäre der Transport etwa von Trier nach Aachen und Nimwegen sehr viel leichter und billiger gewesen.

Diese einleuchtend begründete Beschreibung Einhards dürfte auch ein namentlich nicht bekannter "Poeta Saxo" (= "sächsischer Dichter" aus dem Ende des 9. Jh., also zur Zeit König Arnolfs und danach) in einem Preisgedicht auf Karl (Annales de gestis Caroli Magni imperatoris) aufgegriffen haben, als er dichtete, dass marmorne Säulen aus Rom und hervorragende aus Ravenna in Aachen und in Ingelheim verbaut worden seien (V. 435 ff.). Seine sehr ausführliche Beschreibung der Reste der Mainzer Rheinbrücke, die Karl ebenfalls hatte bauen lassen, zeigen, dass er sich auf weitere Quellen als Einhard stützen konnte:

Nach der Erwähnung der Marienkapelle in Aachen heißt es:

"Ingylemhem dictus locus est, ubi condidit aulam,
  Aetas cui vidit nostra parem minime.
Quorum multiplicem si quis describere laudem
  Curabit, longum texet opus nimium.
Ad quae marmoreas praestabat Roma columnas,
  Quasdam praecipuas pulcra Ravenna dedit
De tam longinqua potuit regione potestas
  Illius ornatum, Francia, ferre tibi.
"

Übersetzung in Prosa (Geißler):

"Ingylemhem heißt der Ort, wo er einen Palast gründete,
- einen gleichen hat unsere Zeit überhaupt noch nicht gesehen.
Wenn jemand den vielfältigen Ruhm dieser [beiden Werke] beschreiben
will, wird er ein zu langes Werk verfassen.
Für sie (diese beiden Bauwerke) lieferte Rom marmorne Säulen,
Manche hervorragende [Säulen] gab das schöne Ravenna (hinzu).
Aus so weiter Entfernung vermochte seine Macht
dir, Frankenreich, Bauschmuck zu bringen.
"

Und in einem Antwortbrief Papst Hadrians I. (MGH, Epp. I, S. 614), der aus der Zeit nach 787 stammen soll, hat der Papst "dem König der Franken und Langobarden" auf seine Bitte hin gestattet, Baumaterial ("Marmor und Mosaiken von Fußböden und Wänden und andere Muster/Bauteile(?)") aus einem Palast in Ravenna zu entnehmen. Holger Grewe stellte zu diesem Brief fest, dass Karl an sich "de iure und de facto" selbst über Ravenna verfügen konnte, von wo er auch das Reiterstandbild Theoderichs nach Aachen habe bringen lassen (in Kaiser und Kalifen, S. 170 f.). Insofern sei eine Erlaubnis des Papstes eigentlich nicht nötig gewesen. In diesem Brief werden weder Aachen noch Ingelheim als Bauorte explizit erwähnt. Karls Baumeister könnten das Material natürlich für die Bauten beider Orte verwendet haben. Säulen sind in diesem Brief nicht erwähnt.

Alles in allem kann und muss man nach dieser glaubhaften schriftlichen Überlieferung davon ausgehen, dass viele wertvolle "Spolien" (wiederverwendte Bauteile) aus Bauten in Italien nach Deutschland transportiert und sowohl in Aachen als auch in Ingelheim verbaut wurden, auch die Säulenschäfte. Eine chemisch-petrographischen Untersuchung der drei Säulen im Ingelheimer Museum durch das geologische Landesamt von 2007 bestätigte diese historische Überlieferung teilweise, indem sie feststellte, dass alle drei nicht aus dem Odenwald, wie man annahm, stammen können. Dieses Gutachten wurde 2017 noch einmal bekräftigt. Eine vergleichbare Untersuchung der sechs Säulen im Heidelberger Schlosshof, die nachweislich aus Ingelheim stammen, hat allerdings noch nicht stattgefunden. Es könnten die Säulen natürlich auch aus verschiedenen Quellen stammen.

Auf welchem Weg könnte das geschehen sein? Von Ravenna aus über die Etsch/Adige durch den Vinschgau und auf der noch benutzbaren Römerstraße Via Claudia Augusta über den Reschenpass hinab zum Inn bei Landeck, den Inn hinab und die Donau hinauf zur Altmühl, von der bei dem Ort Graben über die Wasserscheide zur Rezat und über die zum Main und Rhein. Das könnte auch erklären, warum Karl ein so großes Interesse an diesem Wasserweg hatte, dass er selbst im Herbst 793 die Bauarbeiten am Kanalbau bei dem Dorf Graben beaufsichtigte. Von Rom aus dürfte der Seeweg zur Rhône-Mündung sinnvoller gewesen sein als eine zusätzliche Überquerung des Apennins, dann Rhône, Saône und Doubs aufwärts und durch die Burgundische Pforte zum Oberrrhein bei Mühlhausen oder über die Mosel zum Rhein.


Gs, erstmals: 12.07.11; Stand: 15.04.19