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Die Familie von Erlanger


Autorin: Margarete Köhler (2000)
Überarbeitet und ergänzt von Hartmut Geißler (ab 2009)

 

Unten: Dr. iur. Wilhelm (Herrmann Carl) von Erlanger *27.03.1834 in Frankfurt am Main, † 17.04.1909 in Nieder-Ingelheim, aus einem Fotoalbum, das er seinem Jagdmeister Hilgert schenkte

Fotos: Hist. Verein/Gs

Caroline von Erlanger als Braut - Repro eines Dias aus dem Nachlass Weyell

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Caroline von Erlanger, geb. von Bernus

* 19.09.1843 in Frankfurt am Main,
† 31.07.1918 in Nieder-Ingelheim

 

Caroline, die Tochter des Frankfurter Senators Freiherr Franz von Bernus, heiratete am 10. Oktober 1859, gerade siebzehnjährig, den Juristen Dr. Wilhelm von Erlanger. Da sein Vater Raphael, ein äußerst erfolgreicher Frankfurter Bankier, 1871 vom österreichischen Kaiser Franz-Joseph in den erblichen Freiherrenstand erhoben worden war, ging diese Adelswürde auch auf seinen Sohn Wilhelm über, der sich das Adelsdiplom seines Vaters 1872 beim Notar Dr. Emil Gaßner in Gau-Algesheim beglaubigen ließ.

Dem Rollenverständnis der damaligen Zeit entsprechend, spiegelt sich die Lebensgeschichte seiner Frau nur in den Berichten über ihren Gatten und ihren Sohn Carlo wider.

Sie muss mit ausgeprägtem Schönheits- und Kunstsinn begabt gewesen sein. Zwei Monate vor der Hochzeit hatte Dr. Wilhelm von Erlanger in Ingelheim von Ludwig Klotz das Hofgut auf dem Belzen mit Gebäuden und 49 dazugehörenden Grundstücken erworben, um seiner jungen Frau einen standesgemäßen, repräsentativen Wohnsitz bieten zu können.

Das Anwesen erstreckte sich nach dem Zukauf weiterer Grundstücke über den weiten Raum zwischen der Binger Straße, "Pfalzmäuerchen" und Belzen über die Eisenbahn hinweg bis zum Rhein (mit dem historisierenden Jagdpavillon, der heutigen Anglerklause von 1893).

Zug um Zug wurden das Wohnhaus, "Villa Carolina" (s.u.) genannt (1938 abgerissen), sowie der Park vergrößert und verschönert. Man führte ein großes Haus und die Gäste zeigten sich fasziniert von den Wandgemälden, der Kunstsammlung und dem meisterlich angelegten Garten mit seinen botanischen Kostbarkeiten und der Fasanerie.

Die Villa Carolina vor den Umbauten - Repro eines Dias aus dem Nachlass Weyell
Die Villa Carolina nach den Umbauten etwa 1905, auf der Nordseite, von wo man einen freien Blick zum Rhein und Rheingau hatte. Fotos: Hist. Verein/Gs


Das Kunstverständnis der Baronin muss in der Sammelleidenschaft ihres großzügigen Gatten eine ideale Entsprechung gefunden haben. Zahlreiche geschäftliche und gesellschaftliche Verpflichtungen hinderten das Paar nicht daran, Kontakte zur Bevölkerung zu suchen und zu pflegen.

Sie erwiesen sich als großzügige Nothelfer, Sponsoren und Mäzene. Die Baronin veranstaltete u. a. Weihnachtsbescherungen für Ingelheimer Kinder und förderte tatkräftig mit Frau von Harder das Ludwigstift. Ihr Gatte brachte seine juristische Erfahrung im Gemeinderat ein und finanzierte aus eigenen Mitteln Maßnahmen, die der Allgemeinheit zugute kamen. Sein besonderes Anliegen war die Erhaltung historischer Baudenkmäler. Unter anderem veranlasste er die sachgemäße Wiederherstellung des Kirchturmes von St. Remigius und bemühte sich um die Erhaltung der Reste des Kaiserpalastes im Saal. Wenn es ihm auch nicht gelang, das Gelände der Aula regia anzukaufen, so konnte er doch die gärtnerische Gestaltung des Platzes und den Schutz der Apsismauer erreichen.

Als 1905 der Historische Verein ins Leben gerufen wurde, gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern und bemühte sich um den Aufbau einer Volks-Bildungs-Bibliothek. Herauszuheben ist ein Buch, das sie für den Verein kaufen ließ: Eine Ausgabe der Cosmografie von Sebastian Münster.

Das Paar von Erlanger-Bernus blieb nicht von Schicksalsschlägen verschont. Der ältere Sohn Franz setzte sich wegen einer Wettschuld ins Ausland ab und wurde von seinen Eltern enterbt, während der jüngere, Dr. Carl Viktor Heinrich von Erlanger, genannt Carlo, ein vielversprechender Zoologe und Afrikaforscher wurde. Er kam 1904 bei einem Autounfall in Salzburg ums Leben. Sein Tod hat das bis dahin so glückliche Leben seiner erfolggewohnten Eltern verändert.

Im Jahre 1909 verstarb Wilhelm von Erlanger. Das Leben seiner Frau Caroline, das noch bis zum 31.7.1918 währte, war fortan dem Gedenken an ihre lieben Verstorbenen gewidmet.

Anlässlich der Gründung des Historischen Vereins 1905 stiftete Frau von Erlanger als Grundstock für dessen Bibliothek eine Ausgabe der Kosmographie von Sebastian Münster aus dem Jahr 1545. Im September 1917 übergab sie der Gemeinde Nieder-Ingelheim Teile der Sammlungen ihres Sohnes Carlo. Diese Stiftung war der Anlass zur Eröffnung des ersten Ingelheimer Museums.

Der Besitz der von Erlangers ist von ihren Erben, den Prinzessinnen Mathilde und Friederike zu Solms-Braunfeld, an die Familie Boehinger verkauft worden. Anstelle der Villa Carolina haben die neuen Eigentümer 1938 den Jägerhof errichtet.

Ein Straßenname ("Wilhelm-von-Erlanger-Straße"), die Bezeichnung "Carolinenhöhe", die Rheinklause sowie das Bonapart'sche Haus (die ehemalige Park-Apotheke) mit dem angrenzenden Park (heute Commerzienrat-Boehringer-Anlage) erinnern noch an das Paar von Erlanger-Bernus.

Mehr als 50 Jahre lang hat es durch sein über das Übliche hinausgehende Engagement das Leben in seiner Wahlheimat nachhaltig geprägt und die Herzen der Ingelheimer gewonnen. Wenn auch ihr prächtiges Anwesen der Vergänglichkeit anheim gefallen ist, so sind doch die Heimatforscher Emmerling, Burger und Saalwächter sowie Angelika Schulz-Parthu vom Leinpfad-Verlag ihren Spuren sorgfältig nachgegangen und haben die Erinnerung an die Familie zumindest literarisch gesichert.


Carlo von Erlanger * 05.09.1872 in Ingelheim, † 04.09.1904 in Salzburg

Carl Viktor Heinrich, genannt Carlo, der jüngere Sohn von Caroline und Wilhelm von Erlanger, zeigte schon früh naturwissenschaftliches Interesse. Seine besondere Vorliebe galt dabei der Vogelwelt. Bereits in seiner Frankfurter Gymnasialzeit soll er im Senckenbergmuseum das Präparieren gelernt haben. Eine gewisse Sammelleidenschaft war ihm außerdem von Kind an eigen. In seiner Studienzeit bereitete er sich mit Zielstrebigkeit darauf vor, eigene wissenschaftliche Forschungsreisen in Afrika durchzuführen. Bei seinen Eltern fand er für seine Pläne volle Unterstützung.

Nachdem er in Begleitung von Paul Spatz 1892 in Nordafrika praktische Erfahrung gewonnen hatte, führte ihn die erste von ihm ausgerüstete Expedition 1896/97 durch Tunesien.

Von 1899 bis 1901 durchquerte er Abessinien und legte dabei 2700 km zurück. Mit großer Professionalität und Genauigkeit wurden Flora, Fauna, geographische Gegebenheiten und Ethnien der durchforschten Gebiete dokumentiert.

Nutznießer des Unternehmens waren u. a. der Frankfurter Zoo und das Senckenberg-Museum, denen von Erlanger lebende Tiere bzw. Präparate übereignete. Die wissenschaftliche Bearbeitung der ornithologischen Ausbeute hatte er sich selbst vorbehalten, während er alles übrige Material großzügigerweise anderen Forschern überließ. Leider war es von Erlanger nicht vergönnt, seine Arbeit zu Ende zu führen. Mit einigen Vorträgen und Veröffentlichungen in Fachzeitschriften hatte er bereits in der Fachwelt Aufsehen erregt, als ein Verkehrsunfall 1904 sein Leben auslöschte.

Caroline von Erlanger, die fünf Jahre nach diesem Verlust auch den Tod ihres Mannes zu beklagen hatte, machte es sich zur Aufgabe, das Andenken und wissenschaftliche Erbe ihres Sohnes zu bewahren. Seine Privatsammlung hat sie mit einem Kapital von 10.000 Mark der Gemeinde Nieder-Ingelheim gestiftet. Im Ingelheimer Anzeiger vom 25.9.1917 wird bei den Lokalnachrichten von der feierlichen Übergabe an Bürgermeister Muntermann berichtet:

"Er versprach Schutz und Schirm der wertvollen Sammlung, an der nicht nur die jetzige, sondern auch kommende Generationen ihr Wissen bereichern können."

In Ingelheim konnte auf Dauer eine Ausstellung in adäquaten Räumen nicht sichergestellt werden. Die Exponate befinden sich deshalb - nach häufigen Umzügen - aus konservatorischen Gründen bis auf weiteres als Leihgabe im Naturhistorischen Museum in Mainz. Das testamentarisch bedachte Senckenberg-Museum, zitiert in seiner Chronik unter der Jahreszahl 1918 auszugsweise:

"Caroline Freifrau von Erlanger in Nieder-Ingelheim vermacht dem Senckenberg-Museum die von ihrem Sohne Carlo v. Erlanger zusammengebrachte ornithologische Sammlung von Vogelbälgen und Eiern mit der Bitte, diese Zuwendung als eine Erinnerung an Carlo von Erlanger freundlichst anzunehmen und tunlichst als besondere Sammlung unter der Bezeichnung "Sammlung Freiherr von Erlanger" der Wissenschaft zugänglich zu machen".

Sein Andenken wird dort in Ehren gehalten. Für Ingelheim bleibt zu hoffen, dass eines Tages die der Nieder-Ingelheimer Bevölkerung gewidmete Privatsammlung aus dem Mainzer Exil geholt und stiftungsgemäß wieder in einer Dauerausstellung vor Ort gezeigt werden kann. Auf dem Nieder-Ingelheimer Friedhof wird das Familiengrab derer von Erlanger, auf dem schließlich auch der verstoßene Sohn Franz mit seiner Frau Christina, geb. Gottero, einen Ruheplatz fand, von der Stadtverwaltung sorgfältig gepflegt (s. unten).

 

Literatur

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Gs, erstmals: 19.06.09; Stand: 27.02.17